Raubkunst in Museen - Umfrage

Keiner kann das ausschliessen

art hat in deutschen Museen nachgefragt: Sind Sie sicher, dass sich keine NS-Raubkunst in Ihren Sammlungen befindet?
Debatte:Sind unsere Museen frei von NS-Raubkunst?

Wie viel NS-Raubkunst es in deutschen Museen – hier ein Blick ins Magazin der Berlinischen Galerie – noch immer gibt, ist ungewiss

Da werden in der Münchner Wohnung des inzwischen 81-jährigen Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt mehr zufällig über 1000 Bilder entdeckt und beschlagnahmt. Fast zwei Jahre dringt davon kein Ton an die Öffentlichkeit. Dann platzt die Geheimhaltung, und die Empörung ist groß: Denn ein Teil der Werke steht unter dem Verdacht, in Nazi-Deutschland ihren zumeist jüdischen Besitzern weggenommen oder unter Druck zu Spottpreisen abgekauft worden zu sein. Selbst die Politik ist aufgeschreckt: Die Bundesregierung verspricht eifrig 1,1 Millio­nen Euro für Provenienzforschung, auch von einer Gesetzesnovelle zum Punkt Verjährungsfrist ist die Rede. Doch was passiert in unseren öffentlichen Museen zum heik­len Thema NS-Raubkunst? Lange Zeit wurde in dieser Sache erfolgreich verdrängt, es tat sich gar nichts. Erst seit der Washingtoner Erklärung von 1998, die eine moralische Verpflichtung zur Restitution formuliert, begannen Museen, wenn es die Personalstruktur ermöglichte, Nachforschungen zur Herkunft entsprechender Stücke anzustellen. Viele Häuser starte­ten erst nach 2008 mit Provenienzforschung. Damals hatte der Bund die Arbeitsstelle für Provenienzforschung eingerichtet, die Gelder für diese Arbeit vergab. Nur zögernd nahmen die meisten Museen diese Chance wahr. Doch wie sieht es heute aus? Über 60 Jahre nach Kriegsende hat art bei deutschen Museen angefragt: Sind Sie sicher, dass sich keine NS-Raubkunst in Ihren Sammlungen befindet?

"Suchen faire und gerechte Lösungen"

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin: Aufgrund der enormen Bestandszahlen in den Sammlungen der Einrichtungen der SPK können wir erst sicher sein, wenn die Sammlungen alle umfänglich geprüft sind. Daher betreiben wir seit vielen Jahren, verstärkt nach der Wiedervereinigung unserer Sammlungen, Herkunftsforschung. Die Klärung der Herkunft ihrer Bestände ist eine zentrale Aufgabe für jede öffentliche Sammlung. Auch in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz stellt Provenienzforschung ein wichtiges Arbeitsgebiet dar. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Identifizierung solcher Werke, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Eigentümern verfolgungsbedingt entzogen wurden. Es ist eine Querschnittsaufgabe, mit der alle wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu tun haben. Die Ergebnisse finden sowohl in Publikationen als auch in Eintragen in der Datenbank "Lost Art" ihren Niederschlag. Die Stiftung sucht für NS-Raubgut, das in ihre Sammlungen gelangte, faire und gerechte Lösungen gemäß den Washingtoner Prinzipien. Seit 1999 hat sie in zirka 30 Restitutionsfällen – nach intensiver Einzelfallprüfung – entschieden. Dabei kam es in den meisten Fällen zu einer Restitution der Werke.
Die SPK wird ihren Kurs fortsetzen und die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Einrichtungen weiter vorantreiben. Hinzuweisen ist auf die jüngste Publikation des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz "Zwischen Politik und Kunst. Die Staatlichen Museen zu Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus".

