Felizitas Schäfer - Hamburg

Kunstparty im Tannenwald

In diesen Tagen stehen sie traurig und mit hängenden Zweigen an allen Straßenecken: ausgediente, abgeschmückte Tannenbäume. Die Hamburger Künstlerin Felizitas Schäfer hegte schon lange den Traum, ihnen in einem Nebelwald noch eine Chance zu geben. Jetzt hat sie ihn in der Hamburger Botschaft in die Tat umgesetzt.
Kunstparty im Tannenwald:Felizitas Schäfer gibt Weihnachtsbäumen Asyl

Felizitas Schäfer installierte einen Nebelwald aus ausgedienten Weihnachtsbäumen

Still und schneeverweht war es am Sonntagabend in der Sternstraße im Hamburger Schanzenviertel. Nur aus dem großen Schaufenster der Hamburger Botschaft fiel milchiges, diffuses Licht in die Dunkelheit. Der Innenraum war erfüllt von Nebelschwaden, aus denen Tannenwipfel ragten – als sei unbeobachtet über Neujahr ein Wald gewachsen in der ansonsten für Konzerte, Partys und Events aller Art genutzten Eventlocation.

"Ich fand es schon immer traurig, wie die ganzen ausgemusterten Weihnachtsbäume im Januar auf der Straße enden", sagt die Urheberin des zauberhaften Spektakels, die Hamburger Künstlerin Felizitas Schäfer. In diesem Jahr hat sie einfach mit ein paar Helfern eine Tour durch Hamburg gemacht, um die Blautannen, Rotfichten und Schwarzkiefern einzusammeln. Besonders hilfreich war der Blumenladen "Kögel" in der Schanzenstraße: "Von denen habe ich ganz tolle große Bäume bekommen, die im Weihnachtsgeschäft nicht verkauft worden waren." Zum Sinn und Zweck der Aktion sagt die blonde, zierliche Frau, während sie im Foyer der Hamburger Botschaft ihre sechs Monate alte Tochter Wanja auf dem Arm hält: "Ich wollte den Bäumen wenigstens für ein paar Tage noch mal einen Sinn geben."

Das Prinzip, Weihnachtsbäume en masse in einem Raum aufzubauen, ist simpel, aber funktioniert wunderbar: Die Vermischung von draußen und drinnen, von wilder und artifizieller Natur birgt bei dieser Aktion einen ganz besonderen Charme. Für die üppige weiße Winterlandschaft draußen kann die Künstlerin natürlich nichts, aber sie verstärkt unwillkürlich die märchenhafte Wirkung der Installation. Erwachsene und Kinder sind gleichermaßen gebannt vom Anblick des Waldes im geheizten Botschaftssaal. Die Besucher haben außerordentlich viel Spaß bei ihren Erkundungstouren durch den Nebelwald, bei denen sie immer wieder auf Überraschungen stoßen.

Aus dem Wald dringen außer Nebelschwaden auch sphärische Klänge. Felizitas Schäfer hat zur Eröffnung ihrer Installation "Go for rest" auch noch ein paar Klangkünstler geladen. Vorn am Waldrand steht Wolfram Meier am Mischpult. Von dort steuert er ein Dutzend Bohrmaschinen, die sich rücklings aufgespießt mit dem Bohrer senkrecht nach oben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen – manche so langsam, dass nur das am Bohrer befestigte Tuch zeigt, dass sie überhaupt in Bewegung sind. "Den besten Sound machen alte Maschinen", sagt Meier fachkundig, "so eine 60 Jahre alte Siemens mit Stahlgehäuse hat einfach ein ganz anderes Klangspektrum zu bieten als diese neuen Plastikdinger, die sofort ausleiern."

"Die Optik der Bewegung im Raum"

Meier arbeitet schon seit über zehn Jahren mit seinem Orchester "Bohrmaschine privat". Auf die Idee gekommen war er 1998 in Bielefeld, als er und ein paar Künstlerkollegen ein paar Wochen in einer alten Fabrik arbeiten durften. Dort fand er eine riesige alte Industriebohrmaschine, an deren langsam drehenden Bohrer er ein großes Tuch befestigte. "Damals ging es mir eher um die Optik der Bewegung im Raum, der Klang kam erst später dazu. Es war toll zu erfahren, was für einen Wohlklang man aus diesen ansonsten ja nervtötenden Maschinen herausholen kann!"

Außer dem Bohrmaschinenorchester erfüllen auch die Theremin-Musiker von "THE REMINgton Services" den Nebelwald mit kosmischen Klängen. Das im Deutschen Ätherwellengeige oder Ätherophon genannte Instrument besteht aus einem Kasten und zwei Metallantennen. Die hohen singenden Töne werden ohne direkte Körperberührungen erzeugt: je näher man mit den Händen an die Antennen kommt, desto stärker verändern sich Höhe und Lautstärke des Tons, der von Schwingkreisen erzeugt wird, die den Antennen angeschlossen sind. Die Besucher, die neugierig im Indoor-Tannenwald umherspazieren, beeinflussen die Tonfrequenzen ebenfalls durch ihre Bewegungen.

Felizitas Schäfer ist zufrieden mit dem Verlauf des Abends: "Genauso hatte ich mir das Waldprojekt immer vorgestellt! Schön, dass auch die Besucher auf die eine oder andere Weise Teil davon werden", findet sie. Eine paar Tage noch bleiben die Bäume stehen. In der Woche sind sie nur von außen durch die Scheiben der Hamburger Botschaft zu sehen. Am kommenden Freitag, den 15. Januar, ist der Nadelwald ab 18 Uhr noch einmal offen für Besucher – dann nicht mit Bohrmaschinen- und Theremin-Untermalung, sondern mit den osteuropäischen Klängen der DJs Levin Rodion und Max alias "mein atomares Xylophon" vom Hamburger Datscha-Projekt sowie neuer klassischer Musik der Combo "Thy".

"Go for rest"

Termin: Finisage am Freitag, den 15. Januar, ab 18 Uhr, Hamburger Botschaft, Sternstraße 67, Hamburg
http://www.hamburger-botschaft.de/

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