Transformation in Istanbul - Biennale

Wir durchleben eine Transformation!

Was momentan in Istanbul passiert, wollte Fulya Erdemci eigentlich im September mit der 13. Istanbul Biennale anstoßen. Nun harrt sie Tag und Nacht mit Künstlern und Rebellen im Gezi-Park aus. Mit art sprach die Kuratorin der diesjährigen Istanbul Biennale darüber, wie Kunst und Leben gerade ineinander übergehen.
Aufstand der Mutigen:Proteste und Freiheitskampf

Türkische Demonstranten vor dem Ataturk Cultural Center am Taksim Platz in Istanbul

Frau Erdemci, mit der 13. Istanbul Biennale wollen Sie im September in den Stadtraum eindringen, um ein Tor für Freiheit und Demokratie zu öffnen. Nun gehen dort Tausende Gegner der repressiven Politik Erdogans auf die Barrikaden. Nehmen sie das vorweg, was Sie mit der Kunst vorhatten?

Ganz genau! Keiner von uns konnte voraussehen, was jetzt passiert – schon gar nicht in welchem Ausmaß und mit welchem Potential.

Wir durchleben eine Transformation! Das Konzept der Biennale ist direkt damit verknüpft: Wir fragen und rufen nach den Möglichkeiten eines Wandels. Und die können auf den Perspektiven der Resistenzbewegung aufbauen, deren Zeugen wir gerade werden: Ganz unterschiedliche Ideen und Forderungen vom Nationalistischen Flügel über die orthodoxe Linke bis hin zu den randständigsten Alternativen Platz existieren friedlich nebeneinander. Wir fordern mit Bruno Latour die Möglichkeit von "einer gemeinsamen Welt", in der diverse kollektive Aktionen unter einem Dach versammelt sind – und genau das geschieht wundersamerweise gerade. Passend dazu lautet der Titel des Öffentlichen Programms der Istanbul Biennale ja "Public Alchemy".

Nun konnten Sie ja von den Protesten vorher nichts ahnen. Was war Ihr Ausgangspunkt für das Thema?

Ich bin von einer theoretischen Basis ausgegangen: Wie kann man die öffentliche Domäne als Forum politischer Möglichkeiten nutzen? Die Stadt habe ich dabei stets als Ort der Praxis begriffen, der ein diskursives Potential aufweist. Unser Plan war es bisher, in Gebäude zu gehen, die vorübergehend leer stehen: Gerichte, Schulen, Militäranlagen oder Postbauten, ehemalige Verkehrsknotenpunkte wie Bahnhöfe oder alte Industrieanlagen wie Lager, Häfen und natürlich auf den historisch aufgeladenen Taksim-Platz, das Zentrum der aktuellen Proteste. Zudem sollen Orte einbezogen werden, die für den neuen Urbanismus und Kapitalismus stehen: Einkaufszentren, Hotels, Büro- und Wohnbauten.
Alle diese Orte werden im September anders definiert sein als vorher.

Wie nehmen Sie den öffentlichen Raum momentan war, und welche Auswirkungen, meinen Sie, wird das auf die Biennale haben?

Aus der Offenheit, Freundschaft, Solidarität und der Humor der Resistenzbewegung entsteht eine absolut einmalige öffentliche Domäne – sowohl im Sinne eines öffentlichen Forums als auch physisch als urbaner Raum. Der Höhepunkt ist der Taksim-Platz und der Gezim-Park. Das Leben und soziale Engagement dort ist atemberaubend. Natürlich ist es noch zu früh und nicht leicht zu sagen, wie sich das auf die Biennale auswirken wird. Aber auf jeden Fall wird es Auswirkungen haben – sowohl auf die Ausstellungspraxis wie auf die künstlerischen Projekte.

Sie haben Ihre Biennale unter dem Titel "Mom, am I a Barbarian?" angekündigt. Sie beziehen sich dabei auf die ursprüngliche Bedeutung des Barbaren als jemanden, dessen Sprache man nicht versteht, weil er fremd ist. Sie übertragen diese Bedeutung auf die Kunst, die ebenfalls eine andere Sprache spricht als die Realität. Werden die "Barbaren" Istanbuls, zu denen ja nicht nur die Künstler zählen, nun gehört?

