8. Berlin Biennale - Juan Gaitán

Unzeitgemässe Gegenwart

"Die jeweiligen Kuratoren können ziemlich frei entscheiden", sagt Juan Gaitán über seine Tätigkeit als Kurator der 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die im Mai 2014 beginnt. art sprach mit dem kanadisch-kolumbianischen Kunstexperten über seine Pläne für Berlin.
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Juan A. Gaitán, Kurator der 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

art: Die Ausstellungsorte sind immer prägend für die Berlin Biennale gewesen – wo wird die 8. Berlin Biennale stattfinden?

Juan Gaitán: Es wird neben den Kunst-Werken (KW) Institute for Contemporary Art in der Auguststraße wieder weitere Ausstellungsorte geben. Mit dabei sind dieses Mal die Museen Dahlem und das Haus am Waldsee. In den KW werden wir schon vor der Biennale eine Rauminstallation von Andreas Angelidakis zeigen, die als erstes Statement Themen anreißen wird, die auch in der Biennale eine Rolle spielen werden, zum Beispiel ein kritischer Blick auf Geschichtsschreibung. Die Arbeit wird bereits am 25. Januar 2014 eröffnen.

Seit ihrer Gründung 1998/1999 wird die Berlin Biennale permanent neu erfunden. Gibt es trotzdem bestimmte Traditionen?

Ich denke nicht, dass die Berlin Biennale eine Tradition ausgebildet hat. Vielleicht mit einer Ausnahme: Sie hat sich immer ein gewisses Maß an Autonomie bewahrt. Ich halte dies für einen wichtigen Aspekt der Biennale. Die jeweiligen Kuratoren können – aufgrund des großzügigen Budgets, das hauptsächlich von der Bundeskulturstiftung kommt – ziemlich frei entscheiden, was sie hier machen möchten. Einer der Gründe für diese Freiheit ist vermutlich der Umstand, dass das Geld vom Staat und nicht etwa von der Stadt kommt.

Die letzte Biennale, kuratiert von Artur Zmijewski, hatte eine ziemlich kurze Künstlerliste. Werden sie wieder mehr Kunst zeigen?

Sicher wird es wieder mehr Kunst zu sehen geben als vor zwei Jahren. Es werden aber auch nicht übertrieben viele Künstlerinnen und Künstler sein, denn ich hoffe auf neue Werke von allen beteiligten Künstlern. Das setzt voraus, dass man miteinander im Gespräch bleibt, und deshalb haben meine Kapazitäten als Kurator auch gewisse Grenzen.

Als Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick vor ein paar Jahren die 4. Berlin Biennale vorbereiteten, besuchten Sie Hunderte Ateliers in Berlin und produzierten unter dem Titel "Checkpoint Charley" einen dickleibigen Reisebericht. In der Ausstellung selbst landete aber wenig. Wie sah ihre Recherche bisher aus?

Ich habe natürlich verfolgt, was verschiedene Künstler in Berlin machen. Ich habe auch einige in ihren Ateliers besucht. Am Anfang hat man natürlich die Idee, dass man alle möglichen Ateliers besucht. "Checkpoint Charley" zeigt, wie viele Künstler in Berlin leben und arbeiten. Man kann unmöglich mit allen sprechen. Die Berlin Biennale ist eine internationale Ausstellung.

Ihnen steht ein sechsköpfiges Beraterteam zur Seite. Es ist international und umfasst Künstler und Kuratoren aus verschiedenen Generationen. Wie einflussreich sind diese Berater?

Diese Leute sind als beratendes Gremium eingeladen worden – nicht so sehr als ein Team von Co-Kuratoren. Ich habe Danh Vo, Olaf Nicolai und Tarek Atoui auch eingeladen, als Künstler an der Biennale teilzunehmen. Für mich war es wichtig, zu verdeutlichen, dass wir als Kuratoren auf verschiedenen Ebenen mit Künstlern arbeiten. Die Diskussionen, die man bei der Vorbereitung einer Schau mit Künstlern führt, haben auch Einfluss auf das, was man als Kurator tut. Deshalb gibt es im Beirat auch Künstler. Die konkrete Zusammenarbeit funktioniert ganz einfach: Wir treffen uns von Zeit zu Zeit und reden über die Vorbereitungen. So bekomme ich Feedback.

Welche Rolle spielen die Kuratoren?

Natasha Ginwala ist eine junge indische Kuratorin, die ich in Amsterdam getroffen habe, wo sie Teilnehmerin am de Appel Kuratorenprogramm war. Ich habe Sie eingeladen, in Berlin an der Biennale mitzuarbeiten. Mariana Munguía ist eine Kuratorin aus Mexiko, sie bringt zwei wichtige Dinge in den Vorbereitungsprozess ein: Als ehemalige Leiterin einer Institution kennt sie die ganz praktischen Dinge, die zu so einer Ausstellung gehören. Auf der anderen Seite diskutieren wir spezifische Ideen, die für die Entwicklung der Ausstellung eine Rolle spielen: das Reisen, die Wissenschaft und Geschichte betreffend. Mit Catalina Lozano, die erst seit kurzem zum Team gekommen ist, werden wir an einem spezifischen Projekt arbeiten. Details kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten.

Das Londoner Büro Zak Group hat bereits ein Biennale-Logo entwickelt: eine zweigeteilte Ziffer 8, mit einer Menge Platz in der Mitte. Warum ist gerade dieses Logo repräsentativ?

Mit Zak Kyes, dem Gestalter, habe ich zunächst ein paar Ideen besprochen. Er kam dann mit dem Logo zurück. Da spiegeln sich tatsächlich ein paar Dinge, die mir wichtig sind – etwa die Tatsache, dass eine Biennale heute eine konkrete und eine abstrakte Beziehung zum Ort ihrer Austragung hat. Statt von "abstrakter" Beziehung könnte man auch von einer "symbolischen", vielleicht sogar "allegorischen" Beziehung sprechen. Berlin ist eine ganz eigene Stadt – es hat seine eigene Gliederung, seine Geschichte. Das heißt aber nicht, dass Berlin nicht auch ein Beispiel für bestimmte Trends sein kann, wie man sie auch in anderen Städten auf der Welt findet: Der Bezirk Mitte und sein Verhältnis zu anderen Teilen der Stadt bietet sich etwa für derartige Spekulationen an. Dazu passt, dass sich das Logo auch als eine Art leere Klammer lesen lässt, die sich erst mit Inhalt füllen muss.

Was hat es mit den Hintergrundfarben auf sich, die zum Beispiel in Pastelltönen gehalten sind?

Bei den Hintergrundfarben geht es um unterschiedliche Zeiten. Mir war es wichtig, dass es Farben sind, die man nicht zu sehr mit der Gegenwart assoziiert. Es geht vielmehr um die Beziehungen zwischen verschiedenen Zeitperioden, auch wenn man das vielleicht nicht auf den ersten Blick registriert.

Also eine historische Farbpalette?

Nein, eher eine "unzeitgemäße", wenn der kleine Verweis auf Nietzsche gestattet ist. (lacht) Die Biennale handelt natürlich vom Heute. Aber es geht um die Gegenwart in einer Stadt, die fortwährend auf sich selbst in einer anderen Zeit verweist. Es soll bei der kommenden Biennale auch darum gehen, wie diese vergangene Gegenwart und viel Unerledigtes die Gegenwart unter Druck setzen.

8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

29. Mai bis 3. August 2014,
Berlin
http://www.berlinbiennale.de/blog/8-berlin-biennale-2