Wa(h)re Lügen - Ernst Schöller

Die Polizei, Dein Freund und Sammler

Die Ausstellung "Wa(h)re Lügen. Original und Fälschung im Dialog" in der Städtischen Galerie Albstadt zeigt Fälschungen aus dem Archiv des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. art sprach mit Kunstliebhaber und Kriminalhauptkommissar Ernst Schöller, 53, über seine Arbeit in der Sektion "Wirtschaftskriminalität / Kunst" – und woran man eigentlich eine Fälschung erkennt
Der Kommissar geht um:Die Ausstellung "Wa(h)re Lügen" zeigt Kunstfälschungen

Finden Sie den Fehler? Otto Dix "Kind mit Lupinen" – Original und Fälschung, r.

art: Wie entstand die Idee zur Ausstellung "Wa(h)re Lügen. Original und Fälschung im Dialog"?

Ernst Schöller: Seit Ende der sechziger Jahre beschäftigen wir uns mit Kunst, vor allem mit Kunstdiebstahl, und seit Mitte der achtziger Jahre kümmern wir uns um Kunstfälschungen. Bei dieser Ausstellung wollten wir unsere Arbeitsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Und gleichzeitig geht es um Prävention: Wir wollen für das Thema sensibilisieren und die Menschen zum Nachdenken anregen, wie und warum diese Fälschungen entstanden sind.

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Warum sammelt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg überhaupt Kunstfälschungen?

Wir behalten nicht alles – wir haben schon Hunderte Grafiken durch den Reißwolf gejagt. Unsere Sammlung dient der eigenen Aus- und Weiterbildung und dem Testen von Untersuchungsmethoden. Wenn man zum Beispiel bei einer Grafik eine Papieranalyse macht, dann muss man dafür ein Stück abschneiden. Dies würde natürlich kein Sammler zulassen. Aber damit auch mal ein Wissenschaftler seine Apparatur testen kann, braucht er ein wenig "Spielmaterial" – und das bietet unser Archiv. Außerdem dient die Sammlung auch zum Vergleichen: Wenn irgendwo Radierungen von Picasso angeboten werden, dann habe ich hier 25 Beispiele liegen, an denen ich gemeinsame Merkmale zwischen den Originalen und Fälschungen feststellen kann.

Wie viele gefälschte Kunstwerke stapeln sich in Ihrem Archiv?

Bei uns befinden sich mehr als 1000 Grafiken, um die 150 Gemälde sowie einige Möbel und Skulpturen. Wir haben die größte Sammlung gefälschter Werke in Deutschland.

Das Thema findet gerade wieder viel Beachtung durch die Entdeckung der Monet-Fälschung im Wallraf-Richartz-Museum. Was denken Sie über diesen Fall?

Es gibt qualitativ hochwertige Fälschungen, die nicht nur im Handel gefunden werden, sondern auch Teil von privaten Sammlungen sind. Im Rahmen von Schenkungen gelangen solche Fälschungen dann in die Museen.

Und wie viele Fälschungen hängen in deutschen Museen?

In der Regel sind in den großen Museen 95% des Bestandes im Depot verwahrt, und nur ein ganz kleiner Teil hängt in der Ausstellung. Wie viele Fälschungen noch in den Depots liegen, kann ich nicht einschätzen. Es gibt in den Museen mehrere unbearbeitete Konvolute, die in den Kellern schlummern und die aus Zeitmangel nicht sofort bearbeitet werden können – und so werden dann oft erst Jahre später Fälschungen entdeckt.

Thema Wirtschaftskriminalität: Wie hoch ist der jährliche wirtschaftliche Schaden durch Fälschungen?

Der liegt bei ungefähr 1,5 bis 2 Milliarden Euro.

"Es gab einen Fälscher, der nicht wusste, wie man römisch 85 schreibt"

Und woran erkennt man denn nun eine Fälschung?

Eine Fälschung erkennt man zunächst überhaupt nicht. Man braucht dazu Erfahrung und muss natürlich auch die Originale kennen. Außerdem macht es einen Unterschied, ob es sich um Druckgrafiken, Gemälde oder Möbel handelt. Bei Möbeln unterscheidet man zum Beispiel zwischen Spuren einer maschinellen Hobelbank, handgehobeltem Holz oder einer maschinell bearbeiteten Oberfläche. Bei Gemälden sind es die Farben, Bindemittel oder Pigmente. Und in der Grafik ist es die Drucktechnik, der Druckrand oder die Signatur. Es gab tatsächlich einen Fälscher, der nicht wusste, wie man römisch 85 schreibt.

Wie erwischen Sie eigentlich Kunstfälscher?

Auch das ist unterschiedlich. Meist hat man das Ende eines roten Fadens, und von diesem Ende aus versucht man zurückzugehen, um das Ziel, die Herkunft oder die Quelle der Fälschung zu finden. Es kommt auch vor, dass sich skeptische Galeristen oder Sammler melden, wenn sie dubiose Werke angeboten bekommen und den Verdacht einer Fälschung hegen. Diese verdächtigten Objekte werden dann von uns betrachtet, und dann wird entschieden, ob man dem nachgehen muss oder nicht.

Mit welchen Strafen muss zum Beispiel ein Picasso-Fälscher rechnen?

Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Es kommt auf die Stückzahl an und auf den Wert, der umgesetzt wird. Auch ob der Fälscher schon einmal verurteilt wurde oder ob es nur Kleinigkeiten waren, die gefälscht wurden. Das Strafmaß ist von der Schwere des Verbrechens abhängig. Der letzte Fälscher, der überführt wurde, ist in München zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Aber oft sind es auch nur Geldstrafen.

Die Ausstellung liefert intime Einblicke in die Arbeit der Fälscher – haben Sie keine Angst, dass Sie gerade neuen Kunstfälschern dadurch Tipps geben könnten?

Nein, überhaupt nicht! Dafür geht die Ausstellung zu wenig ins Detail. Es soll ja auch keine Schulung oder Hommage an die Fälscher sein. Die Ausstellung ist ein Präventionsprojekt und entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie Albstadt, dem Pablo-Picasso-Museum in Münster und dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Wir wollen die Tricks, die von den Fälschern angewendet werden, dem potenziell geschädigten Kunden näher bringen, um diese zu schützen.

"Wa(h)re Lügen. Original und Fälschung im Dialog"

Termin: bis 22. Juni, Städtische Galerie Albstadt. Katalog: Neuer Kunstverlag, 24, 90 Euro.
http://www.albstadt.de/kulturundbildung/museen/galerie_albstadt/sonderausstellungen/index.htm

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