Museum der Unschuld - Istanbul

Pamuks Wunderkammer

Das Museum der Unschuld ist eine Hommage an Istanbul und das fiktive Liebespaar aus seinem berühmten Roman. Im Gespräch mit art erklärt der Nobelpreisträger die Idee hinter seiner, gerade als "Europäisches Museum des Jahres 2014" ausgezeichneten, Wunderkammer
Interview mit Orhan Pamuk:Interview mit Orhan Pamuk

Schriftsteller Orhan Pamuk in seinem Museum der Unschuld

Vier Jahre nach dem Erscheinen seines Romans "Museum der Unschuld" eröffnete der türkische Literatur-Nobelpreisträger in seiner Heimatstadt Istanbul ein Privatmuseum, das auf drei Etagen das Schicksal von Kemal und Füsun bebildert und gleichzeitig viel mehr erzählt als nur eine Liebesgeschichte.

Am vergangenen Wochenende verlieh das European Museum Forum der Wunderkammer seinen Hauptpreis in der Kategorie "Museum des Jahres 2014".art-Autor Heinz Peter Schwerfel traf Pamuk bereits 2012, zur Eröffnung seines Museums in Istanbul.

art: In der Literatur evozieren Sie Bilder mit Worten, in Ihrem neuen Museum versuchen Sie das Gleiche mit Objekten. Ein neuer Beruf für Sie?

Orhan Pamuk: Schon immer waren Malerei und Poesie verschwisterte Kunstformen. "Ut pictura poesis" (So wie die Malerei ist die Poesie), schrieb der römische Dichter Horaz. Und so ist es, in Poesie wie in Malerei geht es um Gefühle. Trotzdem sind beide natürlich grundverschieden, aber
ich habe das Glück, dass ich, was durchaus nicht einzigartig ist, auch male, wie vor mir andere Schriftsteller von Victor Hugo bis August Strindberg, und das Malen genieße. Wie ich in meinem Erinnerungsbuch "Istanbul" erzähle, war ich von sieben bis 22 Jahren wild entschlossen, Maler zu werden. Dann muss sich in meinem Kopf ein Schräubchen gelockert haben, und ich begann, Architektur zu studieren. Mein großes Vorbild war damals Le Corbusier – ich wollte Architekt und Maler werden, bevor ich alles abbrach und Romane zu schreiben begann. Aber der tief in mir begrabene Maler hat nie aufgehört, sich im Grab zu wälzen.

Das Museum erzählt Ihren Roman "Museum der Unschuld" ein zweites Mal, aber nun über eine Sammlung gefundener und erfundener Objekte.

Anfangs habe ich solche Objekte mit einer seltsamen Logik gesammelt: Ich wollte sie erst besitzen und dann dank ihnen Romane schreiben. Meine Geschichte sollte in einem wirklich existierenden Haus spielen, in der eine erfundene Familie lebt, und dann wollte ich dieses Haus in ein Museum verwandeln. Das war mehr oder weniger die ursprüngliche Idee. Also war das erste Objekt meiner Sammlung ein Haus, das ich 1999 kaufte. Vier oder fünf Jahre lang war das Projekt ein Ganzes, bestehend aus Museum und Buch.

Roman und Sammlung wuchsen gleichzeitig?

Mehrere Jahre lang schrieb ich am Buch und vergrößerte die Sammlung. Dann, 2003, hatte ich Probleme mit der Politik, die Arbeit am Roman ging nur schleppend weiter, das Sammeln nahm kein Ende, aber ich hatte mich zum architektonischen Durchblick im Museum entschlossen, der den Besucher erlaubt, einander zu sehen. Das Guggenheim in New York war hier Vorbild. Irgendwann
sah ich ein, dass ich den Roman fertig schreiben und veröffentlichen konnte, aber das Museum mehr Zeit brauchte. Ich beschloss, den Roman zuerst herauszugeben, obwohl er eigentlich am Eröffnungstag des Museums hatte erscheinen sollen, als eine Art erweiterter Katalog. Dann, dank des
Nobelpreises, kamen mehr Ruhm und mehr Geld, und damit auch mehr politischer Einfluss. Inzwischen hatte mein ursprünglicher türkischer Architekt Ihsan Bilgin sein Büro schließen müssen, jemand empfahl mir Gregor Sunder-Plassmann, der im Dezember 2008 zum Team stieß. Ostern 2009 begannen die Bauarbeiten.

Das Gebäude ist ursprünglich ein Wohnhaus. Was können Sie über das Viertel sagen?

