Akademie Salzburg - Schule des Sehens

Kunst am Berg

Valie Export, Katharina Fritsch, Nan Goldin, Itsuko Hasegawa, Ai Weiwei: Sie alle haben schon in Salzburg unterrichtet. 27 Jahre lang arrangierte Direktorin Barbara Wally das Programm der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, in diesem Jahr operiert sie nur noch im Hintergrund. Ihre Nachfolge übernimmt am 1. März Hildegund Amanshauser. art-Autorin Astrid Mayerle hat sich im vergangenen Sommer in der vor über 50 Jahren von Oskar Kokoschka gegründeten "Schule des Sehens" umgesehen. Weitere Hinweise zu rund 60 Kunstkursen in Deutschland und 30 weitere Angebote in Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und England finden Sie auch in der aktuellen art-Ausgabe – in unserem großen "Kunstreise"-Spezial.
Kunst am Berg:Internationale Akademie für Bildende Kunst in Salzburg

Schüler der Sommerakademie in Salzburg

Eine dünne, weiße Schicht liegt auf den Kunststoffgläsern der Gummimaske, die Augen sind kaum mehr zu sehen. Ein Ventilator bläst permanent den frischen Staub weg, der beim Behauen des Marmorsteinblocks entsteht. Hermann Rituper arbeitet mit 15 anderen Kursteilnehmern im Steinbruch Kiefer. Mannshohe Marmorblöcke, unmittelbar vom Berg mit einem Diamantseil abgetragen, stapeln sich vor ihm.

Normalerweise werden diese Blöcke zu Boden- oder Treppenbelägen weiterverarbeitet. Doch während der Sommerakademie Salzburg entstehen daraus Skulpturen – figürliche Plastiken genauso wie abstrakte Gebilde. Hermann Rituper hat sich einen gelblichen Stein ausgesucht: Die Körperkonturen der sitzenden Frau, die der Initiator einer Kunst- und Festagentur aus dem Block meißelt, sind bereits schemenhaft zu erkennen.

Allerdings stellt sich bei der Arbeit heraus, dass der gelbe Marmor poröser ist als der weiße, wesentlich feiner. Johanna Priester, Volksschullehrerin, erzählt, warum sie hier ist: "Meine Kollegen sagen, spinnst du, früher sind Strafgefangene in den Steinbruch gegangen, was machst du da sechs Wochen lang? Dann sag´ ich, ich brauch´ das, da kann ich meine ganze derbe Kraft ausleben." Die meisten Teilnehmer des Bildhauerkurses wohnen und schlafen auch direkt im Steinbruch – in einem ehemaligen Arbeiterhaus.

Es gibt drei Spielstätten in Salzburg

Da sie vom Wetter abhängig sind und es in der vergangenen Woche heftig geregnet hat, klopfen, schleifen und feilen sie jetzt unter weißen Stoffzelten, wie man sie von Sommerparties kennt. Allerdings: Küchendienst statt Catering. Jeden Tag bereiten zwei Schüler das Mittagessen vor, um eins treffen sich alle, sitzen an dem vier Meter langen, leicht vermoosten Marmortisch und sprechen über Pizza und Polierwerkzeug.

Die Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg findet an drei Spielstätten statt: im Marmorbruch Kiefer in Fürstenbrunn, in der Alten Saline Hallein und auf der Festung Hohensalzburg, mitten in der Stadt. Während auf der Festung vor allem die Malerei- und Zeichenklassen untergebracht sind, wird in der Alten Saline gefilmt und fotografiert. Angelika Donherr hat sich für die Fotoklasse von Nancy Davenport entschieden und ist in der Altstadt unterwegs. In der Hand ihre Digitalkamera, in der Tasche eine Biografie des Schriftstellers Thomas Bernhard, der in Salzburg aufgewachsen ist und studiert hat: "Bernhard ist ja sehr kritisch mit dieser Stadt umgegangen. Er beschreibt in seinem Buch auch ihre Enge, die Präsenz der Kirche und die Autoritätshörigkeit der Bewohner."

Die Bilder wirken wie wuchtige Metallpfannen

In den schmalen Gassen hinter dem Dom findet die 40-Jährige ihr Motiv: Sie fotografiert die düsteren Schlagschatten auf den Häuserfassaden mit den alten Doppelfenstern. Am Ende ihres Kurses zeigt sie in der Alten Saline eine Serie mit Fotomontagen über jenes Salzburg, wie es Thomas Bernhard wohl in seiner Hassliebe gesehen hat. In den alten Werkhallen, wo in manchen Räumen noch meterhoch das aufgeschüttete Salz liegt, stellen auch die anderen Teilnehmer der Sommerakademie aus. Die glatten Oberflächen der Fotos und die grellen Farben der Videos wirken in den riesigen Hallen mit den alten Aufzügen und den wuchtigen Metallpfannen, auf denen früher das gewaschenen Salz getrocknet wurde, um so stärker und leuchtender.

