Public Intimacy - Berlin

Eine Art von 2012-Retrospektive

Alles dreht sich um Carolyn Christov-Bakargiev: wie eine Diskussion über die Folgen von Facebook und die Neupositionierung der Privatheit zum Rückblick auf das Jahr 2012 und die Kuratorin der documenta13 geriet. art-Korrespondent Kito Nedo berichtet aus Berlin.
Facebook und die Folgen:Podiumsdiskussion mit Carolyn Christov-Bakargiev

Die Teilnehmer des DC4 Panels (v.l.n.r.): Susanne Klonk (Moderatorin); Susanne Pfeffer (Kuratorin der Ausstellung One On One in den Kunst-Werken); Carolyn Christov-Bakargiev (Kuratorin,Autorin und künstlerische Direktorin der dOCUMENTA (13); Jeremy Shaw (Künstler)

In der Hauptstadt gehören die Kunst-Werke an der Auguststraße zweifellos zu den bestbesuchten Ausstellungshäusern für zeitgenössische Kunst.

Aber es dürfte in der Geschichte der Anfang der neunziger Jahre gegründeten Institution bislang sehr selten vorgekommen sein, dass das Haus an ganz normalen Wochentagen an die Grenzen seiner Kapazitäten gelangt. Im Moment passiert dies jedoch täglich. Da regiert der Einlass-Stop und es gibt reihenweise lange Gesichter an der Kasse. Was ist da los? Verabschiedet sich Susanne Pfeffer zum Ende ihrer sechsjährigen KW-Kuratorenzeit mit einem Blockbuster?

Tatsächlich liegt es im kuratorischen Konzept der gegenwärtigen Schau "One on One" begründet, dass das Haus quasi ständig wegen Überfüllung geschlossen ist: Weil Pfeffer auf die "konzentrierte und intime Rezeption von Kunst" setzt, können nur 17 Besucher die ausgestellten 17 Werke – darunter Kunst von Joe Coleman, Trisha Donnelly, Hans-Peter Feldmann, Robert Kusmirowski, Alicja Kwade, Renata Lucas, Yoko Ono, Blinky Palermo, Anri Sala und Tobias Zielony – gleichzeitig betrachten. Am vergangenen Dienstagnachmittag genügten also zwei neunköpfige Besuchergruppen, um weiteren Kunstinteressierten für Stunden das Betreten der Ausstellung zu verwehren. Ob solche künstliche Verknappung und die Überhöhung des Exklusiv-Erlebnis' in der Praxis so eine brillante Ausstellungsidee ist, darüber gehen die Meinungen in der Stadt derzeit auseinander.

Merkwürdigerweise wurden solche Fragen in der thematischen, die Schau diskursiv flankierenden Talkrunde zum Thema am Dienstagabend in den KW nicht einmal gestreift. Vor dem zahlreich erschienen Publikum sollte in den Räumen im Vorderhaus der ehemaligen Margarinefabrik stattdessen über "Public Intimacy" diskutiert werden. Charlotte Klonk, der Berliner Professorin für Kunst und neue Medien, moderierte, neben Pfeffer waren die d13-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev sowie der in der Ausstellung vertretene kanadische Künstler Jeremy Shaw gekommen, um über, so war es in der Ankündigung formuliert, "gesellschaftliche Entwicklungstendenzen im Hinblick auf den Verlust sowie die Neupositionierung von Privatheit" zu sprechen.

Tatsächlich ging es dann auch in der ersten gefühlten Viertelstunde des Abends um die Frage, warum Konzepte des "Privaten" heute weit stärker umstritten sind als die des "Öffentlichen", warum es heute eventuell wichtiger ist, die letzten drei Bücher von Richard Sennett zu lesen als den Klassiker von Jürgen Habermas und ob die Lust an der medialen Entblößung durch die Medien in den neunziger Jahren selbst vorangetrieben und schließlich normativ wurde. Dann übernahm jedoch Christov-Bakargiev für den Rest des Abends das Ruder und machte mit ihrer Rhetorik schnell klar, warum sie unter Medienarbeitern als schwer berechenbarer Interviewschreck gilt: "Ich sage immer das Gegenteil von dem, was ich gerade gesagt habe. So weiß niemand, was ich wirklich denke."

Wirklich schlimm war das nicht. Schnell drehte sich die Veranstaltung von einer Facebook-und-die-Folgen-Plauderstunde in eine Art 2012-Retrospektive. Christov-Bakargiev las gefühlige Künstler-Emails aus dem D13-Logbuch ("die beste aller documenta-Publikationen") vor und sorgte augenblicklich für einen Déjà-vu Moment: Es fühlte sich plötzlich an wie in jener Kasseler Eröffnungspressekonferenz, an der sie einst statt der üblichen Eröffnungsfloskeln den anwesenden Journalisten einen langen Brief vorlas. Die d13 ist längst Geschichte, und doch demonstrierte die Veranstaltung in Berlin noch einmal vor allem, warum sich 2012 eben alles um Christov-Bakargiev drehte. Auf dem Heimweg, draußen in der klaren Winterluft, grübelte man noch immer darüber, was da gerade passiert war, ob der Abend durch die Lust am Widerspruch gesprengt oder gerettet wurde? Wahrscheinlich beides zugleich: Wer außer Christov-Bakargiev bringt es schon mit solcher Selbstverständlichkeit fertig, die "Youtube-Facebook-Shit-Generation" zu bashen und gleichzeitig eingehende Nachrichten auf dem Blackberry checken?

Public Intimacy

Die Veranstaltung fand im Rahmen der "Dornbracht Conversations" statt
http://www.dornbracht.com/de-DE/Company/Shortcuts.aspx

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