Interview mit Palais Schaumburg

Alle waren furchtbar arrogant

Vor 100 Jahren bezog die Hamburger Hochschule für bildende Künste ihr Gebäude am Lerchenfeld. Hier lehrten Künstler wie Sigmar Polke, Gotthard Graubner und Werner Büttner, unter den ehemaligen Studenten sind Isa Genzken, Martin Kippenberger und Daniel Richter. Da die Schule auch viele Musiker hervorgebracht hat, wird das Jubiläum an diesem Wochenende mit einem Festival gefeiert – neben vielen anderen tritt die legendäre Band Palais Schaumburg auf. Ein Gespräch mit deren Mitbegründer Holger Hiller.
Hundert Jahre HFBK:Ralf Schlüter im Gespräch mit Holger Hiller

Hauptgebäude der Hochschule für bildende Künste in Hamburg

Palais Schaumburg wurde 1980 in Hamburg von Holger Hiller und Thomas Fehlmann gegründet, die sich an der HFBK kennen gelernt hatten. Mit deutschsprachiger, kunstvoll verdrehter Popmusik machten sie in den frühen achtziger Jahren Furore.

Im Zuge der Neuen Deutschen Welle galten sie sogar mal einige Zeit als Popstars. Holger Hiller lebt heute in Berlin, per E-Mail beantwortete er einige Fragen zu seiner Hamburger Studentenzeit.

art: Sie haben immer gesagt, dass Sie sich als Musiker sehen. Warum haben Sie sich damals an einer Kunsthochschule eingeschrieben, und nicht an einer Musikhochschule?

Holger Hiller: An der Hochschule für bildende Künste in Hamburg fühlte ich mich besser aufgehoben, weil die Beschäftigung mit Ästhetik viel umfangreicher war und auch Inhalte aus vielen Bereichen außerhalb der Kunst eine größere Rolle spielten. Die damals so genannte "ernste Musik" war in erster Linie eine sich selbst widerspiegelnde und extrem akademische Veranstaltung. Dazu kam noch, dass ich gar nicht die Voraussetzungen für ein Kompositionsstudium erfüllte: Ich hätte perfektes klassisches Klavierspiel vortragen müssen. Der Professor für Komposition war damals Giörgy Ligeti, dessen Musik, ich, wie viel andere, durch den Film "2001 Odyssee im Weltenraum" von Kubrick kennengelernt hatte, und als Komponist sehr schätze. Ligeti schien aber zum Beispiel kaum an dem Phänomen Film interessiert, sondern an seiner zugegeben sehr ausgefeilten Kompositionsweise.

Wie war damals die Atmosphäre an der HFBK? Womit hat man sich beschäftigt? Hat man die Wirkung von Punk gemerkt?

Alle waren furchtbar arrogant. Das gilt wahrscheinlich auch für mich. Meine Unsicherheit und meine In-mich-Gekehrtheit wurde wohl zeitgemäß als Arroganz interpretiert, was mir anscheinend zugute kam. Man darf nicht vergessen, dass Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Punk und Post-Punk eine Gegenreaktion auf die Hippie-Nettigkeit war. Der typische Punk-Star war ja nicht für sensible Zugänglichkeit bekannt sondern eben für Arroganz und Wut über das, was man heute vielleicht aufkeimenden Neoliberalismus nennen könnte, und dann wenig später mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher Einzug in die Regierungsformen hielt. Dieser Drehpunkt Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger war natürlich auch an der Kunsthochschule spürbar. Bewusst oder unbewusst wollte man darauf reagieren, sich zumindest ästhetisch positionieren, gegen das Auslaufmodell der damals noch tonangebenden sechziger-Jahre-Generation, die sich in überall andeutende Widersprüche verfing, und Punk und Post-Punk boten da einen ganz guten neuen Ausgangspunkt.

Palais Schaumburg – Wir bauen eine Stadt

Gab es bei Palais Schaumburg bewusst einen konzeptuellen, künstlerischen Aspekt? Vieles in den Texten und der Kleidung erinnerte an die zehner/zwanziger Jahre, von Dada und Surrealismus bis zum expressionistischen Film.

Mag sein. Palais Schaumburg wendete sich jedenfalls nicht an ein Kunstpublikum, sondern blieb in dem, was man damals "Indie" nannte, also in einem Bereich, der als Teil der musikindustriellen Produktion funktionierte. Es gibt also formale Ähnlichkeiten aber einen anderen Kontext. Will sagen, anders als Dada und Surrealismus, wollte ich mit den Texten – und wollten wir mit der Musik – nicht bürgerliche Werte von individuellem Ausdruck, Einmaligkeit und akademischer Meisterschaft in Frage stellen. Das war für uns ja eigentlich schon mit Warhol und Velvet Underground erledigt. Und es war eine Zeit, in der niemand davon geschockt war, wenn jemand sein Nicht-Können ausstellte und auf Schallplatten presste.

