Marion Ackermann - Kunstfund

Rechtslage muss neu überdacht werden

Zwei Jahre lang wurde geheim gehalten, welche Werke sich in der Sammlung Gurlitt befinden. Marion Ackermann findet nachvollziehbar, dass erst einmal die Echtheit der Werke geprüft wurde. In ihrem eigenen Haus setzt die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen dagegen auf Transparenz. So hat sich das Düsseldorfer Museum nicht nur an dem Projekt Alfred Flechtheim beteiligt, sondern will auch sonst die "tragischen Geschichten" öffentlich machen – und sich nicht von Anwälten treiben lassen.

art: Frau Ackermann, einige Museumsdirektoren haben gefordert, dass jetzt schnell offengelegt werden sollte, welche Werke bei Cornelius Gurlitt gefunden wurden. Würden Sie sich Ihren Kollegen anschließen?

Marion Ackermann: Zum jetzigen Zeitpunkt ja. Ich bin aber der Meinung, dass es richtig war, erst einmal Experten zu beauftragen, die Sammlung genau zu untersuchen. Nach den Fälscherskandalen in den vergangenen Jahren ist eine neu auftauchende Sammlung immer erst einmal mit großer Skepsis zu betrachten. Dass man sich die Zeit genommen hat, die Provenienz zu klären und die Werke nicht sofort an die Öffentlichkeit gebracht hat, finde ich richtig. Aber jetzt müsste man mit der Erfassung durch sein und die Bestände unbedingt öffentlich machen.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist eines der Museen, das mit der Plattform Flechtheim.com offensiv Ergebnisse der Provenienzforschung veröffentlicht hat. Warum?

Wir sind bei unseren Forschungen auf viele tragische Geschichten gestoßen – auch zu Bildern, zu denen es keine Rückgabeforderung gab. Deshalb hab ich eine Entscheidung getroffen, dass auch diese Geschichten hinter den Bildern erzählt werden müssen, um das Gedächtnis an die Familien zu wahren, die im Dritten Reich gestorben sind. Deshalb haben wir bereits zu unserer Ausstellung zu Paul Klee alle Angaben zur Provenienzforschung in der Ausstellung dargestellt und ins Netz genommen. Flechtheim ist ja nur ein Teil. Wir haben selbst den Anspruch, alles herauszufinden, auch im Sinne einer historisch-kritischen Wahrheitsfindung – dazu möchten und brauchen wir nicht von Anwälten getrieben werden.

In den vergangenen Jahren wurde Museen vorgeworfen, zu mauern aus Angst, Werke zurückgeben zu müssen. War das berechtigt?

Ich glaube, dass es früher in manchen Museen eine Angst vor Rückgaben gab und man lange eine abwartende, hemmende Haltung hatte. Aber spätestens nach dem Washingtoner Abkommen 1998, der Berliner Erklärung und der Einrichtung der Provenienzforschungsstelle vor vier Jahren kann man das wirklich nicht mehr sagen. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall zeigt sich aber wieder, dass die Nachkriegsgeschichte immer noch nicht vorbei ist. Man hat von so vielen Sammlungen gehört, die angeblich verbrannt wurden. Man kann es ja nicht überprüfen.

Wird genug Provenienzforschung betrieben?

Das glaube ich schon. Es sind viele Menschen in der Provenienzforschung tätig, da passiert viel. Aber man bekommt eben oft keinen Zugang zu Archiven in Paris oder London. Das ist wahnsinnig mühsam. Es bräuchte Unterstützung, um ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu entwickeln, dass man in den Archiven forschen kann. Aber in Deutschland ist man auf einem guten Weg.

Ist es nicht eine Schieflage, dass Museen zu Transparenz verpflichtet sind, im Münchner Fall aber Informationen unter Verschluss gehalten werden?

Fast zwei Jahre nach der Entdeckung hat die Öffentlichkeit nichts von der Sammlung gewusst. Das ist eine relativ lange Zeit. Aber die Eigentumsverhältnisse sind ja noch nicht klar, deshalb musste man vor der medialen Bewertung die Echtheit und die Provenienz überprüfen.

Wie kann es sein, dass Gurlitt in den vergangenen Jahren Bilder über den Handel verkaufen konnte und niemand stutzig wurde?

Das wundert mich auch. Warum ist man dem nicht schon vorher auf die Spur gekommen? Das muss noch geklärt werden. Es müssen einige im Kunsthandel von der Sache gewusst haben, aber warum haben sie das verschwiegen?

Die Kunsthalle Mannheim hofft, einen Kirchner zurückzubekommen, was an der Verjährungsfrist scheitern könnte. Halten Sie die Rechtssprechung für richtig?

Durch den Fall Gurlitt muss man vieles neu bewerten. Die Nazizeit ist in diesem Sinne noch nicht vorbei, wir stehen noch mitten drin. Da ist viel versteckt worden, vieles basiert auf Lügen. Vor diesem Hintergrund sollte man doch noch mal über eine Neubewertung der Rechtslage im Hinblick auf Verjährungsfristen nachdenken.