Helge Achenbach - U-Haft

Helge Achenbachs langer Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis

Er gilt als Erfinder der Kunstberatung: Helge Achenbach. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft – die Witwe von Aldi-Gründer Berthold Albrecht hat ihn wegen Betrugs angezeigt.
Betrugsverdacht:Kunstberater Helge Achenbach in Untersuchungshaft

Der Kunstberater Helge Achenbach vor einer Gursky-Fotografie, 2012 in Düsseldorf. Zur Zeit sitzt Achenbach in Untersuchungshaft

Seine Rückkehr aus Brasilien hatte sich Helge Achenbach (62), Deutschlands wohl bekanntester Kunstberater, sicher anders vorgestellt. In Brasilien hatte Achenbach im Rahmen des Projekts "Art at Campo Bahia" – eine Ausstellung brasilianischer und deutscher Künstler – das Quartier der deutschen WM-Mannschaft mit Kunstwerken ausgestattet. Nun nahm ihn die Polizei in Empfang und verhaftete ihn. Seit Pfingsten sitzt er im Düsseldorfer Untersuchungsgefängnis ein; seine Geschäftsräume wurden durchsucht. Als Haftgrund gilt nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Essen eine Fluchtgefahr Achenbachs. Die Ermittlungen werden voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Ob Achenbach bis dahin gegen eine Kaution auf freien Fuß kommt, wollte die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen angeblichen Betrugs mit Kunstwerken und Oldtimern gegenüber der Familie des 2012 gestorbenen Berthold Albrecht, einem der Aldi-Erben. Anzeige gegen Achenbach erstattet hat seine Witwe, Babette Albrecht. Sie behauptet, dass Achenbach unzulässigerweise verdeckte Provisionen beim Ankauf vereinnahmt haben soll. Nach einer schriftlichen Vereinbarung mit Albrecht soll Achenbach für dessen Sammlung Kunstwerke angekauft und sich verpflichtet haben, diese zum Einkaufspreis an Albrecht weiterzuverkaufen. Wie häufig bei solchen Geschäften soll Achenbach dafür eine anteilige Provision erhalten haben, üblich sind fünf bis zehn Prozent des Einkaufspreises. Gegenüber Berthold Albrecht soll Achenbach allerdings nach Angaben der Witwe fälschlich zu hohe Ankaufspreise angegeben haben und so absprachewidrig zu hohe Provisionen vereinnahmt haben. Da Verkäufer am Kunstmarkt häufig anonym bleiben wollen, muss sich der Käufer meist auf die Angaben des Kunstberaters als Vermittler verlassen, ohne sie überprüfen zu können.

Achenbach war mit dem nur zwei Jahre jüngeren Berthold Albrecht eng befreundet und hatte für ihn über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren bis zu dessen plötzlichen Tod mit 58 Jahren eine große Kunstsammlung aufgebaut. Zu ihr gehören nicht nur Meisterwerke des 20. Jahrhunderts von Museumsqualität, sondern auch Oldtimer. Denn Berthold Albrecht war wie Helge Achenbach ein begeisterter Liebhaber seltener Automobile. So vermittelte Achenbach ihm nicht nur den berühmten silbergrauen Bentley S1 aus dem Jahr 1959 aus dem Besitz der Kölner Bankiersfamilie Oppenheim, mit dem Joseph Beuys von 1966 bis zu seinem Tod 1986 zur Düsseldorfer Kunstakademie fuhr, sondern auch eine der legendären Mercedes-Staatskarossen, die einst Kanzler Konrad Adenauer benutzt hatte. "Das teuerste und exklusivste, was am Markt erhältlich war, war gerade gut genug. Berthold hatte seinen Spaß an diesen Autos", so ein Freund der Familie.

Ebenso spektakulär ist die Gemäldesammlung, die die für ihre absolute Diskretion bekannte Familie Albrecht nur wenigen Besuchern und Freunden zeigte. Zu ihr gehören wichtige Werke von Pablo Picasso, Claude Monet und Ernst Ludwig Kirchner ebenso wie Kunst der Nachkriegsmoderne, unter ihnen Gerhard Richter, Roy Lichtenstein, Sigmar Polke und Martin Kippenberger, wie einer der auserwählten Besucher berichtet.

