Renoir - Kino

Natur, Nacktheit und Licht

Schönheit und Melancholie kennzeichnen Gilles Bourdos Film "Renoir", der am Donnerstag in den Kinos angelaufen ist. Eine Geschichte über eine Muse und ihren Maler.
Aus der Kunstgeschichte auf die Leinwand:Maler und Muse – "Renoir" jetzt im Kino

An seinem alten und kranken Körper sind nur noch die Augen frei und lebendig: Auguste Renoir (Michel Bouquet) an der Staffelei mit konzentriertem Blick auf sein Modell

Lichtreflexe im roten Haar, warme Sonnenstrahlen auf der hellen rosigen Haut und der klare Blick aus den grünen Augen, Impressionen aufnehmend, frei und ohne Vorurteil.

So begegnet man Andrée (Christa Theret) zu Beginn des Films "Renoir" auf ihrem Fahrrad, in langem gelben, bauschigen Kleid und passendem Blazer, wie sie die Serpentinen im Süden Frankreichs hinunterfährt. Sie begegnet Menschen, einfachen Leuten, zu denen sie sich nicht zählt. Sie, Andrée Heuschling, genannt Dédée, bezeichnet sich als Künstlerin – Tänzerin, Schauspielerin, Sängerin – und ist auf dem Weg zu Renoir, dem berühmten Maler, für den sie Modell stehen will. Die Sonne scheint hell an der Côte d´Azur, man meint das Meer beinahe zu riechen und den Fahrtwind in Dédées langem vollen Haar zu spüren, bis sie schließlich am Tor zu Renoirs Anwesen angelangt ist. Ein großes, altes, knarrendes Tor, hinter dem die Natur wild sein darf: hohe Gräser, deren Ähren vom Licht durchschienen sind und deren seidige Fasern man an den Händen zu spüren scheint, Jahrhunderte alte, knorrige Olivenbäume, die ihre Äste als Ort für Träume bereit halten, und ein flacher Fluss, der zwischen den hohen Bäumen Kühlung in der flirrenden Sommerhitze verspricht.

Hierhin, hinter das Tor, zieht es Dédée, doch verrät sie nicht, dass Matisse – eben jener Künstlerfreund Renoirs – sie schickt. Lieber sagt sie, sie sei von Renoirs Frau geschickt worden, von deren Tod sie nicht weiß. Eine passende Empfehlung einer Toten, findet Auguste Renoir (Michel Bouquet), der Dédées Potential sofort erkennt. Er schert sich nicht um Stände und Konventionen, seine Hausmädchen werden als Teil der Familie angesehen, und er ist der Meinung: "Ob Hure oder Königin, jede Frau verdient den gleichen Respekt." Dass Krieg herrscht, versucht man auf dem Anwesen zu vergessen, doch spürbar ist er immerfort. Es sind die letzten Jahre Renoirs von 1915 an, und zwei seiner drei Söhne waren oder sind bereits im Ersten Weltkrieg. Da draußen vor dem Tor ist Schatten und Tod, unzählige junge Soldaten in Massengräbern und andere – für die sich die meisterhaften Maskenbildner des Films verantwortlich zeichnen –, mit entstellten Gesichtern und vernarbten Körpern auf der Heimkehr. Doch hier drin, da ist das Bewusstsein von Leben und von Licht. Licht, das auf Dedes nackten Körper fällt, Licht, das Renoir in seinen Bildern auffängt. Es sei nicht sein Krieg, sagt Renoir, und wo es doch schon so viel Leid gebe auf der Welt, wolle er ihr doch wenigstens Leichtigkeit und Heiterkeit schenken. Auch wenn der Pinsel dafür an seine von rheumatoider Arthritis schmerzenden und zu Klauen gewordenen Händen festgebunden werden muss, er will das Lebendige in aller Leichtigkeit malen, obgleich an seinem Körper nur noch seine glänzenden, kleinen runden Augen lebendig erscheinen.

Der Film "Renoir" von Gilles Bourdos leistet sich keine Schwäche. Die Hauptrollen von Michel Bouquet als Auguste Renoir und Christa Theret als Dédée über Vincent Rottiers als dessen Sohn Jean, der sich in Dédée verliebt, bis hin zu dem kleinen Thomas Doret als Renoirs Sohn Coco, der sich allein überlassen ist, sind treffend besetzt. Doch auch die Nebenrollen und sogar die Statisten glänzen und weisen Tiefe und Charakter auf. Die 21-jährige Christa Theret, die den meisten noch als Sophie Marceaus Teenie-Tochter Lola in "LOL" ein Begriff sein dürfte, entfacht als Dédée nicht nur einen Zauber bei Renoir, der vor seinem Sohn ihre "runden, vollen Titten" preist, sondern fesselt auch den Zuschauer. Man muss ihre Rolle nicht mögen, denn genau wie jede andere Rolle im Film, ist sie menschlich, das heißt, sie weist positive und negative Charakterzüge auf. Doch gerade, dass Dédées Charme in ihrer Natürlichkeit und ihrem Selbstbewusstsein begründet liegt und sie tatsächlich in ihrem Auftreten und ihren Gebärden nicht als Dame daherkommt, macht sie reizvoll. Man lernt Menschen, die uns in Lexika der Kunst- und Filmgeschichte groß und unwirklich erscheinen, als echte Menschen kennen und erlebt mit ihnen Zweifel, Trauer, Schönheit, Freude und Melancholie.

Renoir

Kinostart Deutschland: 7. Februar,
Genre: Drama,
Nationalität: Frankreich,
Regie: Gilles Bourdos,
Schauspieler: Michel Bouquet, Christa Theret, Vincent Rottiers, Anne-Lise Heimburger, Thomas Doret, Solène Rigot u.a.
http://www.renoir-derfilm.de/