Sabrina van der Ley - Hamburger Kunsthalle

Fehlende Ausstellungsetats sind eine gesamtdeutsche Misere

Von der Messe ins Museum: Zum 1. Dezember kommt Sabrina van der Ley, die scheidende Leiterin der Berliner Kunstmesse "Art Forum", als Kuratorin an die Hamburger Kunsthalle – zusammen mit Petra Roettig wird sie die Galerie der Gegenwart leiten. Im großen art-Interview erklärt van der Ley ihren Wechsel und spricht zum ersten Mal über ihre neuen Aufgaben und Pläne.
Das exklusive art-Interview:Van der Ley über ihre Pläne für Hamburg

Sabrina van der Ley kommt als Kuratorin an die Galerie der Gegenwart der Kunsthalle Hamburg

Sie wechseln von einer Kunstmesse in ein Museum. Was hat sie zu diesem Schritt bewogen? Und ab wann beginnen Sie eigentlich an der Kunsthalle Hamburg?

Ich beginne am 1. Dezember dieses Jahres. Meine erste eigene Ausstellung wird es voraussichtlich im Herbst 2009 geben, bis dahin steht das Programm der Kunsthalle bereits weitgehend fest. Die Hamburger Kunsthalle ist eines der wichtigsten Museen in Deutschland, und es ist daher ausgesprochen verlockend, an diesem Haus zu arbeiten.

War dies der logische Schritt, um vor den ständigen Machtspielchen der "Art Forum“-Galeristen zu fliehen?

Nein, das hat nichts miteinander zu tun. Nach den Querelen der letzten Monate um die inhaltliche und personelle Ausrichtung des "Art Forums" habe ich bereits im April deutlich gemacht, dass ich nicht mehr für ein weiteres Jahr zur Verfügung stehen würde. Das war mein Beitrag zur Beilegung der Kabale. Als dann die "FAZ" im Mai berichtete, dass ich frei bin, hat Hubertus Gassner mich angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach Hamburg an die Galerie der Gegenwart zu kommen. Sonst hätte ich mich künftig wieder ausschließlich der kuratorischen Arbeit mit European Art Projects gewidmet. Im Herbst eröffnet mit Megastructure Reloaded ja ohnehin unser nächstes großes Projekt.

Konkret: Wie sehen Ihre Aufgaben als Leiterin der Galerie der Gegenwart aus?

Ich werde die Galerie der Gegenwart ja gemeinsam mit Petra Roettig leiten, der Kuratorin für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts am Kupferstichkabinett der Kunsthalle. Wir werden gemeinsam eine neue, tragfähige Struktur für das Haus erarbeiten. Dabei sehe ich meine Aufgabe vor allem in einer schärferen Profilierung des Hauses in Richtung Gegenwartskunst, werde aber auch meine Erfahrungen aus der freien Szene, also etwas angewandte Institutionskritik, einbringen. Dazu gehört nicht zuletzt die Öffnung des Museums in Richtung auf informelle, gattungsübergreifende beziehungsweise interdisziplinäre Netzwerke, die für die aktuelle Kunstproduktion und -vermittlung immer wichtiger werden.

Sie haben bisher keinerlei Erfahrung in der Führung eines großen Museums – fühlen Sie sich der Herausforderung denn gewachsen?

Ja, natürlich, auch wenn ich sicher noch das ein oder andere Neue lernen werde. Was die organisatorische Seite anbetrifft, so habe ich in meiner Position beim "Art Forum" langjährig Leitungserfahrung sammeln können. Ansonsten wechsle ich ja nicht nur von einer Kunstmesse an ein Museum, sondern habe bereits vorher, sozusagen in Nachschichten, kuratorisch gearbeitet. Der Schritt ins Museum ist so gesehen nicht sonderlich weit und die Institution Museum ist mir seit meiner Zeit bei der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig nicht fremd. Als ich die künstlerische Leitung des Art Forum übernahm, hatte ich auch keine Messeerfahrung, aber dafür Erfahrung in fast allen Bereichen der Kunstszene, als Galeriemitarbeiterin, Geschäftsführerin eines Museumsfördervereins, Kustodin einer Privatsammlung und als Kuratorin; auf all dies kann ich nun zurückgreifen.

Es gibt so gut wie kein Budget für das Ausstellungsprogramm – wie wollen Sie ein ambitioniertes Programm auf die Beine stellen?

Mit dem fehlenden Ausstellungsetat ist Hamburg leider nicht allein, das ist eine gesamtdeutsche Misere, die dringend einer grundsätzlichen kulturpolitischen Korrektur bedarf. Was die finanziellen Rahmenbedingungen anbetrifft, so haben wir auch für die European Art Projects Ausstellungen "Ideal City – Invisible Cities" und "Megastructure Reloaded" den gesamten Etat akquirieren müssen. Das führt dazu, dass man zeitweise 60 Prozent seiner Zeit mit Fundraising verbringt, und das ist alles andere als ideal. Ich würde mir wünschen, dass zumindest die Museen wieder mit einem Grundetat für drei bis vier Ausstellungen im Jahr ausgestattet würden und so die inhaltliche Qualität der Projekte und der wissenschaftlichen Arbeit sowie die Unabhängigkeit vom Sponsorengeschmack gesichert wäre.
Das aber gehört in den Bereich der kulturpolitischen Lobbyarbeit. Fürs Erste gilt es, die schwierigen Bedingungen als Herausforderung anzunehmen, auch unter bescheidenen Bedingungen ein unbescheiden gewichtiges Programm zu zaubern.

