Jonathan Meese - Kassel

Der doppelte Jonathan Meese

Was dem einen erlaubt ist, ist dem anderen verboten – es gibt zwei Meese, den Privatmann und den Künstler. In Kassel steht Jonathan Meese vor Gericht weil er den Hitlergruß gezeigt hat – und macht geltend, dass das nur seine Bühnenfigur war. art berichtet vom ersten Verhandlungstag.
Der doppelte Meese:Meese in Kassel vor Gericht

Der Berliner Künstler Jonathan Meese im Landgericht Kassel

Jonathan Meese gibt es zweimal. Es gibt den, der auf der Bühne brüllt und wütet. Der seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten nicht müde wird, aggressiv die "Diktatur der Kunst" zu propagieren. Der wie besessen scheint von Adolf Hitler, von Symbolik und Machtergreifungssprache des "Dritten Reichs" – und der immer wieder, wie jüngst auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters bei seiner Performance "Generaltanz den Erzschiller", den Arm zum Hitlergruß hebt.

Und es gibt den, den der 43-jährige Provokationskünstler aus Berlin und Ahrensburg den "mickrigen Privatmenschen" Jonathan Meese nennt. Im Kasseler Amtsgericht saß am Donnerstag dieser Real-Meese auf der Anklagebank. Und es ging um die Frage, wer vor gut einem Jahr bei einem
Spiegel-Gespräch kurz vor Eröffnung der Kasseler Documenta den Hitlergruß gezeigt hat: der echte Mensch (den die Kasseler Staatsanwaltschaft wegen des Verwendens verbotener NS-Symbole angeklagt hat) oder die Bühnenfigur (die den rechten Arm wohl straffrei nach oben recken dürfte).

Die Staatsanwaltschaft hält, was als Interview zum Thema "Größenwahn in der Kunst" angekündigt war, für eben das: ein Interview. Meese – wie die beiden Spiegel-Redakteurinnen, die das Gespräch geführt hatten –, aber will den Auftritt als künstlerische Performance verstanden sehen. Damals
hatte er eines seiner handgeschriebenen Manifeste mit nach Kassel gebracht, diesmal spricht er, als er im Gerichtssaal einen ganz ähnlich aussehenden Mehrseiter entfaltet, von einer "Erklärung". Denn den Prozess will er ausdrücklich nicht zur Performance werden lassen.

"Meese macht den Hitlergruß immer nur im Rahmen der Kunst, im Schutzraum
der Kunst", liest er vor. "Meese dient der Kunst, nicht der Verherrlichung einer Ideologie." Später wird er etwas nüchterner ergänzen: Jeder, der ihn einlade, wisse, wen er sich da auf die Bühne
hole. Bei ihm könne immer alles zur Performance werden – "außer jetzt hier oder im Restaurant". Privat aber sei er ganz anders: "Ich bin gar nicht so aufdringlich, wie man denkt", sagt er. "Ich habe zwei Veranstaltungen im Jahr, ansonsten bin ich unauffällig. Ich mach doch nicht im Restaurant den Hitlergruß, ich bin doch nicht bescheuert." Und: "Ich kann auch ganz normal reden, ich laufe nicht herum wie ein Wahnsinniger."

Der doppelte Meese also. Und der Videomitschnitt des anderthalbstündigen Spiegel-Gesprächs in Kassel, der vor Gericht in voller Länge gezeigt wird, scheint das zu unterstreichen. Der Bühnen-Meese ist laut, der Real-Meese ist leise. Der Bühnen-Meese versteckt seine Augen hinter
einer dunkel getönten Hornbrille, der Real-Meese blickt mit kindlicher Freundlichkeit in die Welt. Schüchtern und staunend. Der Bühnen-Meese hatte seinen Auftritt in Kassel mit einem Fundamentalangriff auf die "Furz-Pups-Demokratie" begonnen: "Der schlimmste Feind der Kunst ist auf jeden Fall die Demokratie", rief er. "Die Demokratie ermöglicht gar keine Kunst."

Vor Gericht aber beruft sich der Real-Meese etwas kleinlaut auf die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit. Und dennoch: Wenn er auch im Gerichtssaal seine angebliche Nicht-Ideologie der Ideologiefreiheit ausbreitet, wenn er die Instrumentalisierung der Kunst durch die Demokratie beklagt, wenn er darüber schwadroniert, dass in der Tierwelt doch eigentlich alles viel besser eingerichtet sei: Dann klingt das gar nicht so viel anders als in dem Video. Nur eben netter im Ton.

Welche Schlüsse das Gericht aus alledem zieht, bleibt zunächst jedoch offen. Nach sechsstündiger Verhandlung und zwei Befangenheitsanträgen der Verteidigung ist am Abend erst einmal Schluss. Am 29. Juli geht es weiter.