Pia Müller-Tamm, Leiterin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: Der Sammlungsbestand der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe umfasst an die 100 000 Werke. Überprüft werden müssen sämtliche Arbeiten, die nach 1933 erworben und vor 1945 entstanden sind. Bevor nicht jedes einzelne Werk kontrolliert sein wird, muss ich Ihre Frage mit "Nein" beantworten. Wir prüfen seit vielen Jahren die Provenienz unserer Bestände. Wenn wir dabei auf Objekte stoßen, bei denen der Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund besteht, beginnt in unserem Haus die wissenschaftliche Forschung. Sollte sie den berechtigten Anspruch eines Dritten bestätigen, werden die Objekte entweder restituiert oder durch Zahlung eines vereinbarten Betrages an die rechtmäßigen Erben erneut für das Museum erworben. Ungeklärte Fälle werden in www.lostart.de eingestellt und mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Stuttgart erörtert. So sind wir in der Vergangenheit vorgegangen, und so werden wir auch weiterhin vorgehen. Das Land hat bereits 1998 (also unmittelbar nach der Verabschiedung der „Washingtoner Erklärung“) an die in Baden-Württemberg befindlichen Kunstmuseen appelliert, in Eigenverantwortung die Inventare auf möglicherweise vorhandene NS-Raubkunst zu überprüfen. Die Prüfungen sind, soweit dies zeitlich im Rahmen der allgemeinen Aufgaben der Kustoden und Direktoren möglich war, durchgeführt worden, was zu einigen Rückgaben oder Rückkäufen führte. 2008 wurde dann in Berlin die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung gegründet, welche die für die Provenienzforschung bereitgestellten Bundesmittel verwaltet. Die Direktoren der vier baden-württembergischen Kunstmuseen, also auch mein Vorgänger an der Kunsthalle Karlsruhe, Klaus Schrenk, haben die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung von Anfang an genutzt und entsprechende Gelder beantragt. Seit Ende 2009 beschäftigt das Land drei Wissenschaftlerinnen im Bereich der Provenienzforschung – eine davon an der Kunsthalle Karlsruhe. Ihre Stellen werden, nachdem sie durch die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung in Berlin drei Jahre lang zur Hälfte mitgetragen wurden, seit 2013 vollständig aus Mitteln des Landes finanziert. Die über das Institut für Museumsforschung zur Verfügung gestellten Gelder haben somit den Impuls gesetzt, diese wichtige Arbeit in den vier Landesmuseen dauerhaft zu etablieren. Damit nimmt Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle ein. Die Provenienzforschung ist in unserem Haus seit Jahren ein wichtiges Thema und wird es auch in Zukunft bleiben.


Julian Heynen, künstlerischer Leiter für besondere Aufgaben, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Die Kunstsammlung hat in den vergangenem Jahren mit Hilfe zweier Spezialistinnen intensiv die Provenienz ihrer gesamten Bestände, soweit sie vom Entstehungsdatum her betroffen sein könnten, erfoscht. In wenigen Fällen gibt es möglicherwiese problematische Lücken in der Provenienz im Hinblick auf die speziellen Umstände der Veräußerung der Bilder. Die Kunstsammlung verfolgt in diesen Fällen konkret Spuren, die Aufklärung versprechen. Unabhängig von der öffentlichen Diskussion um den Fall Gurlitt gilt auch für die Kunstsammlung selbstverständlich weiterhin als Rahmen für Restitutionsfragen das "Washingtoner Abkommen" und die deutschen offiziellen Empfehlungen hierzu. Alle Restitutionsfragen sind nur im Bezug auf die sehr unterschiedlichen einzelnen Fälle zu klären. Die aktuelle Diskussion hat noch einmal gezeigt, wie notwendig Provenienzforschung ist, wie nachdrücklich sich nicht nur Museen um Fragen der Restitution bemühen müssen und welche weitergehenden gesetzlichen Regelungen womöglich vonnöten sind.

