Otto Piene - Nachruf

Die Stunde Zero

Im Frühsommer traf art-Korrespondentin Claudia Bodin zu einem Interview auf seiner Farm in Massachusetts. Es sollte das letzte ausführliche Gespräch mit Piene sein – jetzt ist er in Berlin gestorben.
Otto Piene war nicht zu stoppen:jetzt ist er in Berlin gestorben

Otto Piene auf seiner Farm in Groton, Massachusetts

Otto Piene war nicht zu stoppen. Auch wenn ihm das Laufen schwer fiel, ließ er es sich nicht nehmen, uns im Mai bei unserem Besuch in Groton im ländlichen Massachusetts durch unwegsames Gelände zu führen, windschiefe Scheunentreppen hinaufzuklettern und Stufen hinabzusteigen, um uns seine Ateliers zu zeigen.

"Das geht schon”, sagte Piene gut aufgelegt. Dann marschierte er in kleinen, kurzen Schritten los.

Dass der Mitbegründer der Nachkriegs-Kunstbewegung Zero im Alter von 86 in einem Taxi in Berlin starb und am Tag zuvor zwei große Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie und in der Deutsche Bank Kunsthalle eröffnet hatte, passt also zum rastlosen Leben des großen Lichtkünstlers. Piene hat sich nie aufhalten lassen. Nicht, als er sich im Krieg als 17-jähriger Flakhelfer zu Fuß nach Hause begab und erst einmal zur Elbe bei Glückstadt lief, wo er mit einem Bild von dem im Sonnenlicht schillernden Fluss belohnt wurde, das ihn zutiefst berührte. Nicht, als er 1957 vier Monate lang Löcher in Kartons stanzte, durch die er Ölfarbe presste, so dass sich mit Licht und Schatten spielende Muster bildeten. Nicht, als er neue Maltechniken wie die Rauch- und Feuerbilder entwickelte und die Farbe mit Flammen attackierte. Nicht, als er bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in München 1972 einen 700 Meter langen Regenbogen über das Gelände spannte. Kunst hatte bei Piene nichts Elitäres oder Einschüchterndes. Sie lud zum Träumen, zum Fühlen, zum Erleben ein.

Dem Nationalsozialismus und dem Krieg, setzten Piene und seine Zero-Gefährten Licht, Energie, Leichtigkeit und Purismus ohne jegliches Pathos entgegen. Zero verkörperte für den Künstler die Stunde null. Der Neubeginn in der Kunst. Der Himmel, in dem Piene seine Sky-Events mit aufblasbaren Skulpturen steigen ließ, bedeutete Frieden und bot Freiheit. Licht trat bei Piene zum Tanz an, erfüllte Räume und schickte die Betrachter auf poetische Reisen.

Es machte nur Sinn, dass ein rühriger Künstler wie Piene nach Amerika übersiedelte. 37 Jahre war er damals alt. Ihm gefielen der amerikanische Pragmatismus, die Lust am Abenteuer und die Kommunikationsfreudigkeit unter den Kollegen. Die Aufgewecktheit der Studenten und dass fehlende Obrigkeitsdenken. Er sei wegen seiner Arbeit und der Menschen in Amerika geblieben, sagte Piene. New York probierte er, wie es sich für einen Künstler gehörte, aus, aber die Stadt war ihm nach vier Jahren Aufenthalt zu laut. Ihn zog es aufs Land, das ihn an glückliche Kindheitstage im westfälischen Laasphe erinnerte.

In den achtziger Jahren entdeckte Piene die frühere Farm in Groton, wo er sich mit seiner Frau, der Dichterin und Künstlerin Elizabeth Goldring-Piene, niederließ. Nicht weit von dort befindet sich die Elite-Universität Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er mehr als 20 Jahre lehrte und ab 1974 das Center for Advanced Visual Studies leitete. In dem Zentrum fließen Kunst, Wissenschaft, Natur, Technologie und Medien zusammen, was damals sogar in den USA als revolutionär galt.

Seine Ateliers seien im Laufe der Jahre gewandert, aber dem Licht sei er stets treu geblieben, so Piene, der mehrfach an der Documenta teilnahm und im Oktober mit seinen Weggefährten mit einer Zero-Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum geehrt wird. Sich selbst bezeichnete er als Pendler zwischen den USA und Deutschland, wo er bis vor einem Jahr ein Atelier in Düsseldorf betrieb. Erst vor Kurzem hatte er sein Pensum heruntergeschraubt und flog im seinem hohen Alter nur noch alle zwei Monate nach Deutschland. "Ich bin ganz gern im Flugzeug", erzählte Piene in seiner humorigen Art. "Allein schon deshalb, weil das Telefon nicht klingelt."

Mit dem Sky-Event auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie ging für Otto Piene ein Traum in Erfüllung. Der Mies-van-der-Rohe-Bau hatte für den jungen Künstler die neue Kunst, die neue Architektur und einen neuen Geist symbolisiert, der optimistisch in die Zukunft blickte. Doch kurz bevor er sein Werk über dem Himmel von Berlin betrachten konnte, starb Otto Piene unerwartet an einem Herzinfarkt. Die mit Helium gefüllten Sternskulpturen stiegen dennoch in den Himmel. Ihr Mann hätte es nicht anders gewollt, entschied seine Frau Elizabeth. Otto Pienes Zone Zero war früher wie heute der Bereich, in dem ein alter in einen neuen Zustand übergeht. Ein Moment voller Schönheit und Zuversicht. Und in diesen Tagen auch voller Trauer.

Den Text über den Besuch bei Otto Piene können Sie in der aktuellen Ausgabe von art – Juli 2014 lesen.

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