Based in Berlin – Ausstellung

Zum Ausschlachten freigegeben: Der Mythos von der Kreativstadt Berlin

Die am Dienstag eröffnete "Leistungsschau", wie der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit sie immer noch nennt, zeigt Arbeiten von über 80 jungen, in der Hauptstadt lebenden Künstlern und wehrt sich erfolgreich gegen die Plumpheit der Politik.
Leistung statt Kreativität:Based in Berlin

Seine Kunstauffassung sorgt immer noch für hitzige Diskussionen: Klaus Wowereit vor einer Arbeit des schweizerischen Künstlers David Hominal

Er kann es einfach nicht lassen: Spürbar stockte den Anwesenden der Atem, als Klaus Wowereit bei der Pressekonferenz zu "Based in Berlin" erneut das Wort "Leistungsschau" in den Mund nahm. Damit machte der Berliner Bürgermeister gleich mehrere Dinge deutlich.

Es war dieses Wort, dessen Gebrauch einen nicht unbeträchtlichen Teil der hauptstädtischen Kunstszene im letzten Herbst auf die Barrikaden brachte und die zunächst am Hauptbahnhof geplante Schau unversehens in ein heiß diskutiertes Politikum verwandelte. Anscheinend war "Leistungsschau" eben nicht die Idee eines nichtsahnenden Praktikanten, wie alle Wohlgesinnten immer gehofft hatten. Der Begriff "Leistungsschau" spiegelt offensichtlich tatsächlich die Kunstauffassung Wowereits wieder.

Der nochmalige Gebrauch war auch ein unnötiger Affront gegenüber den fünf jungen Kuratoren, die das verkorkste Lokal-Projekt, mit dem einst die Notwendigkeit einer Kunsthalle ergründet werden sollte, in kürzester Zeit zu einer ansehnlichen Ausstellung ummodelten und damit retteten. Bedenkt man, dass Berlin vor ein paar Tagen nach einem
unwürdigen Gezerre mit den großen Hauptstadt-Galerien mit dem Art Forum seine traditionielle Kunstmesse begraben hat, verwundert dies noch mehr. Auch das Postfuhramt, dessen neue Besitzer die Foto-Institution C/O lieber heute als morgen vor die Tür setzen würden, um ein Hotel zu bauen, liegt nur einen Steinwurf vom Monbijoupark, dem Hauptaustragungsort von "Based in Berlin" entfernt. Es sind Details wie diese, die gutes Personal aus der Stadt vertreiben.

Die Kunst wehrt sich auf subtile Art gegen die Plumpheit der Politik und zwickt die öffentliche Hand, die im Fall von "Based in Berlin" das stattliche Ausstellungsbudget von knapp anderthalb Millionen Euro zur Verfügung gestellt hatte. Das japanisch-amerikanische Künstlerduo Jay Chung und Q Takeki Maeda etwa installiert im Korridor des Atliergebäudes im Monbijoupark eine Galerie der ehemaligen politischen Herausforderer von Klaus Wowereit. Man erkennt Frank Steffel, den glücklosen Christdemokraten von 2001, oder Friedbert Pflüger, den Verlierer von 2006. Tatsächlich, es hätte noch schlimmer kommen können für diese Stadt. In den Kunstwerken an der Auguststraße, die neben der Berlinischen Galerie, dem Hamburger Bahnhof und dem Neuen Berliner Kunstverein zu den Satelliten gehören, ist der Bezug noch direkter: Dort schaut ein majestitisch dreinblickender Wowereit, fotografisch inszeniert von Clegg & Guttmann, in eine ansonsten leere Etage, die durch den Künstler-Künstler Projektraum "After the Butcher" einer wechselnden Bespielung unterzogen wird.

Andere Werke reflektieren den so schwer zu bestimmenden Leistungsbegriff in der Kunst. Hervorragend ist hier das Video des gebürtigen Vietnamesen Akim, das im Hamburger Bahnhof etwas versteckt präsentiert wird. Es handelt sich um einen Best-of-Zusammenschnitt aus der Graffitiszene, die zeigt, wie Sprayer mit großer Geschicklichkeit den öffentlichen Nahverkehr zum Gegenstand ihrer angewandten Kunst machen. Wieviel Sekunden brauche ich für das Umsprühen von einem Quadratmeter S-Bahn? Hier wird Leistung in der Kunst nicht nur anschaulich, sondern konkret messbar.

Arbeiten wie diese, an denen sich ein direkter Bezug auf die Stadt oder zur Politik festmachen lässt, sind jedoch selten in dieser Schau, die immerhin 80 junge und in Berlin lebende Künstler präsentiert. "Based in Berlin ist dezidiert keine thematische Ausstellung", erklärt Jakob Schillinger, einer der Co-Kuratoren. Die Verneinung einer weitergehenden kuratorisch-thematischen Klammer erweist sich als Fluch und Segen zugleich. Da "Based in Berlin" keine Parameter für den Erfolg oder das Scheitern der eigenen Idee mitliefert, entzieht sie sich der Kritik und überlässt es den Besuchern, sich die eigenen Schneisen der Erkenntnis durch die Ausstellung zu schlagen.

Auf die Verstrickung von Design, Politik und Wirtschaft verweist etwa die Aktion von Oliver Laric, der drei chinesische SUV auf das Dach des Atelierhauses im Monbijoupark hieven ließ. Sie ähneln deutschen Modellen so frappant, dass ihr Verkauf in Europa derzeit unterbunden wird. Ähnlich sind sich auch die Videos, die Matthias Fritsch im Internet sammelt. Es sind Nachahmungen eines Clips von einer Technoparade, die Fritsch 2000 auf der Rosenthaler Straße in
Mitte filmte und anschließend ins Netz stellte. Der martialisch gestikulierende "Technowikinger" entpuppte sich als Hit in der Netzgemeinde und entfaltete eine virale Anziehungskraft, von der die Industrie nur träumen kann. "We, Technoviking 2010" gehört auch sonst zu den aufschlussreichsten Werken, die bei "Based in Berlin" gezeigt werden. Der Mythos von der Kreativstadt Berlin, der sich auf die wilde Rave-Zeit oder die erste Berlin-Biennale 1998 gründet, und der auch dieser Ausstellung die Letztbegründung liefert, ist längst zur allgemeinen Ausschlachtung und Weiterverarbeitung freigegeben.

Based in Berlin

Termin: 8. Juni bis 24. Juli 2011

Hauptausstellungsort:
Atelierhaus Monbijoupark

Oranienburger Str. 77

10178 Berlin
http://www.basedinberlin.com/