Terrakotta- Krieger - Hamburg

Echt unecht

Altersweise sehen sie aus, die Krieger. Doch keiner von ihnen zählt 2200 Jahre: "Im Vertrag wird niemals von Originalen gesprochen." So macht der Sprecher der Organisatoren der Ausstellung, Yolna Grimm, den Spekulationen über die Echtheit der Figuren ein Ende.
Echt unecht:Die Hamburger Tonkrieger sind moderne Repliken

Nur 190 Euro pro Krieger: Schnäppchen-Jagd im Shop des Musems für Völkerkunde

Gewöhnliche Museumsbesucher sind rar seit feststeht, dass es sich bei den Hamburger Terrakotta-Kriegern nicht um Originale handelt. Im Museum für Völkerkunde tummelten sich gestern fast ausschließlich Pressefotografen.

Den Anstoß für die mediale Debatte gab eine Äußerung des Leipziger Kulturmanagers Roland Freyer. Acht der Krieger seien moderne Repliken und niemals 2200 Jahre alt, so Freyer. Die chinesischen Behörden hätten die Ausfuhr echter Tonkrieger nach Hamburg nicht autorisiert. Allein die Tatsache, dass die zerbrechlichen Soldaten auf dem Seeweg nach Hamburg kamen, spreche gegen ihre Echtheit. Denn: Die kostbaren chinesischen Raritäten würden ausschließlich per Flugzeug auf Reisen geschickt.

Den Vorwurf eines Kulturmanagers, der selber Terrakotta-Ausstellungen in Deutschland organisiert, wollte man vorerst nicht allzu ernst nehmen. Liegt er doch seit Jahren im Clinch mit dem Ausstellungsbüro, das die Krieger für Hamburg organisiert hat. „Freyer ist eine Person mit mehreren Fragezeichen“, meint Yolna Grimm vom „Center of Chinese Arts and Culture“ (CCAC), dem der Konkurrent Freyer mit seiner Aktion zu schaden droht. „Freyer hat schon oft Ausstellungen attackiert, ob in Nürnberg, Stuttgart oder in Erfurt. Dieser Mann ist sehr fragwürdig“, so CCAC-Sprecher Grimm. Und doch stellt das Völkerkundemuseum Nachforschungen an. Zum ersten Mal, wie es scheint, befasst man sich mit der Provenienz der Fracht und fragt in China nach.

Die Antwort der Behörden vom Fundort der Ton-Soldaten Xi’an kommt prompt: „Wir haben die Ausfuhr nicht genehmigt. Wir wissen von keiner Ausstellung in Hamburg.“

Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Besucher in der Schau keine 2200 Jahre alten Krieger bestaunt, sondern deren Nachbildungen. Es wird vom Organisator der Ausstellung, dem CCAC aus Leipzig, bestätigt: „In dem Vertrag, den wir mit dem Museum abgeschlossen haben, wird niemals von Originalen gesprochen“, sagt CCAC-Sprecher Yolna Grimm. „Die Rede ist von authentischen Scherbenfiguren aus Originalmaterial. Das Material der Exponate – Kupfer, Jade und Ton, ist das Originalmaterial, wie man es schon vor 2200 Jahren verwendet hat.“

Seit heute hängt ein neues Schild an der Tür des Museums: "Bei den in der Ausstellung gezeigten Objekten handelt es sich um originalgetreue Kopien der Grabbeigaben aus der Ausgrabungsstätte Xi'an", ist da zu lesen. Auf ihrem gestrigen Hinweis-Schild hatten die Museumsmacher noch eine Formulierung im Konjunktiv benutzt: "Die Objekte könnten bloße Kopien sein", hieß es.

Der Museumsbesucher, der sich betrogen fühlt, bekommt sein Eintrittsgeld erstattet. Wer die Ausstellung seit ihrem Beginn am 25. November bis zum 9. Dezember, dem Tag, an dem die Vorwürfe laut wurden, besucht hat, bekommt die zehn Euro Eintrittsgeld zurückerstattet. Die Kartenverkäuferin des Museums sagt, nur wenige hätten von diesem Recht Gebrauch gemacht. „Bis jetzt“, fügt sie hinzu.

Über 10 000 Besucher zählt die Ausstellung bisher. Wenn alle ihr Geld zurückverlangen, könnte es das Museum 100 000 Euro kosten. Doch der finanzielle Verlust lässt sich eher verkraften als der Imageschaden, der dem Museum droht.

Bekannt ist, dass China mit Plagiaten - beziehungsweise mit der Idee der Urheberschaft - einen unbedarften Umgang pflegt. Direkt an der Stelle, an der man in den siebziger Jahren die Scherben der kaiserlichen Tonarmee ausgegraben hatte, entstehen laufend neue Tonkrieger. In allen Größen sind die Figuren, „Made in China“ und aus „authentischem“ Material, zu haben. Über das Internet kann sich jeder seine eigene Terrakotta-Armee bestellen.

Eine nette Geschenkidee zu Weihnachten: Wer sich an seinen Krippenfiguren satt gesehen hat, kann sie dieses Jahr durch hübsche Terrakottafiguren aus dem Reich der Mitte ersetzen. Preislich geht es wesentlich demokratischer zu als während der Kaiserzeit: Der kniende Bogenschütze kostet 480 Dollar – genauso viel wie der bärtige Krieger. Der Junior-Offizier ist gleich viel wert wie der General. Einzig für das Pferd muss der Käufer mehr hinlegen: Es kostet 980 Dollar.