Das Haus wurde 1897, wahrscheinlich von einem armenischen Architekten, hier in Beyoglu gebaut, nahe am Hafenviertel Karaköy und dem Marmara-Meer. Damals war Istanbul noch Hauptstadt des Osmanischen Reichs, das den Nahen Osten und den Balkan umfasste. Das Geld aus allen Teilen des
Reiches landete vor allem hier im Viertel, es war eine Art türkischer "Wall Street" Bezirk, eine wohlhabende Nachbarschaft vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre. Dann wurde Ankara Hauptstadt, viele Bevölkerungsminderheiten des Viertels wurden vertrieben, die Geschäfte zogen um, es ging bergab, nicht nur hier, überhaupt mit der Türkei. Als ich das Haus kaufte, war die Gegend immer noch verarmt. Es gehörte einem Immobilienmakler, der die Wohnhäuser der Leute als Investition aufkaufte. Es diente ihm als primitive Schlafstätte für seine Bauarbeiter und war in sehr
schlechtem Zustand.

Sie haben es völlig renoviert und präsentieren die Sammlung als Ansammlung von Kabinetten, wie eine Wunderkammer.

Sie haben recht. Als wir mit der Arbeit begannen, habe ich Gregor Sunder-Plassmann alle meine Wunderkammer-Bücher gebracht, die über Joseph Cornell und die über Daniel Spoerri und sein erstes "Musée Sentimental".

Gibt es Museen, die Sie beinflusst haben?

Ich mag Museen, in denen der Künstler oder Sammler selbst gelebt hat auf seine alten Tage mit der Idee, sein Haus würde nach seinem Tod zum Museum werden. Wie ich mag auch der Held meines Romans, Kemal, diese Idee. Ein Beispiel ist das Ateliermuseum von Gustave Moreau; immer wenn ich
in Paris bin, gehe ich dort vorbei. Dann in London das Museum des Architekten John Soane oder das Museum von Frederic Marès in Barcelona, ein wunderbares Museum für die Dinge des Alltags mit wunderbarer Atmosphäre. Unser Haus kommt dem sehr nahe. Wir bewegen uns auf dem Gebiet
von Marcel Duchamp – wir mögen Ready-Mades, Fundobjekte. Ich bin Schriftsteller und vielleicht auch Künstler, auf alle Fälle bewegen wir uns auf Duchampschem Gebiet mit Fakten und Fiktionen. Ready-Mades in der Kunst sind dem, was im Roman wahr ist und was erfunden, sehr ähnlich. Das kann man nach allen Seiten drehen und wenden, im Herumdrehen bin ich ein Meister, denn das kenne ich aus meinen Romanen. Jetzt tue ich es im Museum.

Ihr Museum handelt nicht nur vom Roman, es handelt auch von Ihrer Stadt, Istanbul?

Das Museum ist keine Illustration des Romans, und der Roman keine Erklärung des Museums. Sie sind auf einzigartige Weise miteinander verworben, sie ergänzen einander und sind trotzdem unabhängig. Das ist vielleicht der Grund, warum ich mit dem Museum so lange gebraucht habe, dass ich die Kluft zwischen seiner Geschichte und der Geschichte des Buchs erkannt habe. Die Erfahrung des Lesens wurde eine andere als die des Museumsbesuchs. Ich habe verstanden, dass das Museum für sich steht, selbst wenn man den Roman nicht gelesen hat. Leider hat die Stadt Istanbul kein eigenes Museum über ihre Geschichte, deshalb ist das "Museum der Unschuld" unter anderem auch ein sehr bescheidenes Stadtmuseum über die Zeit zwischen den fünfziger Jahren und heute. Alte Fotografien, einige Gemälde, eine schöne Auswahl von Beispielen des türkischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre, Schwarzweißfilme über Istanbul, viele Zeitungen … Es ist der Spiegel der Stadt, in der wir leben.

Für uns Ausländer ist Istanbul das historische Wahrzeichen internationaler Verständigung und verschiedenster Kulturen, die hier zusammenleben…

Aber das war es nicht in den siebziger Jahren, damals hat niemand das Leben hier so gesehen. Heute verändert sich Istanbul so schnell, so viel passiert, weil die Welt sich so verändert! Heute ist Istanbul viel kosmopolitischer, Sie ahnen gar nicht, wie es sich in den letzten zehn Jahren verändert hat. Ich lebe hier seit 60 Jahren, aber in den letzten zehn Jahren hat sich ebenso viel verändert wie zwischen den fünfziger Jahren und dem Jahr 2000. Selbst ich komme nicht mehr mit!

Lesen Sie auf der nächsten Seite warum das Museum drei alte Zahnbürsten aufbewahrt und erfahren Sie die Wahrheit über die erste türkische Limonade

Besaßen Sie die meisten Objekte und Zeitzeugen bereits oder mussten Sie sie für die Museumseröffnung anschaffen?

