Kunsthalle Karlsruhe - Umbaupläne

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Noch ist nichts entschieden, doch schon gibt es entschiedene Gegner der geplanten Umbauten der Kunsthalle Karlsruhe. Ein Überblick über Beschuldigungen, Mutmaßungen und Fakten.
"Bauliche Überlieferung":Geplanter Umbau der Kunsthalle Karlsruhe

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Fassade Hauptgebäude

Der Streit ist früh dran. Und schon so heftig. In Karlsruhe soll die Kunsthalle zeitgemäß umgebaut werden. Noch weiß kein Mensch, ob nur neue Brandschutztüren eingezogen werden oder ein ganzer Trakt der fast komplett denkmalgeschützten Vierflügelanlage der Sanierung zum Opfer fällt.

Man steht am Anfang. Für die Gegner jeder weitergehenden Lösung scheint der Abriss eines Ergänzungsbaus aus dem Jahr 1990 indes Faktum zu sein. Entsprechend schrill sind die Töne. Es geht um Eitelkeiten. Aber auch darum, wie sich Museumsarbeit und Baukultur arrangieren müssen. Im vergangenen Dezember erschien in der "Süddeutschen Zeitung" ein Artikel, in dem stand, die Direktorin der renommierten Karlsruher Kunsthalle sei größenwahnsinnig. Deshalb wolle sie "am liebsten" das 1846 eröffnete Museum vollständig abreißen, um es von Chipperfield durch eine "riesige Black Box" ersetzten zu lassen.
 
Pia Müller-Tamm, die seit vier Jahren amtierende Direktorin, sieht nicht manisch aus. Ihr Büro mit Blick auf die Baustelle des Bundesverfassungsgerichts ist eher nüchtern. Ihr Leumund in der Museumsszene tadellos. Sie sagt zu den Umbauplänen, sie wolle "behutsam" zusammenfügen, was man an Bestand vorfinde. Aber es sei schon so, dass die Kunsthalle bei jeder Ausstellung in Bewegung gerate. Ganze Abteilungen müssten schließen. Der Rest seien Improvisation und Umräumarbeiten. 172 Quadratmeter klein ist die Wechselausstellungsfläche nur. 
 
Im Obergeschoss lehnen noch Gemälde an der Wand, ausgelagert wegen der Corot-Ausstellung, die am 20. Januar endete. Überall tuckern Luftbefeuchter. Nur 19 Prozent der Galeriefläche sind  klimatisiert. Vergangenen Sommer wurde die Niederländerabteilung geschlossen – bei 35 Grad Raumtemperatur. Müller-Tamm sagt, eine Sanierung der Kunsthalle stehe sowieso an. Sie wünsche sich aber noch dazu mehr Platz. Einen Sammlungsrundgang über zwei Etagen. Dass das bauliche Denkmal Kunsthalle besser zur Geltung komme. Der 600 Quadratmeter große Innenhof solle eine Überdachung erhalten, wie schon 1891 vorgesehen. Am liebsten wäre ihr – statt Chipperfield – ein 2800 Quadratmeter großer Entlastungsbau in einem in staatlichem Besitz befindlichen Gebäude gegenüber der Kunsthalle. Und es sehe so aus, als würde das der Stadt Karlsruhe und dem Land Baden-Württemberg, den Geldgebern, alles einleuchten. Gesprochen habe sie, Müller-Tamm, mit der Schreiberin des Artikels in der "Süddeutschen Zeitung" im Übrigen nie. 
 
