Was braucht die Kunst? - Berlin

Berliner Wunschzettel

Eine Podiumsdiskussion im Berliner Theater Hebbel am Ufer offenbart die tiefen Gräben zwischen Kulturpolitik und den Kunstakteuren der Hauptstadt. Klaus Wowereits Projekt einer "Leistungsschau junger Kunst in Berlin" begegnen die Diskussionsteilnehmer mit einer langen Wunschliste an das Rote Rathaus.
Berliner Wunschzettel:Podiumsdiskussion zur Berliner Kunstpolitik

Links: Ellen Blumenstein (Kuratorin), Florian Wüst (bild. Künstler und Mitinitiator von "Haben und Brauchen"); mittig: Torsten Wöhlert (Sprecher der Senatskulturverwaltung), die Moderatoren Claudia Wahjudi und Michael Sontheimer; rechts: Gabriele Horn (Direktorin der Kunst-Werke) und Angela Rosenberg, die kuratorische Managerin der Temporären Kunsthalle

Berlin ist eine Kunststadt. Nicht nur zu glamourösen Terminen wie dem Ende April stattfindenden Gallery Weekend oder der traditionell im Herbst eröffnenden Kunstmesse Art Forum, wenn die Galerien zu Dutzenden Vernissage feiern, die Sammler und Kuratoren in die Stadt strömen und die Korken knallen. Doch welches Handeln braucht es, damit Berlin auch in Zukunft eine Stadt der Künstler bleibt? Darüber diskutieren derzeit unterschiedliche Teile der hauptstädtischen
Szene heftiger denn je.

Der Auslöser und Katalysator für die Debatte kam dieses Mal von außen: es ist ein ominöses, im letzten Oktober bekanntgegebenes, mit dem vergleichsweise stattlichen Budget von rund 1,6 Millionen Euro ausgestattetes "Leistungsschau"-Ausstellungsprojekt, mit dem der Regierende Bürgermeister und amtierende Kultursenator Klaus Wowereit im kommenden Sommer und kurz vor der Wahl die Notwendigkeit der Einrichtung einer ständigen Kunsthalle in der Nähe des neuen Berliner Hauptbahnhofs beweisen will.

Doch das Prestige-Unternehmen ist wie vom Fluch verfolgt: Seit im Januar ein offener Brief im Internet veröffentlicht wurde und bislang rund 2500 Unterzeichner fand, steht Wowereit, der sich doch so gern als Versteher und Pate der kreativen Klasse inszeniert, als Betonkopf da, der den Draht zu jenen Kultur-Aktivisten verloren hat, die seit Jahren Berlin zu einem vitalen Kunststadt-Image verholfen haben, mit dem das Stadtmarketing auf den Tourismusbörsen so gern hausieren geht. Im Wahljahr 2011 ist das für die Hauptstadt-SPD keine gute Nachricht.

Auch der von Wowereit gewünschte Austragungsort in Nähe des Hauptbahnhofs, der das im Bau befindliche Europacity-Projekt den Immobilienentwicklern noch schmackhafter gemacht hätte, wurde inzwischen aus bautechnischen Gründen gegen den neuen Veranstaltungsplatz in einer Abriss-Immobilie an der Oranienburger
Straße in Mitte eingetauscht: somit waren auch die Ergebnisse eines nichtoffenen Architektur- und Ideenwettbewerbs, an dem knapp zwei Dutzend international renomierte Büros teilnahmen, darunter Atelier
le balto, Brandlhuber, Graft, J. Mayer H., Kuehn Malvezzi, Raumlabor Berlin, Sou Fujimoto Architects, StudioMK27, Tetsuo Kondo Architects, mit einem Schlag nicht mehr brauchbar.

Wie tief der Graben zwischen lokaler Kulturpolitik und Teilen der Hauptstadt-Szene inzwischen ist, zeigte eine gut besuchte Diskussionsveranstaltung am vergangenen Freitagabend im Theater Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin-Kreuzberg. Das Berliner Stadtmagazin "zitty" hatte unter dem Titel "Was braucht die Kunst?" eingeladen, um
den Stand der Dinge zu diskutieren – nicht nur, was die umstrittene, inzwischen zu "Based in Berlin" umgetaufte Wowereitsche "Leistungsschau" betrifft, die im Juni eröffnen wird.

Zu "Based in Berlin" gab es tatsächlich keine Neuigkeiten, auch deswegen, weil das fünfköpfige Kuratorenteam um Jakob Schillinger, zu dem Angelique Campens, Fredi Fischli, Magdalena Magiera und Scott C. Weaver zählen, aus dem wenig überzeugenden Grund der Trennung von Ausstellungsprojekt und Kulturpolitik dem von den Journalisten
Claudia Wahjudi und Michael Sontheimer moderierten Podium fernblieb. Die Jungkuratoren ließen ausrichten, dass die kulturpolitische Debatte nicht mit ihnen geführt werden müsse, sondern mit Vertretern der Kulturpolitik und zeigten so auch, dass sie den politischen Symbolcharakter und die Diskursfunktion, welche die Ausstellung
mittlerweile besitzt, offensichtlich unterschätzen.

Dafür war Torsten Wöhlert, der Sprecher der Senatskulturverwaltung, gekommen, um den anderen Panel-Teilnehmern und dem Publikum geduldig zu erklären, wie Kulturpolitik in der Hauptstadt funktioniert. Das war eine undankbare Aufgabe, lassen doch seine beiden Chefs, Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz, keine
Gelegenheit für kulturpolitische Patzer aus. Das bewusste Versäumnis der Politik, sich im Vorfeld der "Leistungsschau"-Verkündung mit maßgeblichen Akteuren darüber zu verständigen, ob es neben einer von ihnen selbst erträumten Kunst-Strandbar am Humboldthafen eventuell auch noch andere Wünsche gibt, wird als politischer Fehler empfunden. So erklärte etwa die ebenfalls auf dem Podium anwesende Direktorin der Kunstwerke in der Auguststraße, Gabriele Horn, die grundsätzlich Sympathien für das Projekt hegt, dass die Abwendung der Berliner Kulturpolitik von den bestehenden Institutionen, unter vielen, die seit Jahren unter schwierigen Bedingungen im Kunstbereich arbeiteten, als "leichter Zynismus", wenn nicht sogar als offener "Schlag ins Gesicht" interpretiert werde.

Wollen Wowereit und Schmitz sich also doch noch als umsichtige Kulturpolitiker profilieren, so tun sie wohl gut daran, den Wunschzettel zu studieren, den die Moderatorin Wahjudi aufgrund von Diskussionsbeiträgen während der HAU-Veranstaltung notierte, um sie Wöhlert mit auf den Weg ins Rote Rathaus zu geben. Es war eine lange
Liste: Neben der dringenden Bitte um mehr Transparenz, mehr Kommunikation und die Organisation von Runden Tischen sind dies auch der Erhalt von Räumen für experimentelles Arbeiten. Und die Erschließung und nachhaltige Nutzung von vorhandenen Kunst-Orten in der Stadt, flexible neue Plattformen, die der Pluralität und der
Diversität Berlins gerecht werden. Nicht zuletzt eine nachhaltige Kulturförderung, die über die laufende Legislaturperiode hinausdenkt und sich auch anderer Politikfelder wie Stadtentwicklung oder Finanzpolitik bewusst ist. Werden die Politiker diesen Wunschzettel ernst nehmen?

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