Wolfgang Joop - Interview

Bilder ohne Touchscreen

In München zeigt die Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung "Meisterwerke nordischer Malerei". Neben Werken von Edvard Munch, Vilhelm Hammershøi und Helene Schjerfbeck ist auch "Der sterbende Verlobte" (1906) von Agnes Slott-Møller zu sehen. Leihgeber ist der Modeschöpfer Wolfgang Joop. Im Gespräch mit art-Autor Clemens Bomsdorf erklärt er seine Faszination für nordische Malerei und was die mit dem iPad zu tun hat.

art: Es ist bekannt, dass Sie sich für Kunst interessieren, doch als Erstes würde man dabei daran denken, dass Sie Egon Schiele sammeln oder sich für frühe Warhol-Zeichnungen begeistern, wie sie kürzlich im dänischen Louisiana Museum zu sehen waren.

Für die Ausstellung in der Hypo Kunsthalle aber haben Sie ein Gemälde von Anfang des vergangenen Jahrhunderts ausgeliehen, es stammt mit Agnes Slott-Møller, zudem von einer hierzulande recht unbekannten dänischen Malerin. Was verbindet Sie mit diesem Werk?

Wolfgang Joop: Eros und der Todesgott, das ist für alle Künstler ein wiederkehrendes Thema. Der Tod kann Liebenden und Künstlern die Vollendung vermasseln. Als wir damals jung waren, da wollten wir gehen bevor das Alter eintritt. Wie Janis Joplin und Jim Morrison hatten wir das "Alter" als Albtraum empfunden, sind auf und davon, bevor dieser "bürgerliche" Zustand kam. Auf dem Bild stirbt ein Jüngling, er nimmt Abschied von seiner Geliebten, im Hintergrund wartet schon das Todesschiff. Das Motiv gefällt mir sehr, es hat Jugendstilelemente und einen interessanten Bildaufbau. Für uns war der Übergang ins Totenreich damals nicht so schlimm wie der ins Erwachsensein.

Nun sind Sie älter geworden, hat Ihnen die Kunst dabei geholfen?

Es hat etwas mit der inneren Einstellung zu tun, die Beschäftigung mit Kunst hat immer geholfen, mich zu therapieren. Nietzsche sagte: "Wir haben die Kunst, um an der Wahrheit nicht zugrunde zu gehen".

Ihr Bild wird in der Ausstellung nordische Malerei gezeigt – was gefällt ihnen an dieser Kunst?

Der Schwede Carl Larsson hat mich immer sehr fasziniert, auch Paula Modersohn-Becker. Die nordische, einfache Form hat immer eine große Faszination auf mich ausgeübt. Natürlich spreche ich jetzt als Mode-Mann. Die herbe Art der Erzählweise, das nicht-amerikanisierte, das mag ich. Schauen Sie sich die Conceptual Art an, dahinter kann man sich viel schneller verstecken, sie erzählt nicht so viel.

In diesem Jahr wird der 150. Geburtstag von Edvard Munch groß gefeiert. Er dürfte der bekannteste der nordeuropäischen Maler sein. Was halten Sie von ihm?

Edvard Munchs Werk ist ein großes Zufallsprodukt, sein Gesamtwerk ist keineswegs so wichtig. Aber der hysterische Zusammenbruch, den er darstellt ist so fantastisch plakativ. Es gibt kaum ein Bild, das so oft kopiert wurde wie "Der Schrei". Aber sein Gesamtkunstwerk ist eher zweifelhaft. Strindberg ist das Düstere, das man aus dem Norden kennt, und das ist uns Deutschen sehr nahe, aber Munch ist mit "Der Schrei" frühe Pop-Art gelungen.

Sie haben ein Werk nach München ausgeliehen. Wie wichtig ist es ihnen, von Ihrer Sammlung umgeben zu sein?

Das Bild hängt glaube ich häufiger in Ausstellungen als bei mir zu Hause. Ich habe schon von einigen Werken tränenreich Abschied genommen und sie verkauft. Ich bin jemand, der sich auch mal wieder trennen können muss. Wenn man immer mit derselben Kunst lebt, kann man nichts Neues schaffen und wird unaufmerksam wie mit alter Liebe. Kürzlich habe ich seit 30 Jahren das erste Mal wieder gemalt, da spürte ich eigene Grenzen geradezu schmerzhaft.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie das Bild von Agnes Slott-Møller gekauft haben?

Aber natürlich, ganz genau. Es war bei Christie’s in der Auktion "Nordische Malerei", und ich hätte gerne noch mehr von diesen weiten, kühlen Landschaften gekauft. Ich bin mit dem Märchenerzählen aufgewachsen, heute streichen die Kindern ja lieber über ihr iPad. Diese Ruhe in den nordischen Bildern gefällt mir, sie hat mit überlieferten Geschichten, Märchen, zu tun. Heute hingegen gibt es so viel Information, dass man orientierungslos wird. Schauen Sie sich das Motiv einmal an, diese Ruhe und Würde des Bildes, man sieht schon den Jugendstil als Morgenröte schimmern.

"Aus Dämmerung und Licht – Meisterwerke nordischer Malerei 1860 – 1920"

Termin: bis 6. Oktober 2013
http://www.hypo-kunsthalle.de/newweb/nordik.html

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