Das bisherige Ausstellungsprogramm der Galerie der Gegenwart wird nicht als überragend eingeschätzt. Wie wollen sie der zeitgenössischen Kunst an der Hamburger Kunsthalle mehr Bedeutung verleihen?

Ich kann dieser Einschätzung so nicht folgen. Christoph Heinrich und seine Kollegen haben ausgezeichnete Ausstellungen gemacht, und auch die aktuelle Rothko Ausstellung ist in ihrer Zusammensicht von Rothkos eigenen Arbeiten mit Werken von Caspar David Friedrich und Pierre Bonnard eine ausgesprochen gelungene Retrospektive.
Sicher muss das zeitgenössische Profil des Hauses geschärft werde, dafür bin ich ja ans Haus geholt worden. Die Galerie der Gegenwart wird sich verstärkt jüngeren Positionen öffnen, ohne dabei ihre Funktion als Museum zu verleugnen. Neben den Präsentationen in den eigentlichen Ausstellungsräumen soll es eine Reihe von ortspezifischen Interventionen vor allem im Lichthof, aber auch im Außenraum der Galerie der Gegenwart geben. Künstler werden eingeladen, direkt auf spezifische Situationen in der Kunsthalle zu reagieren. Diese Art von Projekten hat bereits Tradition in der Kunsthalle, es gibt ja etliche ortsspezifische permanente Installationen. Das möchte ich gern wieder aufnehmen, habe dabei aber vor allem temporäre Interventionen im Auge. Das Museum befindet städtebaulich betrachtet zwischen Binnen-, Außenalster und Bahnanlage in einer Insellage. Diese splendid isolation möchte ich gern etwas aufbrechen, und das Haus durch Kooperationen und Interventionen im städtischen Kontext stärker verankern.

Gibt es schon konkrete Pläne? Was und wen würden Sie denn gerne in Hamburg ausstellen?

Es wird einmal im Jahr eine große thematische Ausstellung geben. Daneben plane ich auch Retrospektiven und Einzelpräsentationen von Künstlern unterschiedlicher Generationen, ich bin keinesfalls auf junge oder gar jüngste Kunst festgelegt. Meine Magisterarbeit habe ich über konzeptuelle Wandmalerei am Beispiel von Sol Lewitt, David Tremlett und Lawrence Weiner geschrieben; seither hat mein Interesse an minimalen und konzeptuellen Positionen nicht abgenommen. Umso mehr freue ich mich, dass es in der Sammlung der Galerie der Gegenwart einen prägnanten Schwerpunkt zu diesen Positionen gibt, den ich sicher zum Ausgangspunkt mancher Erkundungen machen werde. Zu diesem Zeitpunkt möchte ich noch keine Namen nennen, aber natürlich habe ich mit einigen Künstlern bereits über mögliche Ausstellungsprojekte, auch solche mit retrospektivem Charakter gesprochen. In den kommenden Monaten werde ich mein Programm für die nächsten Jahre entwickeln und mit meinen Kollegen in der Kunsthalle diskutieren, danach stellen wir unsere Pläne der Öffentlichkeit vor.

Das fehlende Budget – und das niedrige Gehalt – war ein Grund warum die Suche der Kunsthalle fast ein Jahr gedauert hat und namhafte Kandidaten wie Julian Heynen und Stephan Berg das Angebot abgelehnt haben. Sind Sie nur der Restposten?

Soweit ich weiß, gab es 86 Bewerber, die die Stelle allesamt gern genommen hätten. Unter diesen Umständen fühle ich mich eher geschmeichelt, wenn sie mir nach Abschluss des Besetzungsverfahrens angeboten wird. Darüberhinaus dürfen Sie mir glauben, dass ich, was die Ausgestaltung der Stelle anbetrifft, durchaus akzeptable Bedingungen ausgehandelt habe.

Nach Samuel Keller sind Sie die zweite prominente Messe-Chefin, die zu einem Museum geht. Kann man daran einen Trend ablesen? Ist dies eher eine Verweigerung gegenüber dem Kunstmarkt, oder drängt der Markt in die Museen?

Nein, weder ist es ein Trend, noch eine Verweigerung und schon gar keine neue Entwicklung, dass der "Markt" ins Museum geht , siehe etwa Peter Pakesch oder Rene Block. Ausserdem geht es auch umgekehrt: Lisa Dennison ist vor einiger Zeit vom Guggenheim Museum zu Sotheby's gewechselt, Emma Dexter hat die Tate zugunsten eines Jobs bei Timothy Taylor Gallery verlassen. Markt und Museum sind schlicht beide wesentliche Bestandteile des Betriebssystems Kunst.

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