"Finanzielle Unterstützung dringend nötig"

Max Hollein, Leiter des Frankfurter Städel Museums: Angesichts der Tatsache, dass sich gerade auf diesem Gebiet immer wieder neue Sachstände ergeben, kann man das selten völlig ausschließen. Jedoch konnten wir durch unsere mittlerweile über elfjährige systematische Provenienzforschung mit mehr als 400 bearbeiteten Werken bereits einen bedeutenden Teil – und insbesondere die vermeidlich kritischen Werke – umfassend untersuchen. In insgesamt acht Fällen kam es zu einer Rückgabe beziehungsweise zum Wiederankauf. Neben dem Einrichten einer strukturellen Provenienzforschung, die hier im Städel bereits seit 2002 betrieben wird, war für uns von Anfang an ein offener und transparenter Umgang mit der Geschichte des Hauses zentral. Darum haben wir uns bereits 2008 entschlossen die Geschichte der eigenen Institution während des Nationalsozialismus wissenschaftlich durch ein unabhängiges Expertenteam aufarbeiten zu lassen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle "Entartete Kunst"(Universität Hamburg) unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner realisiert und dessen Ergebnisse 2011 mit der Publikation „Museum im Widerspruch“ in der Schriftenreihe der Forschungsstelle "Entartete Kunst" im Berliner Akademie-Verlag publiziert. Nicht nur der aktuelle Bilderfund aus München zeigt, dass die Provenienzforschung eine wichtige Rolle innerhalb der deutschen Museen spielt und dass für ein erfolgreiches Vorankommen dieser komplexen und langwierigen Untersuchungen vor allem im Zukunft eine noch verzahntere Zusammenarbeit der einzelnen Stellen sowie eine entsprechende finanzielle Unterstützung der Museen durch die öffentliche Hand erforderlich und dringend vonnöten ist.


Inge Herold, Stellvertretende Leiterin der Kunsthalle Mannheim: Die Kunsthalle Mannheim gehört zu den deutschen Kulturinstitutionen, die sich der Washingtoner Erklärung verpflichtet fühlen und die aktiv die eigenen Bestände nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Objekten prüfen. Mit Mitteln der bundesdeutschen Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP) wird die Sammlung der Kunsthalle bereits seit Ende 2011 (mit einer personell bedingten Unterbrechung) systematisch durch einen Wissenschaftler erforscht, um die Provenienz aller vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandenen Gemälde, Skulpturen und Graphiken zu klären.

Einen Mitarbeiter mehr für die Provenienzforschung

Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: Die BSTGS durchsuchen seit 2008 ihre Bestände, wobei noch immer zirka 1500 Werke zu überprüfen sind. Bisher konnten 200 Werke in das Portal Lost Art eingestellt werden. Für unser Referat Provenienzforschung haben wir im November 2013 einen weiteren Mitarbeiter eingestellt, so dass München nun eines der wenigen Museen ist, das für die Aufarbeitung seiner Bestände zwei Fachkräfte zur Verfügung hat.


Hubertus Gaßner, Leiter der Kunsthalle Hamburg: Kein Museum kann das ausschließen, wenn es Bestände von Kultur- und Kunstgütern in seinen Beständen hat, die bis 1945 entstanden sind und nach 1933 erworben wurden. Die Hamburger Kunsthalle war aber eines der ersten Museen in Deutschland, das eine Stelle für Provenienzforschung eingerichtet hat, und 2005 das erste Haus, das eine solche Stelle unbefristet hat. Wir werden weiter intensiv die Provenienzen unserer Bestände erforschen und darüber hinaus im Rahmen unserer Möglichkeiten alles dafür tun, um zusätzliche Fördermittel für diese wichtige Aufgabe zu generieren.


Hans-Werner Schmidt, Museum der bildenden Künste, Leipzig: Die zwischen 1933 und 1945 erworbenen Gemälde und Plastiken sind bereits sämtlich überprüft und für jedes Werk sind Rechercheprotokolle angefertigt worden. Unter diesen Erwerbungen befinden sich keine Werke mehr, die unter dem Verdacht der NS-Raubkunst stehen. Zahlreiche Werke sind in den letzten Jahren bereits an die Erben jüdischer Vorbesitzer restituiert worden. Wir wollen die auf Lost Art eingestellten Werke aus der Gurlitt-Sammlung zumindest punktuell dahingehend prüfen, ob sie möglicherweise aus dem Leipziger Museum stammen. Das setzt allerdings gewisse zeitliche und personelle Ressourcen voraus. Die Möglichkeiten für eingehende Provenienzforschung sind unter anderem durch fehlende personelle Kapazitäten eingeschränkt.