Gekauft wurden die Werke sowohl auf Messen wie der Art Basel als auch im Rahmen von Private Sales, wie ein Kunsthändler, der nicht genannt werden möchte, bestätigt. Achenbach ist bekannt für sein hartes und häufig erfolgreiches Verhandlungsgeschick. Eine schlechte Investition wird die Sammlung wohl nicht gewesen sein. Nach Angaben der Familie Achenbach liegt der heutige Wert der Sammlung um ein Vielfaches über den von Albrecht seinerzeit gezahlten Kaufpreisen. Für Spitzenwerke wie die aus der Sammlung Albrecht vereinbarte Achenbach zudem meist Rückkaufsgarantien, so ein Kenner des Kunstmarkts, wonach er sich verpflichtete, die Werke zum Verkaufspreis zuzüglich eines Aufschlags von fünf Prozent jährlich für den Wertzuwachs zurückzunehmen. Damit sicherte er auch seinen Nachschub für hochwertige Kunstwerke, nach denen der Kunstmarkt ständig verlangt.

In der Presseerklärung, die Achenbachs Frau Dorothee mit seinen bislang ungenannten Anwälten verfasst hat, wird moniert, dass Helge Achenbach vorab keine Möglichkeit gegeben worden sei, sich sachgerecht zu den von Babette Albrecht erhobenen Vorwürfen äußern zu können. In der Mitteilung heißt es weiter: "Die von Frau Babette Albrecht erhobenen Behauptungen beruhen offenbar auf rein persönlichen Motiven. Es ist hinlänglich bekannt, dass Herrn Achenbach und Herrn Berthold Albrecht bis zu dessen Tode eine engere freundschaftliche Beziehung verband. Herr Achenbach ist zuversichtlich, dass sich bei der weiteren Sachaufklärung herausstellen wird, dass die von Frau Babette Albrecht erhobenen Vorwürfe unberechtigt sind und Herr Achenbach Herrn Berthold Albrecht keinerlei Schaden zugefügt hat."

Die unangekündigte Hausdurchsuchung verwundert den Hamburger Strafrechtsexperten Cornelius Weimar nicht: "Schließlich wird die Staatsanwaltschaft einen Beschuldigten nicht vorab von einer Hausdurchsuchung informieren." Dass bei Betrugsverdacht ein Haftbefehl erlassen und vollstreckt wird, ist nicht ungewöhnlich, so Tido Park, der renommierte Dortmunder Experte für Wirtschaftsstrafrecht. Vielleicht ist das Vorgehen der Staatsanwaltschaft auch strategisch zu verstehen. "Die extreme Haftempfindlichkeit eines Verdächtigen kann dazu führen, dass dieser in der Untersuchungshaft zu Einigungen oder Zugeständnissen bereit ist, die er ohne diesen Druck nie machen würde", bestätigt Park. Aus Sicht des Verteidigers sind insbesondere im Wirtschaftsstrafrecht die Haftgründe häufig nicht gerechtfertigt. "Auch wird die Unschuldsvermutung, wonach ein Beschuldigter bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig anzusehen ist, in der Praxis regelmäßig dadurch unterlaufen, dass schon ein Strafverfahren und erst recht eine Untersuchungshaft zu einer öffentlichen Stigmatisierung führen, die die gesamte Lebenssituation des Beschuldigten, sowohl beruflich wie auch privat, nachhaltig beeinträchtigen kann", gibt Park zu bedenken.

Achenbach gilt als Erfinder des Art Consulting in Deutschland; seit 1978 berät er vor allem Unternehmen beim Aufbau ihrer Sammlungen. Von 2011 bis 2013 hatte er seine Aktivitäten auch zusammen mit der traditionsreichen Hamburger Privatbank Berenberg angeboten und erfolglos versucht, einen Kunstfonds am Markt zu platzieren.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Kunsthistoriker bei dtb rechtsanwälte in Berlin

Mehr zum Thema auf art-magazin.de