Fashion Week 2009 - Berlin

Konstruierter Strick

Während der nur fünf Tage währenden Berliner Fashion Week wird ordentlich bei den Klassikern der modernen Kunst abgekupfert und dekonstruiert, was das Strickzeug hält. Der Wochenend-Trip an die Spree lohnt sich trotzdem: An jeder Ecke lockt nämlich aufregende Fotografie.
Konstruierter Strick:die Berliner Fashion Week 2009

"Veruschka" von Vera Lehndorff und Holger Trülzsch – in der Berliner Galerie Lumas

In Berlin gehen nicht nur die Uhren anders – die Hauptstadt der Kreativen hat auch ihren eigenen Kalender, den verstehe, wer will: Dauert normalerweise ein gepflegtes Wochenende im technoid verstrahlten Easyjetset von Mittwochabend bis in den späten Sonntag, ist es zweimal im Jahr genau anders herum: Dann nämlich wird eine
ganze Woche im selben Zeitraum abgefeiert.

Macht ja auch Sinn: Als trend- und ausgehbewusster Metropolenmensch ernsthaft schöpferisch tätig sein und trotzdem am Montag oder Dienstag schon wieder ansprechbar – wie soll das gehen? Gut also, dass die von Mercedes Benz gesponserte "Fashion Week" erst anläuft, wenn alle wieder einigermaßen wach sind: die Designer, die Models, die DJs, die Schauspieler – und wer an der Spree noch so alles ganz vorn ist.

Denn: Einfach nur solide Textilien zu vermarkten genügt schon lange nicht mehr. Wer in Berlin etwas werden will, verleiht seiner Mode mindestens den eltären Nimbus moderner Kunst, wenn nicht gar einen Hauch postmoderner Philosophie. Bei Ulf Haines in Berlin Mitte beispielsweise gibt es für knapp unter 600 Euro mindestens das Sein und das Nichts to go: "In ausgeklügelten Produktionsschritten entsteht wahrhafte Avantgarde. Konstruierter Strick, sich dekonstruierend, mit offenen Maschen, die das Stück beim Tragen immer weiter verändern."

Immerhin eine Nummer kleiner haben es C.neeon, die einst mit ihren Bauhaus-inspirierten Entwürfen weltweit als Botschafter des hippen jungen Berlin Furore machten: "Die Herbst/Winter 09/10 Kollektion von C.neeon ist von der russischen Künstlerin Sonia Delaunay inspiriert, die Anfang der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts den Orphismus
mitentwickelt hat. Die Kollektion nimmt den experimentellen Gebrauch von Farbfeldern und geometrischen Formen auf." Da ist man etwas in der Zeitrechnung verrutscht. Das 20. Jahrhundert zu verlassen haben schließlich von den Situationisten bis zu den "Manic Street Preachers" schon viele erfolglos versucht.

Baumwoll-Jersey und surreale Keller

Auch ein Projekt wie "Labo.Art" in der Linienstraße ist nichts für Kunstpuristen: Beabsichtigt in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kunstgalerien Bilder an die Wände zu hängen, um die "innovative Verarbeitung von Baumwoll-Jersey" in der unmittelbaren Nachbarschaft der Retro-Szenekneipe "Bötzow Privat" zu promoten, nützt weder der
Kunst noch der Mode. Und trotzdem lohnt sich der Berlinbesuch – sogar, wenn man sich so gar nicht für den meist verkauften Rucksack der Welt interessiert, der es auch irgendwie auf den Laufsteg geschafft hat.

Da wären nämlich einerseits die angesagten Namen aus der Modeszene wie Markus Lupfer, Bernhard Willhelm oder Kaviar Gauche – und auf die spektakulären Shows der großen Namen wie Joop und Boss freut sich schon die halbe Stadt, während die andere Hälfte darauf hofft, irgendwie ins neue WMF in der Klosterstraße 44 zu kommen, wo am
Donnerstagabend Fisherspooner aus New York auftreten.

Andererseits ist da ja auch die Fotografie, die dem Berlinbesucher an allen Ecken und Enden in ihren diversen Formen und Formaten nur so entgegen fliegt: Da lädt die Seven Star Gallery in der Gormannnstraße zu einem Ausflug ins New York der Achtziger, das die Modedesignerin und Fotografin Maripol in Polaroids dokumentiert hat. Mit dem selben Medium arbeitet das Model Iekeliene Stange, die auf der Torstraße im "ProjektGalerie Showroom" einen surrealen Keller eingerichtet hat und das ganze "I like Ponies" nennt. Lumas, die in jüngster Zeit wegen ihres großen Erfolges und großer Auflagen unter kritischer Beobachtung standen, locken zumindest mit einem exklusiven Event: Vera von Lehndorff alias Veruschka signiert das Buch ihres Lebens – und wer danach noch Zeit hat, sollte sich auch die Ausstellungen von Sergio Caminata in der Galeries Lafayette und Elfie Semotan in der Galerie für Modefotografie nicht entgehen lassen.

"Berlin Fashion Week 2009"

Termin: 28. Januar bis 1. Februar, Berlin
http://www.fashion-week-berlin.com/de/

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