Humboldt-Forum - Berlin

Hier wird niemand ein Medientheater veranstalten.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellt ein Nutzungskonzept für das Humboldt-Forum vor, das vor allem Frage unbeanwortet lässt: Warum die Konzeptplanung für ein Gebäude, das erst 2019 seine Tore öffnen soll, bereits heute so ausgearbeitet vorliegen muss, dass Mitte nächsten Jahres mit der Umsetzung begonnen werden kann.
Pläne und Projekte:Was soll wo, wie und warum in den Schloss-Neubau kommen

Historisierender Schlossnachbau endet an Betonwand: das Humboldt-Forum von der Süd-Ost-Seite

Gibt es tatsächlich noch Menschen, die sich im Museum gerne Texttafeln durchlesen? Bettina Probst ist davon überzeugt. Sie leitet die Stabsstelle Humboldt-Forum bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und was sich als Titel fast anhört wie eine Ämtererfindung aus dem Nachrichtenschlaf des DDR-Fernsehens ist tatsächlich einer der verantwortungsvollsten Posten im deutschen Kulturbetrieb.

Bei Bettina Probst läuft die inhaltliche Planung für das aktuell größte deutsche Kulturprojekt zusammen. Was wo wie und warum in den Schloss-Neubau im Zentrum Berlins kommen wird, das koordiniert die freundliche Dame mit der Resolutheit einer Schuldirektorin. Und deswegen hat ihr Lob der guten alten Wandbeschriftung Gewicht. Bei der jetzt erfolgten Vorstellung der Museumskonzeptionen für das 2019 zu eröffnende Humboldt-Forum im Schlossgespenst war die gerade neu entflammte Diskussion über die modernen Architekturimplantate, die Architekt Franco Stella zu den rekonstruierten Teilen der alten Fassade bauen darf, allerdings kein Thema. Vielleicht gerade um von der berechtigten Diskussion abzulenken, ob man einige der extrem langweiligen Zubauten nicht besser weglässt, zeigten Probst und die zuständigen Fachkräfte lieber mal, wofür der Platz vonnöten ist – und welche modernen Errungenschaften man stattdessen für verzichtbar hält: den ganzen digitalen Budenzauber etwa, mit dem die Museumspädagogen in den letzten Jahren vergeblich versucht haben, junge Menschen in ihre Häuser zu locken.

Ablehnung positiv ausgedrückt: "Bei uns spricht die Aura der Objekte!"

"Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren gehen sowieso nur unter Zwang ins Museum", erklärt zu dem Thema Viola König, Chefin des Ethnologischen Museums, das als Hauptmieter der neuen Immobilie aus der Randlage Dahlem ins Zentrum ziehen wird. Sich auf die Digitalmedienabhängigkeit dieser Klientel einzustellen, scheint tatsächlich kein gangbarer Weg für ein Museum mit 500 000 Artefakten – von denen rund 15 000 im Humboldt-Forum ausgestellt werden sollen. Königs Kollege Raffael Gadebusch vom Museum für Asiatische Kunst – ebenfalls mit 8000 Objekten auf dem Treck von Dahlem ins neue Schloss – drückt die Ablehnung lieber positiv aus: "Bei uns spricht die Aura der Objekte!" Und Martin Heller, der externe Koordinator aus der Schweiz, der seit einigen Jahren dafür verantwortlich ist, ein innovatives Gesamtkonzept für den riesigen Komplex mit seinen verschiedenen Nutzern voranzubringen, hält die Ablenkung vom konkreten Objekt durch watschelnde I-Pad-Animationen für eine "dumme Wirkung" und verspricht für den gesamten Museumsbereich des neuen Schlosses: "Hier wird niemand ein Medientheater veranstalten."

Möglichst viel ohne Glas

Die alte Vitrinenkunst, wie sie in den Wunderkammern des historischen Schlosses präsentiert wurde, soll in den beiden Museen, die den größten Teil des demokratischen Stadtpalastes bespielen werden, dennoch eher vermieden werden. "Möglichst viel ohne Glas" auszustellen, ist laut König das erklärte Ziel der beiden hier räumlich fusionierenden Museen. Auf den kilometerlangen Rundgängen durch die ungeheuren Bestände völkerkundlicher Gebrauchs- und Kunstexponate aus aller Welt, die über drei Schlossetagen verteilt werden, ist Abwechslung Pflicht.

Neugier auch ohne Wisch-I-Wasch-I-Displays wachhalten

Klassischer Sockelpräsentation folgen performative Formen, etwa beim thailändischen Schattentheater. Rekonstruktionen von zwei buddhistischen Kulthöhlen kehren nach Innen was verlorene Wandreliefs aus Angkor Wat in Abgüssen an der Wand nach Außen tragen. Architektonische Eingriffe, wie sie der chinesische Stararchitekt Wang Shu für einen Raum mit einem kaiserlichen Reisethron entwickeln wird, oder experimentelle und spielerische Präsentationskonzepte, die gerade in dem Versuchsprogramm Humboldt-Lab in den Museen in Dahlem erprobt werden, möchten die Neugier auch ohne Wisch-I-Wasch-I-Displays wachhalten.

