DLD – Digital, Life, Design - München

Glücksritter mit digitalen Landkarten

Zum wiederholten Mal stellt Hans Ulrich Obrist als Teilnehmer der Münchner Burda-Konferenz DLD ein ambitioniertes Forum zusammen. "Map your future! – Entwerfen Sie ihre Zukunft!" wurde als Losung an die künstlerischen und wissenschaftlichen Teilnehmer ausgegeben. Eine Art absurdes Theater voller ästhetischer Lichtblicke.
Freiraum für Visionen:Obrists Landkarten für das 21. Jahrhundert

Hans Ulrich Obrist auf der Digital Life Design Confrerence

"Labtop trifft Lederhose" - der in Vorkrisezeiten jahrelang auf Bayerns technologischen Fortschrittswillen abgestempelte Werbeslogan scheint zumindest für eine bizarre Showeinlage so etwas wie an Realität zu gewinnen. Und diese Symbiose wird ausgerechnet durch die zeitgenössische Kunst befeuert. Bei der seit 2005 vom Medienkonzern Burda alljährlich opulent ausgetragenen "Digital Life Design"-Konferenz in München kommt es zu einer Sternstunde sonst inkompatibler Kulturschaffender.

Bevor Großkurator Hans Ulrich Obrist samt geladener 11-köpfiger Mannschaft endgültig das Podium betritt, darf die fesche Gruppe der Zwirbeldirn ihre Volksweisen musikalisch zum Besten geben: süddeutsche Balladen etwa und andere folkloristische Kuriositäten. An dem Supergehirn Obrist selbst scheint allerdings der Herz erschmetternde bajuwarische Auftritt völlig abzuprallen. Er hat, dem irritiert abwesenden Ausdruck nach zu urteilen, längst schon mental neues Zukunftsterrain erklommen. Schließlich sucht er zur DLD-Konferenz nichts Geringeres als einen "multimedialen Diskurs", in dem die Teilnehmer des Panels "Maps for the 21st Century" ihre Erwartungen an die nahe Zukunft visualisieren und kartographieren sollen.

Landkarten der subjetiven Sorte

"Map your future!" wurde von dem in der Kunstszene global bestens vernetzten Obrist als Devise ausgegeben. "Das Internet", sagt Moderator Obrist, "hat nicht zuletzt dank Google Maps und Google Earth die Karten in unserem Kopf stark anwachsen lassen." Obrist produziert mit den digital versierten Künstlern, Wissenschaftlern und Filmleuten nicht nur Plakate, sondern am Ende auch ein Buch. "Insofern ist dieses Panel auch eine Büchermaschine." Zu der Publikation werden am Ende Rosa Barba, Ed Ruscha, Maurizio Cattelan, Rivane Neuenschwander, Pae White und viele andere einen Tribut leisten.

Die "Maps" sollen die wissenschaftliche Herangehensweise spiegeln, in Form von Datenvisualisierung und als bildende Kunst. Der aus Albanien stammende Künstler Anri Sala gibt einen Vorgeschmack auf das Unternehmen: Er entwirft mit Begriffen von bestehenden Filmformaten wie etwa dem "Road Movie" einen abstrakten Rahmen, mit dem sich die Erschütterungen unserer Zukunft aufzeichnen lassen. Erhebend auch der träumerische Beitrag von Filmemacher Alexander Kluge. Gleich einem Fossil aus nicht-digitalen Tagen beschwört er: "'Maps' sind Erzählungen ...Wir brauchen Landkarten der subjektiven Sorte!"

Wie schon bei Obrists früheren Auftritten bei DLD, krankt auch dieses Panel an der Überbesetzung. Die viel gerühmte Interaktion zwischen Wissenschaft und zeitgenössischer Kunst will gerade bei der anschließenden Diskussion nicht zustande kommen. Elf Podiumsgäste sind einfach mindestens fünf zu viel. Kein Wunder, dass die Veranstaltung, bei der jeder ein Statement von zirca 10 Minuten abgibt, konturenlos ausufert. Und man muss es einfach sagen: Im Unterschied zu dem brillanten Auftritt des Genforschers Josef Penninger aus Innsbruck, der funktionale Karten der genetischen Welt wie etwa zur "Fettleibigkeit" erstellt, sind viele der bildenden Künstler auf eine präzise Darbietung ihrer Ideen nicht wirklich eingestimmt.

Hoffnung auf außerirdisches Leben

Positiv aus dem Rahmen fällt Videokünstler Philippe Parreno, der quasi als Paradoxon eingeladen worden ist: Er interessiert sich beim Kartografieren mehr für Dinge, die nicht unbedingt sichtbar werden müssen, beschreibt die mal transparente, mal farbig pigmentierte Haut des Tintenfischs. Julieta Aranda, Co-Direktorin von E-Flux in New York, berichtet hingegen von ihrer Abneigung gegenüber Navigationssystemen und der Suche nach Karten, die gleich wieder verschwinden, sobald sie geschrieben worden sind.

Einen Höhepunkt lieferte Dimitar D. Sasselof, Professor für Astrophysik in Harvard. Unlängst haben er und sein Team verschiedene Planeten entdeckt. Sie umrunden andere Sterne mit neuartigen Techniken – in der Hoffnung auf ein mit der Erde vergleichbares Leben zu stoßen. Der in eigenwilliger Sprache vorgetragene Exkurs von Qiu Zhijie zu seinen kalligraphisch gesteuerten Karten, wäre sicher sehr interessant gewesen, aber kaum decodierbar. Beklatscht von allen Seiten wurde der junge Medienkünstler Aaron Koblin. Der Kreativchef von Google stellt etwas her, was sich dieses Panel eigentlich auf die Fahnen geschrieben hatte: Er verleiht Daten wie etwa zu dem Flugverkehr in den USA ein faszinierendes visuelles Gesicht.

Summa Summarum hatte auch diese DLD-Veranstaltung des Wiederholungstäters Hans Ulrich Obrist etwas von einem absurdem Theater. Aber das macht auch ihren Reiz aus. Unbeeindruckt von dem straffen Management der Burda-Konferenz verschafft er möglichen Visionen von einer neuen digital-ästhetischen Community des 21. Jahrhunderts maßlosen Freiraum.

"DLD - Digital, Life, Design"


http://www.dld-conference.com