Yilmaz Dziewior - Kunstverein Hamburg

Seit 15 Jahren keine Erhöhung des Etats

Acht Jahre lang leitete Yilmaz Dziewior, 44, den Hamburger Kunstverein – Anfang 2009 wird er von Florian Waldvogel abgelöst. Wir trafen Dziewior auf ein letztes Interview – ein Gespräch über die Hamburger Kunstszene, die schwere Finanzlage und seine Zukunftspläne.
Wir nennen es Abschied:Yilmaz Dziewior über Hamburg und seine Zukunftspläne

"Ich werde nun erst einmal meine neue Freiheit genießen", meint Yilmaz Dziewior, 44

Herr Dziewior, Ihre Abschiedsausstellung für den Hamburger Kunstverein trägt den Titel "Wir nennen es Hamburg". Was verbinden Sie mit Hamburg?

Yilmaz Dziewior: Hamburg war in den letzten acht Jahren meine Heimat und berufliche Wirkungsstätte. Und ich habe es sehr geschätzt, unter welchen Prämissen ich hier arbeiten konnte. Der Vorstand kontrolliert zwar den Direktor, aber das bezieht sich vor allem auf die Finanzen. Solange die in Ordnung sind, hat der Direktor völlig freie Hand.

Es gibt Kunstvereine, da greift der Vorstand viel stärker inhaltlich in das Veranstaltungsprogramm ein. Leider konnte ich jedoch nur das realisieren, wozu ich selbst auch die Finanzierung auftreiben konnte. Der Zuschuss der Stadt reicht gerade für Gehälter und Miete – das Geld für Ausstellungen, Kataloge oder Vorträge musste ich selbst erwirtschaften. Und das ist natürlich eine harte Aufgabe.

Was macht die Hamburger Kunstszene denn so besonders?

Bildende Künstler in Hamburg haben ein starkes Interesse an Musik, sowie performativen und theatralen Strategien. Das sieht man gut an Künstlern wie John Bock, Jonathan Meese oder Christian Jankowski, die ja alle hier an der Hamburger Kunsthochschule studiert haben. Ebenso haben früher beispielhafte Projekte zur Kunst im Raum stattgefunden, die für eine internationale Diskussion sorgten. Aber heute kürzt die Stadt an allen Enden. Der Etat für Kunst im öffentlichen Raum ist rapide gesenkt worden. Deshalb passieren heute leider auch kaum mehr neue und innovative Projekte im öffentlichen Raum von Hamburg.

Ihr kuratorisches Konzept stand ja auch immer wieder in der Kritik. Man warf Ihnen gerne vor, die lokale Kunstszene zu vernachlässigen.

Diese Kritik kommt von einer handvoll Leuten, deren künstlerische Produktion ich wirklich nicht so spannend finde und deren Arbeiten ich deshalb im Kunstverein nicht ausgestellt habe. Ein Ausstellungsprogramm ist ja immer subjektiv. Man ist da immer einer Kritik ausgesetzt – und man wird am Lautesten von den Leuten kritisiert, mit denen man sich nicht beschäftigt. Aber wenn man sich meine Ausstellungen anschaut, sieht man, dass ich mindestens zu einem Viertel mit Hamburger Künstlern gearbeitet habe. Für einen Kunstverein mit internationalem Anspruch ist das schon sehr viel!

Verlassen Sie Hamburg nun mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge?

Ja, denn ich schätze die Stadt und die Künstler sehr. Auch das Bürgertum, dass den Kunstverein maßgeblich unterstützt. Und ich werde Orte wie den Pudel-Club, den Bunker und das Galeron vermissen. Aber all die finanziellen Dinge, mit denen ich mich ständig auseinandersetzen musste, und die mich viel Zeit und Energie gekostet haben, werden mir nicht fehlen.

Haben Sie Ihren Nachfolger Florian Waldvogel gewarnt?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe ihm gesagt, dass er hier den besten Kunstverein vorfindet, den es gibt! Er kann sich wirklich sehr auf diese Tätigkeit freuen. Ich habe ihm natürlich die Situation geschildert und gesagt, dass man einen Großteil der Energie für die Finanzen aufbringen muss. Aber sonst kann er sich auf tolles Haus mit flexiblen Räumen freuen – und auch auf einen guten Vorstand.

Wie lautet Ihr Fazit nach acht Jahren Direktor des Hamburger Kunstvereins?

Der Aufwand der Finanzbeschaffung war es wert. Denn so konnte ich sehr viele unterschiedliche Projekte realisieren: zum Beispiel sehr experimentelle Projekte wie die Ausstellung "Bühne03", bei der wir mit Theaterregisseuren, Musikern und Literaten zusammengearbeitet haben. Oder auch das kartografische Projekt "Mapping a City" und den Vereinsdenker.

Im Rückblick: Gibt es etwas, dass Sie anders gemacht hätten?

Ich hätte weniger die Gegebenheiten akzeptieren und stärker bei der Kulturbehörde vorsprechen sollen. Seit 15 Jahren gab es keine Erhöhung des Etats. Die Kosten sind aber seitdem immens gestiegen – und das ist kein tragbarer Zustand.

Und was nun? Wohin werden Sie gehen?

Ich werde versuchen ein Jahr frei zu arbeiten. Ich möchte nicht gleich von einer Institution in die nächste wechseln. Ich werde mit verschiedenen Kuratoren vor Ort ein größeres Projekt, dass vom Goethe-Institut finanziert wird, in Kairo, Beirut, Rabat und Fez realisieren. Dabei geht es um einen Kultur– und Künstleraustausch, bei dem ich meine deutsche Expertise einbringe. Außerdem plane ich zusammen mit Angelika Nollert im irischen Limerick eine größere Ausstellung. Und zudem arbeite ich an zwei Buchpublikationen: einmal über den Hamburger Künstler Dirk Stewen und dann, zusammen mit Uta Grosenick und Laura Hoptman, über "Art Of Tomorrow", bei dem es um sehr junge, internationale Künstler geht.

Meist folgt nach der Leitung eines Kunstvereins ja der Weg in ein größeres Museum. Gab es da keinen Ruf, dem Sie folgen wollten?

Ich bin mehrfach aufgefordert worden, mich zu bewerben. Aber ich überlege mir ganz genau, welchen Schritt ich als nächstes gehe. Und wenn morgen eine herausragende Institution anklopft, dann kann ich mir das auch vorstellen.

Welche herausragende Institution sollte denn anklopfen? Was wäre Ihre Wunschposition?

Da habe ich keine konkreten Vorstellungen. Ich kann mir das sowohl national als auch international vorstellen. Aber ich möchte mich damit jetzt nicht beschäftigen. Ich hatte acht erfahrungsreiche Jahre, aber die waren auch sehr reguliert. Ich werde nun erst einmal meine neue Freiheit genießen.

"Wir nennen es Hamburg"

Termin: bis 4. Januar 2009, Kunstverein Hamburg und Kampnagel, Hamburg. Der Katalog (inkl. einer Originalarbeit) zur Ausstellung kostet 60 Euro
http://www.kunstverein.de/