Kunst und Nationalismus - Katalonien

Historische Propaganda

Am Sonntag sprachen sich fast zwei Millionen Katalanen auf einer von Madrid verbotenen Volksbefragung für die Unabhängigkeit ihrer Region aus. Schon lange beherrscht der zunehmende Nationalismus jedoch Politik, Gesellschaftsdebatten – und auch den Kunstbetrieb. Ein Stimmungsbericht aus Barcelona.

Eine exotische Kulturinsel in einem Meer nationalistischer Euphorie scheint dieser Tage die "Cyan Gallery" im Zentrum Barcelonas zu sein. Während sich am Sonntag fast zwei Millionen Katalanen bei einer Volksbefragung für die Abspaltung von Spanien aussprachen und die ganze Region in einen kollektiven, separatistischen Siegesrausch verfiel, trafen sich in der Galerie Kulturschaffende und Künstler, die dem seit Jahren zunehmenden Nationalismus skeptisch gegenüberstehen.

"Ich glaube zwar auch, dass wir Katalanen ein Recht auf Selbstbestimmung und auf ein Unabhängigkeitsreferendum haben. Aber hier in Katalonien werden wir weder von Spanien gefoltert noch unterdrückt – auch nicht kulturell oder sprachlich, wie es uns die Separatisten klar machen wollen", meint etwa Quim Packard. Der katalanisch-amerikanische Künstler beteuert, generell etwas gegen manipulierende Nationalismen zu haben, was er mit Blick auf seine Heimat sarkastisch in der Bleistiftzeichnung "Freedom for Catalonia" unter Beweis stellt. In seinem Werk "Please learn Catalan! You will die soon, if you do not" zieht er dann ironisierend über den Fanatismus katalanischer Nationalisten bei der Verteidigung der Landessprache her. Quim Packard ist einer von rund 20 Künstlern, die sich in der "Cyan Gallery" an einer Ausstellung mit – sagen wir mal – Seltenheitswert beteiligen. "*sekw" ist nämlich eine Schau, die sich auch kritisch mit der katalanischen Politik und den zunehmenden nationalistischen Strömungen auseinandersetzt.

Das hört sich normal an. Ist es in Katalonien aber schon lange nicht mehr, versichert Kurator Alex Brahim, der "*sekw-" auch als eine Art Verteidigung der regionalen Kunstszene sehen möchte."Viele haben den Eindruck, Kulturschaffende und Künstler würde sich aus Angst vor Subventionskürzungen, Boykotts oder auch aus Sympathie mit den Nationalisten nicht zum alles beherrschenden Thema Separatismus äußern wollen. Doch das stimmt nicht immer, wie diese Ausstellung beweist. Uns wird in Katalonien einfach keine Plattform geboten, um uns öffentlich und kritisch mit Werken zum Thema äußern zu können", meint Brahim.

Kunstmarktexpertin Rosa Lleó Ortín würde zwar nicht soweit gehen, von Zensur zu sprechen. Doch es stimme, dass der zunehmende Einfluss der nationalistischen Regionalregierung ins Ausstellungsprogramm öffentlicher Einrichtungen zu einer Provinzialisierung der regionalen Kunstszene geführt habe. Immer häufiger würden Ausstellungen sogar zur "historischen Propaganda" missbraucht, um separatistische Strömungen und Ideen innerhalb der Gesellschaft zu festigen, meint die Kunstkuratorin.

Das sei besonders in diesem Jahr kaum zu übersehen. 2014 ist für Kataloniens Nationalisten ein besonderes Jahr, und nicht ohne Grund fand am Sonntag auch die Unabhängigkeitskonsultation statt. Am 11. September 1714 verlor das Fürstentum Katalonien nach der Niederlage im spanischen Erbfolgekrieg seine weitgehenden Souveränitätsrechte innerhalb des spanischen Königreichs. Die seit einigen Jahren regierenden Nationalisten von Ministerpräsident Artur Mas wollten diese Unabhängigkeit nun im 300. Jubiläumsjahr wiederherstellen. Dabei wurden neben den politischen Unabhängigkeitsforderungen sämtliche Bereiche der Gesellschaft "katalanisiert" – auch die Kunst.