Die amerikanische Bildhauerin Judy Fox unterrichtet in der Burg. Obwohl ihr Kurs erst vor zwei Tagen begonnen hat, sieht man schon viele weit fortgeschrittene Tonporträts in ihrer Klasse. Alle arbeiten nach Modell. In der Mitte des Raums sitzt ein muskulöser dunkelhaariger Mann aufrecht auf einem blauen Stuhl. Mara Stamenkovic ist die einzige im Kurs, die sich gleich an eine Ganzkörperfigur gewagt hat. Allein Maras lange Fingernägel, unter denen sich kräftige Tonränder abzeichnen, verraten, dass sie wohl keine professionelle Bildhauerin ist. Mit schnellen Bewegungen führt die Psychiaterin aus Wien das Messer mit der Doppelklinge über die weiche Oberfläche. Mara ist bereits zum dritten Mal im Kurs von Judy Fox. Ihr Werkzeug bringt sie immer selbst mit: "Die Judy hat auch einiges dabei, vor allem Werkzeuge, die man nur in Amerika bekommt – wie diese Doppelklinge. Damit kann man sehr exakt arbeiten, etwa wenn man wie ich gerade die Muskeln modelliert."

Jeden Tag muss eine Zeichnung entstehen

Das rumänische Künstlerpaar Dan und Lia Perjovschi hat seine Klassenräume ganz oben in der Festung, im siebten Stock. Zu Beginn des Kurses diskutiert Dan, der für seine politischen Graffitis bekannt wurde, mit den Studenten ihre Ideen: "Wir haben auch Gemeinschaftsprojekte. Ich frage jeden im Kurs, welches internationale Thema er für relevant hält – das kann aus dem Internet kommen, vom Fernsehen, aus Zeitungen, woher auch immer." Er zeigt auf eine Wand, die voll gepinnt ist mit Zeitungsartikeln. Gegenüber hängen erste Skizzen, Zeichnungen und Collagen. Dan Perjovschi fordert einiges von seinen Studenten: Jeden Tag muss eine Zeichnung entstehen, die dann an die Wand kommt. Ausflüchte gibt es nicht: "Wenn ein Tag langweilig ist und die Arbeit schwer fällt, dann muss man sich eben genau damit auseinandersetzen. Ein Student meinte, ihm würde zu dem Thema nichts einfallen, darauf sagte ich ihm, macht nichts, dann überlege dir, warum dir dazu nichts einfällt." Am Ende des Kurses soll es eine Zeitschrift mit Arbeiten von allen Kursteilnehmern geben – als Anleitung zum Selbstmarketing. Einige Schüler favorisieren die Idee und wollen zuhause selbst einen kleinen Katalog konzipieren.

Perjovschis Klasse besteht aus Kunststudenten und Freiberuflern, die sich wie Sabine Effinger aus München ein zweites Standbein aufbauen wollen. Auf ihrem Tisch liegen Spielzeugfiguren und –waffen, an der Wand hängt ein ausgeschnittenes Zeitungsfoto: "In Israel wurde das Purimfest gefeiert, ein kleiner Junge verkleidete sich als Hase und hantierte mit einer Spielzeugpistole vor den Soldaten, die das Fest bewachten. In diesem Bild sehe ich sehr viele Ebenen, die auch für meine Arbeit wichtig sind", erzählt Sabine Effinger. Sie ist überzeugt, dass sie von dem Kurs profitiert hat. "Ich habe die Arbeiten von Dan auf der Biennale in Venedig gesehen. Als ich seinen Namen im Programm der Sommerakademie las, wusste ich, da muss ich hin."

"Sommerakademie Salzburg"

Termin: 20. Juli bis 29. August. Weitere Hinweise und Zulassungsbedingungen finden Sie in der Februar-Ausgabe von art, in der rund 60 Veranstaltungsorte für Kunstkurse in Deutschland vorgestellt werden und weitere 30 Angebote in Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und England. Dazu eine Reportage über eine Studiosus-Reise zu den Bauten von Palladio in Oberitalien und "Wege zur Kunst" – eine Auswahl von Studienreisen 2009.
http://www.summeracademy.at