Kunstwochenende - München

Drei Messen und ein Wochenende

Rausgeputzt zum Kunstherbst präsentierte sich die Kunstwelt in München. art-Korrespondentin Cornelia Gockel berichtet von barocker Lebensfreude und verstörenden Kunstwerken

Manchmal findet sich die barocke Lebensfreude, die den Münchner Charme ausmacht, an völlig überraschenden Orten. So entdeckte Galerist Daniel Blau die junge Künstlerin Rachel Kneebone in London, und zeigt jetzt ihre Barock anmutenden, erotischen Porzellanskulpturen an der Isar.

Es ist die erste Einzelausstellung der jungen britischen Künstlerin in Deutschland, die zum Start des Münchner Kunstwochenendes eröffnet wurde. In Anlehnung an das Modell des Berliner Gallery Weekends versuchen die bayerischen Kunsthändler ein sogenanntes Event zu schaffen.

Ihre größte Stärke dabei: Vieles erscheint in München opulenter, sinnlicher, eleganter, weniger anstrengend als in anderen Städten. Auch die Kunst. In der Giulia Bar gibt die Galerie Zink ein Gastspiel mit einer Gruppenausstellung mit dem an einen Song von Tom Waits angelehnten Titel "The Piano Has Been Drinking". An den holzgetäfelten Wänden hängen Zeichnungen von Marcel van Eden, Aquarelle von Veron Urdarianu und Fotografien von Thomas von Poschinger. Abends las dort der Autor und FAZ-Redakteur Peter Richter erhellendes und erheiterndes aus seinem Buch "Über das Trinken". So erfuhren wir, wie man einen betrunkenen Briten los wird und wie man mit den richtigen Getränken im Rausch durch die Nacht surfen kann wie auf einer Welle.

Auch der Münchner Messebetrieb versuchte sich an diesem Wochenende von seiner besten Seite zu zeigen – eine schwierige Aufgabe. Denn mit drei Kunst- und Antiquitätenmessen, einer Messe für zeitgenössische Kunst und dem Kunstwochenende der Münchner Galerien gibt es zwar ein breitgefächertes und teilweise auch hochkarätiges Angebot. Aber es gilt eben, nicht den Anschluss an Branchenführer wie Art Basel und Tefaf zu verlieren. So rühmt sich zwar die 1956 von Otto Bernheimer gegründete "Kunst-Messe München" als die "älteste Messe in Deutschland". Mit 45 Ausstellern bietet sie ein breites Angebot vom ägyptischen Altertum bis hin zur Klassischen Moderne. Sie residiert inzwischen nicht mehr ganz abgeschlagen in den Messehallen Riem sondern zentraler an der Hackerbrücke in der Nähe des Hauptbahnhofs.

Allerdings hat sich die 2009 von Konrad Bernheimer, Enkel des Messegründers, und 18 international tätigen Kunsthändlern gegründete Konkurrenz-Veranstaltung "Highlights" seit letztem Jahr als Kunstmesse im Haus der Kunst etabliert und einen Spitzenplatz im oberen Preissegment erobert. 55 renommierte Händler präsentieren in einer eleganten Inszenierung des niederländischen Messedesigners Tom Postma, der sonst eben auch Art Basel und die Tefaf gestaltet, präsentiert sie ebenfalls Kunst von Antike bis zur Moderne. Die dritte Messe, "Kunst & Antiquitäten", mit Händlern aus Süddeutschland ist von regionaler Bedeutung. Sie hat sich am Nockherberg vor allem für bayerische Volkskunst und Kunsthandwerk einen Namen gemacht.

Bei der zeitgenössischen Kunst sieht es schwieriger aus. Im Windschatten der "Kunst-Messe München" versucht sich seit letztem Jahr die "Munich Contempo" als Messe für zeitgenössische Kunst zu etablieren. Neuzugänge sind unter anderen Leo Koenig aus New York – das einzige internationale Schwergewicht unter den Galeristen -, die Galeria Punta aus Valencia und Baik Dongyol aus Seoul. Doch die meisten Münchner Galerien blieben der Messe fern. Warum auch teure Standmieten zahlen, wenn man über attraktive Ausstellungsräume in der Innenstadt verfügt?

Vielversprechender ist daneben dann doch – wie in Berlin – die Initiative der Galeristen. Mit dem Kunstwochenende haben sich 20 Münchner Galerien eine Plattform für zeitgenössische Kunst mitten in der Stadt geschaffen. Bei der Galerie Karl Pfefferle ist der ehemalige Leiter des MARTa Herford und der Documenta IX. Jan Hoet mit der von ihm kuratierten Gruppenausstellung "Sägerauh" zu Gast. "Mein Kunstkonzept ist die Intuition," erklärte er seine Auswahl. Ähnlich wie das unbehandelte Schnittholz aus dem Sägewerk sieht er die Bilder und Skulpturen von Pascale Marthine Tayou, Jan van Imshoot, Joris van de Moortel und Karel Dierickx als Rohmaterial, das den Betrachter zu immer neuen Lesarten anregen soll. "Gelegenheit zum Irrtum" bietet dagegen die Künstlergruppe Famed mit ihrer Ausstellung bei Steinle Contemporary. In ihren minimalistischen Werken beziehen sie sich auf Ikonen der Kunstgeschichte.

In der Galerie Barbara Gross sprach der Kurator Hans Ulrich Obrist mit der jungen indischen Künstlerin Tejal Shah, die er schon in seiner vielbeachteten Wanderausstellung "Indian Highway" zeigte. Ihre Arbeiten verstören den Betrachter durch eine ungeschönte Auseinandersetzung mit Geschlechtlichkeit. So zeigt die Fotoarbeit "Waiting I II" das Porträt einer nackten Person. Die entblößten weiblichen Genitalien lassen an ein junges Mädchen denken, erst bei genauem Hinsehen wird die männliche Brust entdeckt. Zu sehen ist ein transsexueller Mann nach der Geschlechtsumwandlung,
sein aufgeblähter Bauch zeugt von Mangelernährung. Das Bild macht deutlich, wie wir sexuelle Zugehoörigkeit erkennen. Einen dokumentarischen Charakter haben die Schwarzweiß-Fotografien von Wolfgang Burat. Der Mitbegründer der Zeitschrift "Spex" hat sein Archiv geöffnet und zeigt bei Tanja Pol Aufnahmen aus den achtziger Jahren. An diese Zeit erinnern auch die neuen Modefotografien von Walter Pfeiffer in der Galerie Sabine Knust, der mit seinen Bildern in den die Ästhetik von Juergen Teller vorweggenommen hatte. Einen neuen Werkzyklus präsentiert der Lichtkünstler Keith Sonnier anlässlich seines 70. Geburtstags bei Häusler Contemporary. Gutgelaunt erzählte er von seiner Sammlung prähistorischer Steine, die ihn zu den Arbeiten angeregt haben: "Die Steine sind die ältesten kulturellen Zeugnisse des Menschen. Sie sind magisch und geben mir die Kraft, um auch noch im Alter etwas Neues zu wagen."