Wir hatten eher das Problem, dass Texte und Attitüde der erfolgreichen "Indie-Musik", die ja aus USA und Großbritannien kam, nur bedingt kopierbar waren. Die US-amerikanische existentielle Langeweile oder der Hass auf die Queen waren nicht wirklich unsere Themen. Deswegen stellten sich Fragen der Identität, des Inhaltes, der Positionierung. Aus verschiedenen Gründen, die hier jetzt zu weit führen würden, entschied ich mich gegen eine identifikatorische Zuweisung und für ein offenes Spiel mit den Elementen der Identifikation. Das legte poetische Strategien nahe, wie etwa Überblendung, Montage, Aleatorik, automatisches Schreiben, Bewusstseinsstrom, die ja auch in Dada und Surrealismus eingesetzt worden sind.

Wie haben die Lehrer an der Hochschule auf Ihre Musik reagiert?

Hmmm, weiß nicht. Ich hab mich darüber nicht mit ihnen unterhalten. Ich studierte ja auch Video und nahm an Kunst-Performances teil.

Eine Zeitlange waren Sie Popstar, im Zuge der Neuen Deutschen Welle. Haben Sie das als reizvoll oder bedrohlich empfunden?

Ja, beides.

Sie haben als einer der ersten Musiker überhaupt konsequent mit Samples gearbeitet. Was hat Sie daran interessiert?

Eigentlich das gleiche, was mich vorher an Synthesizern interessiert hatte: Sie waren erschwinglich geworden. Das öffnete eine neue Art des Umgangs mit Musik, und etwas, was ja wahrscheinlich auch für die Verbreitung im Hip-Hop entscheidend war: Man brauchte keine riesigen Budgets mehr, um zu produzieren, und man konnte sich direkt auf Referenzen beziehen: Papas Plattensammlung und ähnliches. Das sind ja heute Selbstverständlichkeiten. Von daher ist auch diese Bedeutung heute eine andere.

Heute spielen Kraftwerk in Düsseldorf im Museum, und Sie treten mit Palais Schaumburg beim Jubiläum der HfbK auf. Was bedeutet das, wenn die Popmusik auf diese Weise in den Kanon aufgenommen wird?

Um es ganz allgemein zu beantworten: Ökonomisch und inhaltlich hat die Bedeutung von Konzerten und – wenn man so will – der Marke zugenommen, weil die der Tonträger abgenommen hat. Die Kanonisierung der Popmusik im musealen Bereich ist dabei eine Tendenz. Die andere das unternehmerische Setzen auf Produkte, wie es US Hip-Hoper vormachen, vom Parfüm bis zum Kopfhörer. Das alles sehe ich als direkt Reaktion auf den Werteverfall des Tonträgers als Ware. Es ist eine logische Konsequenz. Das ist zunächst einmal etwas Positives: eine Entwicklung die seit Anfang letzten Jahrhunderts in Gang ist, und nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Masse der Menschen kann sich in einer neuen Dimension mit Musik, Bildern und Texten einrichten, sie sich aneignen, und auch selbst zum Autor werden. Es stellen sich hier für mich nicht die Frage nach dem Kunst-Wert, sondern nach der Konfliktebene auf der das stattfindet, und welchen krisenhaften Verlauf diese Entwicklung annimmt und weiter annehmen wird. In dem Zusammenhang fällt mir ein. Ich habe neulich den uralten und doch aus meiner Sicht aktuellen Aufsatz "Die Kunst im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit" von Walter Benjamin wieder gelesen und möchte das jedem ans Herz legen, der sich mit dieser Thematik beschäftigt. Hat auch nur so um die 70 Seiten, was ich immer positiv finde.

Das Künstlerfest in der HfbK: In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober werden im ganzen Haus Musiker auftreten, die einst an der HfbK studiert haben: neben Palais Schaumburg auch DJ Phono, Felix Kubin, HGichT, Andreas Dorau und Arne Zank von Tocotronic.

http://www.hfbk-hamburg.de/de/

Zum Jubiläum ist ein Buch des art-Autors Till Briegleb erschienen:

Berühmt-berüchtigt: 
Ein nicht ganz offizielles Glossar der ersten 100 Jahre am Lerchenfeld

Text- und Bildredaktion: Sabine Boshamer und Julia Mummenhoff, 
Gestaltung: Jana Reddemann, Alexander Werle, Prof. Ingo Offermanns (Studienschwerpunkt Grafik/Typografie/Fotografie)

http://www.hfbk-hamburg.de/de/aktuell/projekte/100-jahre-am-lerchenfeld/publikationen/

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