Andreas von Weizsäcker - Nachruf

Zarte Erinnerungen

Der Künstler Andreas von Weizsäcker, 52, Professor der Akademie der Bildenden Künste in München, ist, wie erst jetzt bekannt wurde, vor einem Monat gestorben. Der Sohn von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat in seinen skulpturalen Arbeiten – häufig aus Papier und Papiermaché geformt – Mythen auf den Kopf gestellt, falsches Pathos entlarvt und ist den Spuren der jüngeren Geschichte nachgegangen. Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, hat einen melancholischen und damit den Arbeiten des Künstlers verwandten Nachruf den Künstler verfasst.

Zwei Koffer stehen auf meinem Schreibtisch – seit Jahren. Zwei Koffer für Puppenkleider, die kleine Mädchen und manchmal auch Jungen mit auf die Reise nehmen, nicht für sich selbst, nein, für die ihnen Anvertrauten. Die Köfferchen sind aus rein weißem, handgeschöpftem Papier geformt. Geschlossene, federleichte Körper. Dünn die papieren Wände, wie Haut, wie eine Membrane zwischen Innen und Außen. Zart und verletzlich doch zugleich fest und stabil, die Form über Jahre bewahrend.

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So war Andreas von Weizsäcker, der mir das Paar, kleiner der weibliche, etwas größer und breiter der männliche Koffer, anlässlich einer Ausstellung beiläufig übereignet hat. Er formte die Dinge ab – mit feuchtem Papier, womit er sie bedeckte, um die getrocknete Hülle dann wie eine Haut wieder von ihnen abzunehmen. Weiß und rein sind diese hauchdünnen Abgüsse wie die klassizistischen Statuen unserer Götter und Helden. Idealformen, die die Zeit und Zufälle überdauern, aber ohne die Schwere von Gips oder Marmor. Die dünnhäutigen Hohlkörper behaupten sich im Raum, unter den anderen, den stabileren Dingen, die ausgefüllt sind und Masse haben. Zart sind sie, diese Körperhüllen von Stühlen und Tischen, von Autos und Balkonen, von Pferden und Löwen, ganz ohne Gewicht und doch nicht ohne Stabilität. Eine fast materienlose Festigkeit, von der man sagen möchte, sie sei eine geistig gewonnene, wie ein fester, aufrechter Charakter, ohne die Metapher überspannen zu wollen.

"Wunden der Erinnerung" war ein langfristig angelegtes Projekt, das Andreas von Weizsäcker und Beate Passow 1995 durchgeführt haben. Auf Einschusswunden an Gebäuden, Bäumen und Skulpturen, die heute noch von den totbringenden Materialschlachten des Ersten Weltkriegs zeugen, weisen Glasplatten hin, die über den ‚Wunden’ angebracht und mit einem Text versehen wurden. Seine papierenen Skulpturen würden solche Einschüsse überleben, gerade weil sie federleicht und hohl sind, in ihrer Fragilität aber auch an die körperliche und seelische Verletzlichkeit alles Lebendigen erinnern.

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Wiesbaden stehen einige Koffer, wie vergessen oder liegengelassen. Andreas von Weizsäcker hat sie dort abgestellt. Sie sind aus Eisen gegossen und so schwer, dass niemand Unbefugtes sie wird wegtragen können. Gerne wäre auch der Künstler noch geblieben, hätte unter uns verweilen wollen. Es war ihm nicht vergönnt. Er ist von uns gegangen. Die schweren Koffer auf dem Bahnhofsplatz und die leichten auf meinem Schreibtisch sind geblieben: Auch sie sind heute Wunden der Erinnerung, aber ebenso Zeugnisse eines Künstlers, der uns durch seine Werke und seine Menschlichkeit bereichert hat.