Suchen nach der Balance aus Reizen und Konzentration

Dazwischen zeigen die Museen ihre Archivbestände als unkommentierte Studiensammlungen in großen Glasregalen, was sich als assoziative Darreichungsform etwa in Dresdens Albertinum sehr bewährt hat. Und dort, wo Medieneinsatz unvermeidlich oder hilfreich ist, etwa bei der großen Hörstation im Saal unter der Schlosskuppel, wird nach der richtigen Balance aus Reizen und Konzentration gesucht. Dazu veranstaltet die Stabsstelle Humboldt-Forum bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nächstes Jahr eine Fachtagung. Eine "Gamification" bei der digitalen Informationsvertiefung als Reaktion auf zeittypisches Surfverhalten gilt beim Humboldt-Team aber definitiv als nicht "innovativ".

"Edutainment"-Station und "Science-Lab"

Das mag vordergründig erstaunen, wenn man an den ungeheuren Wettbewerb denkt, dem die weltkulturhistorischen Sammlungen nicht nur in der unmittelbaren Umgebung der Museumsinsel ausgesetzt sind, sondern auch im eigenen Haus. Die Mitbewohner Landesbibliothek und Humboldt-Universität werden in der neuen Kultur-WG im Zentrum Berlins eine große "Edutainment"-Station und ein "Science-Lab" einrichten, die sicherlich nicht allein auf die "Aura" von Zettelsammlungen oder seltenen Spulwürmern setzen werden. Und die ehemals "Agora" genannten Veranstaltungsflächen im Parterre – die vermutlich ab 2015 einen Intendanten bekommen werden, der die fulminanten Kulturevents, die hier stattfinden sollen, planen darf – stehen auch in starker Attraktions-Konkurrenz zu den 24 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche darüber. Aber genau diese Häufung von Angeboten für den modernen Interaktions-Tourismus lässt es geraten erscheinen, nicht noch mehr vom Gleichen auf Geschossen zu zeigen, die sowieso nur derjenige besucht, der hier wirklich hinwill.

Bettina Probst nennt den Zeitrahmen sogar "sportlich"

Was die beiden Museen als konkrete Debattenbeiträge in diesem Haus der Weltkulturen anzubieten haben, darüber zu spekulieren scheint es sechs Jahre vor der Eröffnung noch etwas zu früh. Auf jeden Fall will Viola König den Umzug ins Zentrum der Metropole dazu nutzen, die immer noch verdrängte deutsche Kolonial-Geschichte zurück in den Fokus des Bewusstseins zu rücken. Und das Datum "9/11“ wird sicherlich eine Rolle spielen, wenn es gilt, die sich verändernden Haltungen Europas zum Islam mit den Mitteln eines Ethnologischen Museums zu beleuchten.
Ein Rätsel blieb allerdings auch nach der zweistündigen Präsentation der Humboldt-Innereien ungelöst: Warum die Konzeptplanung für ein Gebäude, das – selbst wenn es ausnahmsweise im Zeitrahmen fertig werden sollte – erst 2019 seine Tore öffnet, bereits heute so ausgearbeitet vorliegen muss, dass Mitte nächsten Jahres mit der Umsetzung begonnen werden kann. Bettina Probst nannte den Zeitrahmen sogar "sportlich", um dann zur Begründung, was in den restlichen vier Jahren eigentlich geschieht, zu erklären: Die Holz- und Vitrinenarbeiter bräuchten so lange. Angesichts der Losung, "Möglichst viel ohne Glas! erscheint das eine sonderliche Begründung.

Historisierender Schlossbau endet an einer Betonwand

Aber vielleicht braucht man diesen exessiven Zeitrahmen auch als Puffer für den Fall, dass doch noch jemand die architektonischen Fehlentscheidungen rückgängig machen möchte. Dass ein historisierender Schlossnachbau an einer Betonwand von der positiven Ausstrahlung einer Gehwegplatte endet, wird in aller Zukunft niemand mehr verstehen. Und dass man diese Franco-Stella-Gedächtniswand an der Spree wirklich dringend braucht, um den Raumbedarf an Ausstellungsfläche zu decken, das erscheint angesichts der nackten Zahlen auch etwas fragwürdig. Ein Besucher, der sich pro Objekt nur zehn Sekunden Zeit nimmt, müsste rund 65 Stunden ohne Unterbrechung in den neuen Museen verbringen, um alles zu sehen. Und dann hätte er noch keinen einzigen Wandtext gelesen.