Okwui Enwezor - Berlin

Verbales Trockenfutter

Die Eröffnung des Festivals "Meeting Points 6" für zeitgenössische arabische Kunst erlebte einen hohen Besucheransturm. Kurator Okwui Enwezor thematisierte in seiner Rede den "Arabischen Frühling" und machte auf die Fähigkeit kultureller Veranstaltungen aufmerksam, politische Gewalt zu vermeiden. Informationen über seine eigenen Planungen als Direktor des Münchner Haus der Kunst sickerten nur spärlich durch: Eine kommende Ausstellung wird sich voraussichtlich um die deutsche Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg drehen.

Das Auditorium im Haus der Kulturen der Welt in Berlin platzte aus allen Nähten. Es ist immerhin der erste Auftritt Okwui Enwezors in Deutschland vor großem Publikum, seit der Ex-Documenta-Leiter zum neuen Direktor im Münchner Haus der Kunst berufen wurde. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung. Als Kurator verantwortete Enwezor das Kunstfestival "Meeting Points 6", das letztes Wochenende im Haus der Kulturen stattfand.

Die zusammen mit Tarek El Fetouh konzipierte Veranstaltungsreihe aus Performances, Lesungen, Filmen und Gesprächen zur zeitgenössischen Kunst aus der arabischen Welt, hatte bereits in Beirut und Brüssel Station gemacht. Kunsthistoriker Horst Bredekamp führte den analytischen Politikwissenschafter und früh transnational agierenden Kurator Okwui Enwezor ein: "Er hat es geschafft, eine weltweite Kunstgemeinschaft aus den Fängen einer Theoriedebatte zu befreien." Eigentlich umfasse seine Ehrfurcht gebietende Biografie aber zwei Personen, befand Bredekamp. An diesem Abend jedenfalls bekamen die Besucher nur die eine Seite des 1963 in Calabar (Nigeria) geborenen Enwezor zu Gesicht: die des sehr abstrakt formulierenden "Homme des lettres". Enwezors Lecture über "Civitas, Citizenship, Civility: Kunst und zivilgesellschaftliche Imagination" kreiste um den "Arabischen Frühling" und dessen kulturelle Bedingungen sowie Auswirkungen.

Enwezor war Beobachter statt Zuschauer

Der "Arab Spring", eine Serie von Aufständen und Revolutionen in mehreren arabischen Ländern, die von Tunesien ausgegangen war, hat bekanntlich den Kollaps verschiedener Regime in Nordafrika herbeigeführt. Zur Erinnerung: Im Dezember 2010 hatte sich der 26-jährige Obsthändler Mohamed Bouazizi in der tunesischen Stadt Sidi Bouzid aus Protest gegen Polizeischikanen angezündet. Enwezor sagt, er habe die gewaltlose Revolution seinerzeit gebannt im Fernsehen von einem Hotel aus verfolgt und sich angesichts der massenmedialen Bilder nicht wie ein indifferenter Zuschauer ("spectator") sondern ein Beobachter ("observer") gefühlt. Dieser sei im Unterschied zum Voyeur zu einem diagnostischen Blick fähig.

Eine vornehm distanzierte Haltung, die Enwezor auch für kulturelle Praktiken einfordert. Zu fragen sei, inwieweit die gesellschaftskritisch zur zeitgenössischen Kunst transnational organisierten Workshops und Netzwerke, antizipatorisch Modelle für den Umbruch dargestellt haben könnten. "Als Arena jenseits des Kunstmarkts werden hier immer wieder bürgerliche Gestaltungsräume zwischen Gender, Religion, Gesellschaftsklassen erörtert." Und weiter: Das Festival "Meeting Points 6" sei nicht zuletzt ein "Marktplatz für Ideen, eine Agora der Reflektion über Bürgerrechte". Hier ließe sich lernen, wie gewaltsamer Aktivismus vermieden werden kann, glaubt Enwezor. Elegant, im Sinne der von ihm im Rahmen der Lecture beschworenen "Civility" (innere Höflichkeit), umschiffte Enwezor heikle Klippen, so auch die Nachfrage nach den politisch korrupten Verhältnissen in seiner Heimat Nigeria.

"Lecture Performances" standen im Vordergrund

An dem Einstiegsabend zu "Meeting Points 6" hatte jedenfalls das Wort unbedingten Vorrang vor dem Bild. So folgten der Rede von Enwezor eine fesselnde Lesung von David Hares essayistischer Fiktion "Wall" und eine "Lecture Performance" der Beiruter Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige. Für das Festival "Meeting Points 6" mag eine derart puristische Rhetorik angehen, wobei sich zu späterer Stunde das vorher gut besuchte Haus der Kulturen der Welt doch empfindlich leerte. Und so dürften auch all jene enttäuscht von dannen gezogen sein, die gerne mehr über Enwezors künftiges Ausstellungsprogramm in München erfahren hätten.

Prognostische Aussagen lehnt Enwezor ohnehin ab, insbesondere im Bereich der Geschichtsbetrachtung; obgleich er eine eher zukunftsfrohe Position zu dem weiteren emanzipatorischen Entwicklungspotential der Zivilgesellschaften einnimmt. Kein Mensch habe zum Beispiel 1989 auch nur annähernd die revolutionäre Kraft des "Arab Spring" voraussehen können. Horst Bredekamp war es wiederum, der schließlich entscheidende Worte zu Enwezors Positionierung in München vorbrachte: Enwezor werde im Haus der Kunst bestimmt nicht einmal mehr "verbissen" die Nazigeschichte aufarbeiten. So beleuchte seine anstehende Ausstellung mit historischem Archivmaterial dezidiert auch die Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als das amerikanische Militärkommando im Haus der Kunst residierte.

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