Es gibt sämtliche Kategorien. Vergessen Sie nicht, dass einige Exponate nicht historische Zeitzeugen sind, sondern erfundene, fiktive Objekte, so weit das eine legitime Kategorie ist. Beispielsweise "Meltem Soda Pop", die erste türkische Limonade, ist reine Fiktion, obwohl einer wirklichen Limonade abgeguckt, denn damals kamen Coca- und Pepsi-Cola auf den türkischen Markt und führten zur Entwicklung türkischer Marken. Wir haben Glasflaschen, Werbeclip und Zeitungsreklame dazu frei erfunden, es ist ein Fantasieobjekt. Das ist die eine Kategorie. Die zweite sind real existierende Alltagsgegenstände aus jener Zeit, und da gibt es Variationen. Ursprünglich sammelte ich zuerst
Dinge, etwa Kleidung oder Raritäten, um sie dann in den Roman aufzunehmen. Das klappte in 95 Prozent der Fälle. Aber manchmal war es gar nicht so einfach, etwas zu finden. Zum Beispiel Müll. Niemand sammelt Müll. Fotos von bekannten Fußballern oder Künstlern einer Epoche werden gesammelt, aber niemand behält alte Zahnbürsten. Wir haben drei alte Zahnbürsten im Museum, wir brauchen sie für die Vitrine von Füsuns Badezimmer, aber die waren schwierig aufzutreiben. Oder Zeitungen: Man findet alte Zeitungen, aber wir wollten, dass sie über fiktive Nachrichten berichten,
also haben wir mit Photoshop gearbeitet und sie auf alten Druckmaschinen ausgedruckt. Es hat eine Menge Spaß gemacht.

Im Buch benutzen Sie den Trick, sich selbst als Erzähler einzubringen, dem Kemal seine Geschichte erzählt. Erzählt das Museum Kemals oder auch Ihre Geschichte?

Ich trete in einigen meiner Romane selbst auf, das ist ein alter Erzähltrick, nichts Besonderes,
vergleichbar Hitchcocks Kurzauftritten in seinen Filmen. Er hilft mir, die Enden einer Erzählung auf den letzten zehn oder 15 Seiten des Buchs zu verknüpfen. Manchmal ist der Romanheld schon 20 Jahre tot, so etwas gefällt mir. Deshalb tritt der Erzähler selbst auf, und ich respektiere Brechts Idee, dass wir dem Leser zeigen, dass alles Fiktion ist. Der Erzähler spricht zum Leser. Aber Sie haben recht: Hier im Museum ist meine Rolle eine andere. In der Sammlung gibt es Dinge, die mit mir zu tun haben, Dinge aus der Familiengeschichte. Ich schmuggele Privates in die Geschichte von Kemal,
mit dem ich ja einiges gemein habe: unsere gesellschaftliche Klasse, unser Wohnviertel, unseren Alltag. Wir teilen eine gemeinsame Istanbuler Kultur. So werden einige meiner privaten Objekte zu Kemals Objekten.

Eine letzte Frage zum Begriff der Zeit. Ein Zitat von Aristoteles über die Zeit begrüßt den Museumsbesucher. Wie macht man Zeit sichtbar in einem Museum?

Natürlich bewahren nicht nur Museen, sondern auch Romane die Zeit. Was meine ich mit bewahren? Ich meine unser aller Erfahrung des Zusammenlebens, des Teilens mit anderen. In einem Museum werden die Einzelheiten unseres Lebens wie eingefroren. Wenn man sie ausstellt, erleben wir die vergängliche Illusion, dass wir die Zeit angehalten haben. Wir haben die tief in uns verankerte Angst überwunden, dass unser Leben, unsere Kultur, dass all das verschwindet und in Vergessenheit gerät. Das ist die ewige menschliche Angst um seine Existenz, der Ursprung aller Religion. Wenn wir einen
Roman lesen, der in unserer Straße, unserem Viertel mit seinen vertrauten Plätzen spielt, wenn es ein guter Roman ist, den auch künftige Generationen lesen werden, dann gefällt uns das. Wenn ein Museum eben nicht für historische Triumphe und große Könige gebaut ist, sondern für Individuen
und ihren bescheidenen Alltag, dann tröstet uns das ebenfalls: weil wir spüren, dass die Zeit uns nicht überrollt, unsere menschliche Existenz nicht nur einen Augenblick währt, dass sie gefeiert und auf einen Sockel gehoben wird. Das "Museum der Unschuld" versucht, Objekte in Raum zu verwandeln und damit Zeit in Raum. Zumindest ist das die Absicht.

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