Unlike U - Berlin

Betreten verboten

Für die einen ist es Sachbeschädigung, für die anderen Kunst, für die Schöpfer eine Lebenseinstellung: das Trainwriting oder -bombing, das Beschriften von Zügen mit Graffiti. Jeder hat besprühte Waggons schon einmal gesehen oder ist selbst mitgefahren und hat sich vielleicht so manches Mal gefragt, wie diese Bilder eigentlich darauf gelangt sind. Dahinter verbergen sich höchst illegale und gefährliche Aktionen, denen meist Einbrüche vorangehen. Der Dokumentarfilm "Unlike U" von Henrik Regel und Björn Birg taucht tief in die Berliner Sprayer-Szene ein, die sich auf "Trains" spezialisiert hat.
Trainwriting:Unlike U Dokumentarfilm

Schmiererei oder Kunst? Für Trainwriter ist es eine Leidenschaft mit Suchtgefahr

Über sieben bis acht Jahre haben sich die beiden Macher Material über diesen Mikrokosmos der "Writer" erarbeitet, das meiste haben sie direkt aus der Szene zugespielt bekommen.

Es sind zu einem großen Teil Videoaufnahmen von Berliner Trainwriting-Aktionen auf taghellen Abstellgleisen und in düsteren U-Bahnschächten – und genau da liegt das Problem: Die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG hat die Produzenten Regel und Birg auf Unterlassung verklagt, der – durchaus kritische – Film soll weder in Kinos zu sehen sein noch generell verbreitet werden, da die Aufnahmen auf Grund und Boden des BVG gemacht worden seien. Sie beruft sich damit auf das so genannte "Sanssouci-Urteil" von 2010, bei dem der Bundesgerichtshof darüber entschied, dass Aufnahmen vom Eigentum der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zu kommerziellen Zwecken untersagt werden dürfen, so lange sie auf deren Grundstück gemacht wurden. Nun müssen die Aufnahmen in "Unlike U" zunächst vom BVG ausgewertet werden, um zu beweisen, dass sie Eigentümer der zu sehenden Grundstücke ist und die filmenden Personen ebenfalls darauf gestanden haben. Ende Januar geht die Verhandlung um die beiden Filmemacher in die nächste Runde, wie sie ausgeht, bleibt abzuwarten.

Ein großes Risiko

"Unlike U" ist jedoch keine stumpfe Wiedergabe von illegalen Aktionen – selbst die so genannte "Kanzler-U-Bahn" zum Bundestag bleibt nicht verschont – sondern dokumentiert die Geschichte der Writerszene in Berlin, die Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger ihren Umschlagplatz am S-Bahnhof Friedrichstraße hatte. Der Ursprung des Writings schwappte von der amerikanischen Hip-Hop-Szene nach Europa und fiel vor allem in Metropolen wie Berlin und Paris auf fruchtbaren Boden. Bis heute rotten sich Jugendliche zu kreativen Gruppen, so genannten "Crews" zusammen, um gemeinsam ihre Version von Street Art zu erschaffen. Der Film lässt mehrere Generationen der Berliner Graffitiszene zu Wort kommen, von denen die ältesten Mitglieder bereits die Vierziger erreicht haben.

Er fragt vor allem nach der Motivation der Sprayer, sich für ein Werk trotz Berufstätigkeit die Nächte um die Ohren zu schlagen, teilweise ihr Leben dabei zu riskieren und ständig unter Strom zu stehen. Je nach Alter besteht auch die Gefahr, sich mit einer Anzeige die Zukunft zu verbauen. "Man muss sich darüber im Klaren sein, was man riskiert, wenn man so etwas machen will" sagt "Glok" von der "HK"-Crew, der seit 1995 Züge "zerschönert". Wo der Antrieb in den achtziger Jahren noch mehr darin lag, aus Konventionen auszubrechen, ist es später der Nervenkitzel, etwas Verbotenes zu tun. Dass nicht jeder Züge bemalen kann, übt beispielsweise auf "Roy" der "TFZ"-Crew eine mythische Faszination aus. Er ist seit 2005 aktiv.

"Er geht raus und macht Kunst"

Die "Writer" stimmen darin überein, dass sie mit ihren Graffiti ihre Kreativität ohne weitere Grenzen ausleben können. Für sie ist es das Größte, wenn ein von ihnen bemalter Zug vorüber fährt. "Die Kunst kommt zu den Leuten und nicht umgekehrt, wie in einem Museum", erklärt der seit 1988 aktive "Poet" der "GFA"-Crew. Leider sind die Umstände ihrer Entstehung kriminell und gefährlich. Seit jeher liefern sich die Sprayer mit Polizei und Sicherheitsbehörden ein Katz- und Maus-Spiel. In der Hauptstadt ist daher die Einrichtung "Gemeinsame Ermittlungsgruppe Graffiti in Berlin" 1994 ins Leben gerufen worden. Im Film kommt der Leitende Kommissar Andras Grabinski zu Wort und erläutert die Vorgehensweisen seiner fast 20 Personen starken Einsatzgruppe. "Die sind halt allgegenwärtig, man kennt sich", heißt es aus der Szene. Mit geschultem Personal und neuen technischen Möglichkeiten haben die Ordnungshüter zwar eine wachsende Erfolgsquote, die Sprayer ihrerseits vernetzen sich besser und werden vorsichtiger. Auch haben sie heute bessere Farben zur Verfügung, Dosen für legale Graffiti-Kunst werden offiziell vermarktet.

Grabinski weist ebenfalls auf die Risiken hin: "Die Sprayer setzen sich Stromschienen aus, müssen über Zäune klettern, über Weichen hinwegsteigen, es besteht laufender Zugverkehr – da wird so viel riskiert, um möglichst viel Ruhm zu erlangen, um sich an besonderer Stelle zu verewigen, dass wir jedes Jahr Todesfälle zu beklagen haben." Auch ein Kollege von Grabinski kam bei Ermittlungsarbeiten bereits zu Tode. Für die Graffiti-Künstler ist Trainwriting eine Leidenschaft, die aber mit dem normalen Leben nicht zu vereinbaren ist, wie Philipp weiß. Er ist der Bruder des exzessiven Writers Stefan, alias "Ruzd", der sich 2002 das Leben nahm, indem er sich von einem Zug überrollen ließ. Wie bei vielen Mitgliedern der Szene üblich, bekam auch er regelmäßig Besuch von der Polizei. Auf die Frage, ob seine Mutter wisse, was ihr Sohn jede Nacht so treibe, sagte sie trocken: "Er geht raus und macht Kunst".

Unlike U

Wer sich ein eigenes Bild der Trainwriter machen möchte, kann sich den Film im Internet anschauen.
http://www.unlike-u.com