Selbstkritik ist angebracht

Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Die neuesten Restitutions-Diskussionen stellen uns nicht vor eine neue Situation. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden streben seit langem danach, ein rechtssicheres Museum zu sein: Wir möchten Werke in unserem Besitz, bei denen wir feststellen, dass sie aus rechtlichen Gründen nicht unser Eigentum sein können, also zum Beispiel zwischen 1933 und 1945 jüdischen Eigentümern abgepresst oder geraubt wurden, identifizieren und soweit irgend möglich an die rechtmäßigen Eigentümer übergeben. Dafür sind sorgfältige und oft langwierige Abklärungen erforderlich, da wir verpflichtet sind, sie an die rechtmäßigen Eigentümer beziehungsweise ihre Rechtsnachfolger zu restituieren. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden betreiben Dank der außerordentlichen Unterstützung durch den Freistaat Sachsen seit 2008 Provenienzforschung in einer auch im internationalen Vergleich einzigartigen Systematik, Gründlichkeit und Konsequenz. Kein anderes Museum, kein anderer Museumsverbund hat es im selben Zeitraum mit einer ähnlichen Zahl von zusätzlichen Mitarbeitern und zusätzlichen Mitteln unternommen, die Herkunft sämtlicher Werke soweit irgend möglich abzuklären. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen.
Hintergrund: Die SKD sind ein Verbund von 14 Museen mit etwa 1,5 Millionen Objekten, die es sämtlich auf ihre Herkunft beziehungsweise ihren Weg in unsere Museen zu erforschen gilt. Die SKD waren seit Anfang der neunziger Jahre aktiv, und es gab auch Restitutionen. Der angesichts der immensen Aufgabe entscheidende Schritt erfolgte im Jahr 2008, als der Freistaat Sachsen für die SKD mit großem finanziellem Engagement das Provenienzrecherche-, Erfassungs- und Inventurprojekt "Daphne" ins Werk setzte, das den Aufbau einer elektronischen Datenbank wie auch die temporäre Beschäftigung von zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und weiteren Mitarbeitern speziell zum Zweck der Provenienzforschung ermöglicht. Unser wissenschaftliches Personal aller Fachdisziplinen wirkt dabei zusammen, Kunsthistoriker, Historiker, Restauratoren, Juristen. Im Übrigen betrifft diese Forschung auch andere historische Phasen bzw. Ereignisse, aus denen unrechtmäßiger Besitz in den SKD resultieren kann, zum Beispiel DDR-Unrecht.
Wir konnten in den vergangenen Jahren wiederholt als NS-Raubkunst identifizierte Kunstwerke restituieren. ln Fällen, in denen wir einen NS-verfolgungsbedingten Entzug für möglich halten, aber keine Opfer oder deren Nachfahren ermitteln können, stellen wir die entsprechenden Werke bei www.lostart.de wie auch auf der SKD-Website ein. Die Identifizierung und Restitution von NS-Raubkunst ist nicht eine aus der Washingtoner Erklärung von 1998 resultierende sondern seit Jahrzehnten bestehende Verpflichtung und Verantwortung der Museen, die sie, das muss selbstkritisch gesagt werden, lange nicht ernst genug genommen haben – die Verantwortung vor der Geschichte, das Unrecht des NS-Staates, das nicht wiedergutzumachen ist, zumindest aufzuklären und den Nachkommen der Opfer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Washingtoner Konferenz hat dies 1998 erneut bewusst gemacht. Seitdem wurden in der Provenienzrecherche, auch Dank des Engagement des Bundes, erhebliche Fortschritte gemacht.