Yilmaz Dziewior - Kunsthaus Bregenz

Zuerst Ausstellungen mit Künstlerinnen

Yilmaz Dziewior, 45, wird von Oktober an das Kunsthaus Bregenz leiten. Das Ausstellungshaus etablierte sich in den letzten zehn Jahren im Dreiländereck als Leuchtschiff der internationalen Kunstprominenz. art sprach mit dem früheren Direktor des Kunstverein Hamburg über seine Pläne.
Alte Tradition und neue Ideen:Das große art-Interview mit Yilmaz Dziewior

"Ich möchte vermehrt mit Kulturproduzenten aus anderen Disziplinen arbeiten": Yilmaz Dziewior im art-Interview

Herr Dziewior, der Sprung von einem hanseatischen Kunstverein zu einem international beachteten Ausstellungshaus in Vorarlberg ist gewaltig.

Yilmaz Dziewior: So gewaltig nun auch wieder nicht (lacht). Das Kunsthaus Bregenz und der Kunstverein in Hamburg verfügen über eine ähnlich große Ausstellungsfläche und auch beide Programme sind dezidiert international ausgerichtet.

Vergleichbar ist ebenfalls an beiden Orten ein selbstbewusstes und der Kunst sehr zugetanes Bürgertum. Zumindest konnte ich bei meinen bisherigen Besuchen in Bregenz schon eine ganze Anzahl Vorarlberger kennen lernen, die sich intensiv für das Kunsthaus engagieren und sich sehr mit dessen Aktivitäten identifizieren. Allerdings haben Sie Recht, dass grundsätzlich die Gegensätze zwischen einer Hafenstadt mit 1,7 Millionen Einwohnern im Norden von Deutschland und einem österreichischen Ort mit nicht einmal 27 000 Einwohnern und einem sehr ländlichen Ambiente zwischen See und Gebirge unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich freue mich aber sehr auf diesen Wechsel und auf ein Haus, das sowohl architektonisch wie auch von der finanziellen und personellen Ausstattung her noch einmal ganz andere Möglichkeiten eröffnet.

Dem Vernehmen nach gab es lange, zähe Verhandlungen bei der Wahl des neuen Direktors – unter anderen war der Kurator Hans-Ulrich Obrist enger im Gespräch. Welche Bedingungen stellten Sie?

Es war, denke ich, weniger eine Frage der Bedingungen als vielmehr ein intensiver Prozess, während dessen sich das Auswahlgremium klar werden wollte, mit wem sie die vakante Stelle des Direktors besetzen. Insgesamt gab es zirka sechzig Bewerber von denen ungefähr ein Drittel konkret im Vorfeld angesprochen wurde. Sie können sich vorstellen, dass bei einem solchen Verfahren, die Qualifizierung der Eingeladenen vergleichbar hoch war. Teil des Prozesses war es, dass eine Reihe der Bewerber vor Ort in ihren jeweiligen Wirkungsstätten besucht wurden. Auch dies hat viel Zeit in Anspruch genommen, spricht aber meiner Meinung nach für die Ernsthaftigkeit und Professionalität, mit dem das Findungsverfahren durchgeführt wurde.

Nach Bregenz pilgerte man in den letzten Jahren wegen zugkräftiger Namen wie Jeff Koons, Douglas Gordon, Anish Kapoor und Cindy Sherman. Womit wollen Sie Publikum von außen anziehen?

Der Bekanntheitsgrad einer künstlerischen Position ist immer etwas Relatives. Mein Vorgänger Eckhard Schneider hat es verstanden, ein international viel beachtetes Programm zu zeigen und gleichzeitig Künstler, die zum Zeitpunkt ihrer Ausstellung in Bregenz noch relativ unbekannt waren. An diese Tradition wird mein Programm anknüpfen, wobei ich vermehrt auch mit Kulturproduzenten aus anderen Disziplinen arbeiten möchte. Allerdings werden in Bregenz öfter als bisher Künstler aus Asien, Lateinamerika und Afrika zu sehen sein und dann auch solche, die die Mechanismen des Ausstellens bewusst reflektieren. Hierzu zählen auch Künstler, die sehr bekannt sind.

Darf man künftig mehr kuratorisch durchdachte Gruppenausstellungen erwarten?

Eigentlich denke ich nicht in Formaten wie Einzel- oder Gruppenausstellungen. Zurzeit bin ich aber eher mit Künstlern bezüglich Solopräsentationen im Gespräch. Parallel wird es jedoch auch in der so genannten Arena – dem Erdgeschoss des KUB – Projekte mit Archiven, Zeitschriften und anderen Institutionen geben, in die mehrere Personen gleichzeitig involviert sind. Diese Projekte würde ich aber nicht unbedingt Gruppenausstellungen nennen.

Wann und womit beginnt denn Ihr eigenständiges Programm?

Ich werde 2010 in Folge drei Ausstellungen mit Künstlerinnen machen: Candice Breitz (7. Februar bis 11. April), Roni Horn (24. April bis 4. Juli) und Cosima von Bonin (18. Juli bis 3. Oktober).

Das Architekturgehäuse des diesjährigen Pritzker-Preisträgers Peter Zumthor ist vornehm, gibt Künstlern aber ein starres puristisches Korsett vor.

Die bisherige Ausstellungsgeschichte des KUB hat gezeigt, dass es äußerst divergierende Möglichkeiten gibt, sich mit der von mir gerade aufgrund ihrer formalen Strenge sehr geschätzten Architektur auseinanderzusetzen. Es gab beispielsweise Künstler, die gegen den Bau rebelliert haben, wie Santiago Sierra, der ihn auf seine Höchstbelastung testete. Das wirklich Einzigartige des Zumthor Baus ist aber, dass er trotz seiner einmaligen Stärke vollkommen zurücktreten kann und ganz Bühne für die präsentierte Kunst ist. Es ist alles eine Frage der Herangehensweise.

Wird sich der Generationswechsel im Direktorenamt im Begleitprogramm auswirken?

Grundsätzlich mache ich nicht wirklich einen Unterschied innerhalb der verschiedenen Stränge des Programms einer Institution. Die Begleitaktivitäten sehe ich als genau so konstitutiv für die inhaltliche Ausrichtung des KUB wie die Ausstellungen, wenngleich letztere erfahrungsgemäß eine überregional größere Aufmerksamkeit erhalten. Beides, Ausstellung und Veranstaltungsprogramm wird sicherlich unter meiner Leitung andere und nicht zuletzt generationsbedingt neue Impulse erhalten.

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