Marc Montijano findet es bedauernswert, dass "... Kataloniens Politiker auf diese Weise die Kunst missbrauchen, um nationalistische Wähler zu schaffen und von den wirklichen Problemen wie der Wirtschaftskrise oder der sich in der Politik weit verbreiteten Korruption abzulenken". Kunst und Kreativität lebten vom Austausch. Wenn man nur noch Ausstellungen über lokale Themen und über lokale, katalanische Künstler macht, töte man die Kunst, versichert der Performance-Künstler und kritisiert mit seinem Werk "Una, gran i lliure! (Eine, Große und Freie)" die Manipulation der katalanischen Bevölkerung durch die Nationalisten. Der Titel ist eine Anspielung auf das Wappen der Franco-Diktatur und soll eine Verbindung zwischen den Propagandamethoden herstellen, die schon während der spanischen Diktatur angewandt wurden und ähnlich auch heute von den katalanischen Nationalisten praktiziert werden. Dafür schloss sich Montijano zwölf Stunden mit einem Sack über dem Kopf in einen kleinen Raum ein und fing an, mit separatistischen Symbolen und Propagandamaterial zu arbeiten. So verwandelt er die katalanische Nationalflagge in die als katalanische Unabhängigkeitsfahne bekannte "Estelada" und verzierte diese zum Schluss mit franquistischen Symbolen.

Die katalanische Kunstszene verkümmert

Der Nationalismus ist in Katalonien ein komplexes und alle Sektoren beherrschendes Thema. Und zweifellos sind seine Auswirkungen auch nicht immer negativ. "Ich finde es generell gut, dass in Katalonien seit einigen Jahren lokale Künstler extrem stark gefördert werden. Man muss nur aufpassen, dass dies nicht zur Propaganda nationalistischer Gefühle ausartet und sich zudem auf die Qualität der Ausstellungen niederschlägt", meint beispielsweise der katalanische Galerist Alex Nogueras.

Es sei nicht der Nationalismus, der zur Verarmung und Provinzialisierung der katalanischen Kunstszene führe, sondern der neoliberale Rotstift, der in wirtschaftlichen Krisenzeiten besonders rigoros in der Kultur angesetzt wird, versichert Joan Fontcuberta, einer der bekanntesten Fotokünstler Spaniens. Um zu zeigen, dass die Liebe zur Heimat, in diesem Fall zu Katalonien, nicht nur Einschränkung oder gesellschaftlicher und politischer Konflikt bedeuten müssen, errichtete er im Rahmen der Jubiläumsausstellungen neben der Kathedrale in Barcelona ein riesiges Mauerbild. Er bat die Bürger, ihm Fotos zu schicken, die für sie Momente der Freiheit widerspiegeln. Aus diesen 4000 Aufnahmen konstruierte er ein Fotomosaik, das zwei sich küssende Frauen zeigt. "Es steht für Freiheit, Toleranz, Glück und Liebe", sagt Fontcuberta, der aus Barcelona stammt.

Die meisten Künstler und Kulturschaffenden sind allerdings der Meinung, dass die katalanische Kunstszene vor allem durch die nationalistische Nabelschau im Zuge der Jubiläumsfeiern 2014 verkümmert ist. Kaum eine öffentliche Kultureinrichtung beschäftigte sich in diesem Jahr nicht mit katalanischer Geschichte, katalanischer Kultur oder katalanischen Künstlern. Präsentationen katalanischer Nationalisten wie Antoni Gaudí, Antoni Tàpies und Joan Miró standen besonders häufig auf den Ausstellungslisten öffentlicher Museen. Das führte schließlich sogar dazu, dass selbst prestigeträchtige Museen wie das Museu d'Art Contemporani de Barcelona (MACBA) immer weniger in der internationalen Ausstellungsagenda auftauchen.

Nur einer der größten Künstler Katalonien, Salvador Dalí, fand keinen Platz im nationalistischen Jubiläumsprogramm. Was daran liegen könnte, dass der Meister des Surrealismus nicht nur ein Freund des faschistischen Diktators Francos war, sondern er sein künstlerisches Erbe statt Katalonien, dem spanischen Staat vermachte.

"*sekw"

Termin: bis zum 20. Dezember, Cyan Gallery, Barcelona, kuratiert von Alex Ibrahim
http://www.cyangallery.com/