Nun, der Geist und die Form der Resistenzbewegung deuten zumindest darauf hin. Der Barbar ist ja der Antipode des zivilen Bürgers. Er ist der "absolut andere" in einer Gesellschaft. Die alten Griechen bezeichneten mit dem Wort den Fremden, der nicht zu der eigenen Zivilgesellschaft zählte. Heute wird das Wort "Barbar" pejorativ verwendet, dabei verkörpert er einen antirationalistischen Typus, durch den wir auf Dinge blicken, die wir nicht kennen. Für Künstler war er schon immer interessant, denken Sie allein an die Romantiker oder Dadaisten. Die Künstler, die mich interessieren, blicken auf die Welt im Wandel – wie die Menschen auf den Straßen Istanbuls. Der Barbar ist für mich also positiv besetzt.

Wie sind Sie auf den konkreten Titel gestoßen?

Der Titel bezieht sich auf ein Buch der Dichterin Lale Müldür. Die Frage "Mama, bin ich ein Barbar?" stellt ein Junge seiner Mutter. Er stellt damit die Frage, ob er gehört und verstanden wird. Hat er eine Stimme? Zudem unterwandert er mit der Frage das übliche Autoritätsverhältnis in türkischen Familien. Normalerweise wenden sich Söhne mit geistigen Fragen an den Vater, nicht an die Mutter. Darüber hinaus wollte ich, dass die Biennale eine Beziehung zur Poesie, zur Vorstellungskraft anregt – und dabei gleichzeitig auf etwas hinweist, das in der gesellschaftlichen Realität bereits vorhanden ist.

Betrachten Sie Kunst ausschließlich in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen?

Ich erwarte von Kunst eine Poesie, die einen Vorstellungsraum eröffnet. Das Persönliche geht dann oft mit dem Politischen einher. Der praktische und theoretische Teil der Biennale ist nicht als Kunst zu verstehen sondern als Hintergrund.

Viele Arbeiten, die Sie noch bis zum 27. Juli als Vorgeschmack auf die Biennale im Berliner Ausstellungsraum Tanas zeigen, wirken allerdings sehr aktivistisch und explizit politisch. Einige Künstler arbeiten in Form von Kollektiven, andere haben ihre Performances gefilmt, bei denen sie mehrere Teilnehmer oder die Öffentlichkeit auf der Straße einbinden. Der politische Drang dahinter ist klar. Aber was können sie rein künstlerisch der Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre hinzufügen? Und was der Realität?

Nun, diese Aktionen finden in neuen räumlichen und politischen Kontexten statt. Die Arbeiten beziehen sich konkret auf die gegenwärtigen Situationen und wiederholen nicht einfach das, was es schon einmal gab. Aber es ist natürlich sinnvoll, auf die Geschichte dieser künstlerischen Praktiken zu blicken. Damals waren Kunst und Poesie extrem wichtig, um die Gesellschaft zu verändern. Viele junge Künstler haben davon gelernt und tun sich auch heute für ihre Arbeit zusammen. Hannah Arendt meinte, Freiheit kann nur im Zusammensein mit anderen gelebt werden, in einem Raum, in dem alle in gleichen Beziehungen zueinander stehen. Wir brauchen einen Raum, in dem das stattfinden kann. Die Biennale will diese Idee der Freiheit mit dem urbanen Raum als demokratischen Apparat zusammenbringen.

Der türkische Kulturminister bezeichnete letztes Jahr die Kunst als "Hinterhof des Terrorismus". Journalisten und Publizisten sitzen im Gefängnis, kürzlich wurde der Pianist Fazil Say wegen Blasphemie zu einer Haftstrafe verurteilt, ebenso wie der türkisch-armenische Schriftsteller Sevan Nisanyan. Noch vor zwei Wochen fürchteten Sie, dass es auf der Biennale zu Gerichtsverfahren kommen könnte. Die Aufstände werden das möglicherweise ändern, oder?

Das hoffe ich! Wir wollten mit unserem Schritt in die öffentliche Domäne die Box der Pandora öffnen – nun steht sie bereits offen.

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