Auch Hans Kollhoff, der ihr vor kurzem ebenfalls in der "Süddeutschen Zeitung" unterstellte, sie leide an einem "Geheimtipp-Syndrom", das sie durch geschichtslose Stararchitektur lindern möchte, kenne sie nicht persönlich. Kollhoff, selbst ein sehr bekannter Architekt mit Hang zum Retrospektiven, war nicht in das nichtöffentliche Verfahren eingebunden, das das zuständige Amt Karlsruhe des Landesbetriebs Bau und Verwaltung angestoßen hatte. Trotzdem diskutiert der in Karlsruhe diplomierte Professor der ETH Zürich ziemlich harsch und detailliert die Ergebnisse eines europaweit ausgeschriebenen Auslobungsverfahrens. Es sind erste, unverbindliche Ideenskizzen von fünf in Museumsfragen versierten Büros, die zeigen sollen, was mit einer Bausumme von 25 Millionen Euro in Karlsruhe sinnvoll und möglich ist. Mitte Mai sollen sie der Öffentlichkeit präsentiert werden. Mit einem der Büros will man weiterarbeiten, kündigte der Amtsleiter von Bau und Verwaltung, Günter Bachmann, inzwischen an, dann mit genauen Vorgaben. Und der Geschäftsführer der Karlsruher Kunsthalle, Otmar Böhmer, gibt als Zeitplan an: bis Ende 2014 planen, 2015/16 Baubeschluss, 2016/17 Baubeginn.
 
Tatsächlich ist unter den Aspiranten auch "Chipperfield Architects", deren Umbau des Neuen Museums in Berlin als herausragend gilt. Dazu zählen außerdem "Hufnagel Architekten": Kuehn Malvezzi, HG Merz und Staab Architekten. Woher Kollege Kollhoff wohl ihre Entwurfsskizzen kennt? Gut möglich ist, dass sie Heinz Mohl weitergereicht hat. Der 82 Jahre alte Architekt ist offiziell eingeweiht. Er ist der einzige der vier Karlsruher Museumsarchitekten, der noch lebt. Der Hauptbau der Vierflügelanlage von Heinrich Hübsch wurde 1846 eröffnet. Josef Durm war der Architekt einer Erweiterung 45 Jahre später. Aus dem Jahr 1908 stammt der Nordflügel von Heinrich Ammersbach, von dem seit Anfang der achtziger Jahre an nur noch die Fassade steht. Sie ist wie die beiden anderen historischen Gebäude denkmalgeschützt. Heinz Mohls Erweiterungsbau aus dem Jahr 1990 ist das nicht. Das macht ihn angreifbar.

Bei ihm wären bei einem Umbau Urheberrechte betroffen, die bei einem Abriss erlöschen. Ganz zu schweigen davon, dass dieser für einen Architekten den schlimmsten anzunehmenden Fall bedeutet.
Heinz Mohl sagt, am Telefon wolle er über den Fall nicht sprechen. Er lege aber gerne alle Pläne vor und seine Meinung dar – in einem persönlichen Gespräch. Dafür feierte sein Kollege Kollhoff den Erbauer des Rathauses in Rottweil schon vorab in der Zeitung hymnisch als würdigen Nachfolger des Renaissance-Baumeisters Leon Battista Alberti. Mohls mit Pilastern und Gesimsen gegliederter Ergänzungsbau suche seit den siebziger Jahren seinesgleichen. Kollhoff fordert vorauseilend Denkmalschutz für Mohl. Museumsdirektorin Müller-Tamm hat andere Probleme damit. Sie sage nicht, man solle abreißen. Nur, dass die vielen Fenster, Säulen und ursprünglich vorgesehenen Kojen im Mohl-Trakt unpraktisch für Ausstellungen seien.
 
Ursprünglich als großer Ausstellungssaal vorgesehen, werden zwei Drittel des Baus inzwischen anderweitig genutzt. Und wer zu der gezeigten Ausstellung gelangen will, läuft durch einen schmalen Gang und über Eck. Nach Maßgabe von Hans Kollhoff ist das aus höherrangigen Gründen allerdings nicht weiter schlimm. Manchmal, schreibt Kollhoff, habe sich eben die Ideallinie bei einem Museumsrundgang der "baulichen Überlieferung zu beugen".