Art School Bands - Musik und Kunst

Nichts geht mehr!

Kreuzberger Punks, Dosenbier bei der Documenta, konservative Künstkritiker und musizierende Künstler – ein Essay über "Art School Bands" von Künstler, Autor und "Die Tödliche Doris"-Gründer Wolfgang Müller .
"Das Unmögliche möglich machen":ein Essay über "Art School Bands"

Die Tödliche Doris, Festival Genialer Dilletanten / Festival Inginious Dilettantes, Berlin 1981

Es war Erik Satie, der einst sagte, dass die Entwicklung der Musik stets um Jahrzehnte der von Kunst hinterherhinke. Ein Musiker also, der vor über hundert Jahren seine Musikkompositionen mit Titeln versah wie "Vertrocknete Embryonen", "Möbelmusik" und "Stücke in Birnenform" – solch ein Ausnahmetalent war in der konservativen, ernsten Atmosphäre des damaligen Musikbetriebs ziemlich einzigartig.

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Seine Anregungen bezog Satie aus der Unterhaltungsmusik Pariser Billigkaschemmen und mittelalterlicher Mystik. Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet die Dada-Künstler waren, die den bereits über siebzigjährigen Komponisten schließlich wiederentdeckten, der in den zwanziger Jahren meinte, dass das Einzige, was die Musik seit Jahrzehnten an Neuem hervorgebracht hätte, der Jazz sei. In den fünfziger Jahren reklamierten die Anhänger der Neuen Musik und der Modernen Kunst gleichermaßen Erik Satie für sich. Parallel zu der gelegentlich in akademischer Starre verharrenden Neuen Musik, öffnete sich ein weiteres kulturelles Feld in der Musik, nämlich das der Popmusik.

Nun ließe sich heute darüber sinnieren, ob inzwischen die Systeme der bildenden Kunst im Grunde verschlossener sind und die Vermittlung von Kunst insgesamt hermetischer verläuft, sie mehr Ausschlüsse produziert, als die aktuelle populäre Musik. Selbst wenn die Kunstkritik derzeit vom Gegenteil überzeugt ist und gern die "uferlose Grenzenlosigkeit" der Kunst beklagt, so scheint mir eben dort diese Offenheit eher imaginiert zu sein. Eine Schwachstelle ist dabei in der Kunstkritik zu finden, die darin überfordert ist, die inneren, geistigen Ähnlichkeiten der formal und äußerlich so extrem unterschiedlichen Kunstwerke und Kunststile wahrnehmen zu können. Andererseits, und das ist wiederum positiv, erzeugt gerade die Dominanz dieser "äußerlichen Beliebigkeit" ungewohnte Freiräume in den Kunsthochschulen.

So berichtet Kunst- und Medienwissenschaftler Wolfgang Ullrich in seinem neuen Buch "Gesucht: Kunst!" von "luftleeren Räumen" in den Kunstakademien, wo die Künstler dazu ausgebildet würden, ihr Leben schließlich mit diversen Gelegenheitsjobs zu bestreiten. Abgesehen davon, dass die dort herrschende "Luftleere" immerhin Ullrichs eigene Berufung nicht verhindert hat, stellt sich die Frage, ob es tatsächlich eine erbauliche Vorstellung ist, alle Kunststudenten müssten schließlich hauptberuflich Künstler werden. Da ist der alte Gedanke von Beuys, jeder solle ungehemmt in der Kunstakademie Kreativität studieren können, um später beispielsweise Krankenpfleger, Bäcker oder eben auch Popmusiker zu werden, doch viel angenehmer, weil realistischer.

Nur in der Kunsthochschule gab es Freiräume

Tatsächlich kann genau die beklagte Grenzenlosigkeit, die Ullrich als "Luftleere" bezeichnet, ein wunderbarer Nährboden für Projekte sein, die sich schließlich in Form von Musik- und Popbands manifestierten. Der Kurator des Wolfsburger Kunstvereins, Justin Hoffmann, selbst Mitglied der Band Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), ist ein gutes Beispiel für die grenzüberschreitende Kreativität, die in diesem Freiraum entsteht. Wie auch Ex-Kunststudentin Melissa Logan von der Band Chicks on Speed machte Justin Hoffmann in einer gut besuchten Veranstaltung am 2. September 2008 im Museum Ludwig zum Thema "Art School Bands" deutlich, dass die Kunsthochschule eine ganz bestimmte Spannung von Kreativität und Kommerz ausstrahlt, die ein Motiv für den Umstieg vom Kunststudenten zum Popmusiker sein könnte. Motto: Lieber ein Popmusikstar als ein bekannter Maler.

Deutlich wird, dass viele besonders innovative Musiker ihre Wurzeln in der bildenden Kunst haben, wie viele selber Kunststudenten waren: Brian Eno, Velvet Underground, Iggy Pop, David Bowie, DEVO, Talking Heads, Patti Smith, Ian Dury und Laurie Anderson. Auch waren es vornehmlich Kunststudenten, die Punk nach Deutschland vermittelten: Gudrun Gut von Malaria, Moritz Reichelt vom Plan, Holger Hiller, Mike Hentz von minus delta t und viele andere mehr. Die Musikakademien, wo vorwiegend die Interpretation von Klassik gelehrt wird, sind denkbar ungeeignete Entwicklungsstätten für unangepasste, eigenwillige Popmusik. Auch meine Band, Die Tödliche Doris, entstand 1980 in der Berliner Hochschule der Künste, im Bereich "Experimentelle Filmgestaltung" – nur hier gab es seinerzeit Freiräume, die Experimente ermöglichten und die uns schließlich 1987 zu teilnehmenden Künstlern im Performanceprogramm der Documenta 8 machten. Kurz darauf spielten wir beim Festival des Punkfanzines "Bierfront" in Aachen. Mit der "Bierfront" fanden wir neben der Berliner Absturzbar "Kumpelnest 3000" gleichzeitig unsere einzigen Documenta-8-Sponsoren. Diese sind nun in der Danksagungsliste des Documenta-8-Kataloges gleich neben Lufthansa und Deutsche Bank verewigt: Für 30 Dosen gespendetes Bier und fünf Tabletts mit belegten Häppchen.

Martin Kippenberger, Nan Goldin und die Dead Kennedys

In den frühen 1980er waren die West-Berliner Galerien und Institutionen äußerst konservativ, pflegten traditionell Realismus – im Osten den sozialistischen und im Westen den kritischen Realismus, der schließlich in die "Wilde Malerei" mündete. Außerhalb dieser Tradition gab es kaum Gelegenheiten, konzeptionelle und grenzüberschreitende Kunstwerke auszustellen. Einzig die Galerie "gelbe MUSIK" von Ursula Block, das Galerieprojekt Eisenbahnstraße, die Galerie Gianozzo und das Künstlerhaus Bethanien zeigten nicht-realistische, klassische Genregrenzen ignorierende oder interdisziplinäre Werke.

So waren es auch seinerzeit vor allem Kunststudenten und Künstler, die Konzerte und Performances im Kreuzberger Frontkino und im legendären Berliner Punk-Club SO 36 organisierten. Im nachhinein wird deutlich, wie groß deren Anteil am Geschehen war. Das Spektrum im "subkulturellen Underground" des alten West-Berlin reicht im SO 36 vom zeitweiligen Pächter Martin Kippenberger, Auftritten von Ingrid & Oswald Wiener und Valie Export, den Industrialbands SPK und Throbbing Gristle, Punkbands wie Dead Kennedys, ersten Dia-Shows der New Yorker Fotografin Nan Goldin bis hin zu Konzerten der "Berliner Genialen Dilletanten" (sic!). Nicht vorzustellen, die Berlinische Galerie hätte damals diese spannenden Ereignisse zwischen Kunst, Performance und Musik auf Video dokumentiert. Ein Blick auf deren blasse Kunstankäufe aus jener Zeit beweist heute, dass Berlin Ost und Berlin West in ihrer extremen Realismuspräferenz und ihrer Konservativität offensichtlich gar nicht mal so unterschiedlich waren. Nun ahnt man vielleicht auch, wie es eigentlich kommt, dass aus der Zeit von Dada nicht eine einzige Filmdokumentation der zahlreichen, viel besuchten Dada-Soirées aus den Zwanzigern überliefert ist, dafür aber Unmengen völlig uninteressanter Militärparaden oder öde Liebesdramen.

Das Unmögliche letztlich möglich machen

Der Moderator der "Art School Band"-Veranstaltung im Museum Ludwig, Wolfgang Frömberg von der Musikzeitung "Intro", wies schließlich auf gewisse Kontinuitäten und Vernetzungen zwischen Musik- und Kunstwelt hin. Und da erinnerte ich mich: Als ich als junger Kunststudent und Musikdilettant 1980 erstmals ein Tonstudio betrat, um Musikaufnahmen für meine Band "Die Tödliche Doris" einzuspielen, reagierten die Techniker, eingefleischte Rockmusikfans auf jeden von uns vorgetragenen Vorschlag zuerst mit: "Das geht nicht! Das ist technisch nicht möglich!" – um das Unmögliche dann letztlich möglich zu machen. Als nun Wolfgang Frömberg auf der Terrasse des Museums Ludwig ein Video ankündigte, in welchem die Musik der Tödlichen Doris von 1980 wieder re-releast zu sehen ist – in Gesten und Gebärden, als Clip für Gehörlose – sagt der offensichtlich unmotivierte Techniker des Museums: "Auf der DVD ist nichts drauf! Die geht nicht!" Dabei lief die DVD doch erst kürzlich problemlos im Museum of Modern Art San Francisco, im MUMOK Wien und im Kulturraum des Berliner Gehörlosenzentrum in der Friedrichstraße. Warum also nicht hier, im Museum Ludwig? Musik für Gehörlose? Gehörlose Musik? Das geht offensichtlich nicht. Und das Publikum wandte sich einer dunklen Leinwand zu und wartete vergeblich auf Bild und Ton: Überall Grenzen, heute genau wie früher. Versuchen wir es also hier noch einmal, auf art-magazin.de und beweisen es: Gehörlose Musik. Es geht nämlich doch.

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