Exit through the gift shop - Banksy

All about brainwashing

Die Straßenkunst teilt ein Schicksal mit der Werbung: Beide buhlen um die Gunst von flüchtigen Passanten, haben also wenig Zeit, müssen schnell auf den Punkt kommen, originell sein, zumindest amüsant. Man kann von Glück sagen, dass Banksy keine Werbung macht. Der nämlich ist nicht nur ein Meister schneller Pointen sondern auch einer der Suggestion. In seinem Filmdebüt "Exit through the Gift Shop" macht er uns gar glauben, ein durchschnittlich talentierter Freizeitfilmer habe es mit ein paar banalen Siebdrucken und Sprühgemälden auf dem Kunstmarkt zu Ruhm und Millionen gebracht. Das Unheimliche ist: Er könnte Recht haben.
Das Andy-Kaufman-Prinzip:Banksy spottet dem Kunstmarkt

Banksy malt sein berühmt gewordenes Luftballonbild an die israelische Mauer in der West Bank/Palästina 2005

"Der Typ ist einfach interessanter als ich", sagt Banksy zu Beginn des Films. Gemeint ist Thierry Guetta, ein französischer Hobbyfilmer, der sich in den Kopf gesetzt hatte, eine, oder vielmehr die Dokumentation über Streetart zu drehen. Und zunächst sieht auch alles danach aus, als gelänge ihm die Unternehmung. Als Cousin von Streetart-Legende Space Invader findet er rasch Zugang zu den Größen einer im Dunkeln operierenden Subkultur.

In Los Angeles dreht er mit Shepard Fairey alias Obey, der es mit seinen Obama/Hope-Plakaten über die Szene hinaus zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Er trifft Ron English, Borf, Neckface und Seizer und schließlich auch den Mann, der als unbestrittner Star der Szene nicht zuletzt auf Guetta selbst geradezu auratische Wirkung hat: Banksy!

Dieser findet überraschend Gefallen an dem redseligen Franzosen, der als filmender Begleiter immer öfter auch zum Komplizen bei spektakulären Aktionen mutiert. So 2006 bei der weltweit beachteten, illegalen Installation einer lebensgroßen Guantánamo-Häftlings-Puppe im kalifornischen Disneyland. Indes beginnt ein denkwürdiger Hype um Streetart im Allgemeinen und Banksy im Speziellen. Dessen im selben Jahr stattfindende Ausstellung "Barly Legal" zählt bereits 30 000 Besucher, bei "Banksy vs. Bristol Museum" drei Jahre später sind es zehn Mal so viele. Nun drängt Banksy Guetta, bei dem sich das Videomaterial längst kistenweise stapelt, den geplanten Dokumentarfilm endlich zu Ende zu bringen. Vom Ergebnis aber ist er entsetzt: "Life Remote Control", so der Titel des konfusen Zusammenschnitts, ist das Machwerk eines "Irren mit Kamera", findet Banksy. Doch der findige Brite, der seine Identität bis heute streng geheim hält und auch während des Films nur mit geschwärztem Gesicht und verzerrter Stimme in Erscheinung tritt, ist um einen Ausweg nicht verlegen: Statt zu filmen, solle Guetta lieber selbst die Straßen erobern – Banksy hingegen greift sich das Videomaterial und beginnt einen eigenen Film, einen über Thierry Guetta.

Nun übernimmt Banksys Team die Kamera und dokumentiert die grotesk anmutende Blitzkarriere eines Videonerds zum gefeierten Streetartist. Guetta hat nicht nur von den Besten gelernt, er weiß vor allem, wie der Hase läuft. Seine Sticker, Stencils und überlebensgroßen Poster, mit denen er nun die Außenwände von L.A. tapeziert, zeigen semi-witzige Bearbeitungen von Prominenten-Porträts: Elvis mit Spielzeugpistole, Kanye West als Beethoven, Obama als Superman – halbgare Einfälle, die man vielleicht bei Banksy im Papierkorb vermuten würde. Aber längst läuft die Medienmaschine: Mr. Brainwash, wie Guetta sich fortan nennt, ziert das Cover der "L.A. Weekly", seine erste Ausstellung, ein überbordende Ansammlung anspruchsloser Gemälde und Siebdrucke, beschert ihm einen Verkaufserlös von rund einer Millionen US-Dollar, kurz darauf gestaltet er das Cover von Madonnas "Greatest Hits", verkauft auf der Art Basel in Miami... – kurz: Mr. Brainwash ist der fleischgewordene Alptraum der Graffitikultur.

Womöglich aber ist er auch ihr größter Clou. In Internetforen sammelt man bereits fleißig Indizien, warum die Geschichte um Thierry Guetta nur das Produkt einer raffinierten Inszenierung sein kann, hinter der natürlich kein anderer steht als Banksy selbst. Folgt man dieser Version, dann hätte der sich mit Mr. Brainwash seine eigene Antithese geschaffen – eine Bad Bank für mittelmäßige Arbeiten, die er einem leichtgläubigen Sammlervolk als Streetart-Derivate unterjubelt. Optisch zumindest erinnert Guetta stark an Tony Clifton, das alter Ego eines anderen Meisters der Suggestion: Andy Kaufman. Der legendäre amerikanische Entertainer konnte lange unerkannt in der Rolle des pöbelnden Nachtklubbesitzers Clifton sein eigenes Publikum verspotten. Süffisant klingt da das Resümee von Mr. Brainwash, der nach seiner absurd erfolgreichen Ausstellung "Life is beautifull" selbstzufrieden im Gras liegt und von seinen Besuchern schwärmt: "The people… they were so happy." Und ganz egal wer hier am Ende wem das Gehirn gewaschen hat, einen Verlierer kennt die Partie mit Sicherheit: den Kunstmarkt. Wenn Mr. Brainwash seine Namensfindung erklärt und auflistet: "It is all about Brainwashing. Obey is about brainwashing, Banksy is about brainwashing", müsste man eigentlich fortsetzen: Hirst is about brainwashing, Meese is about brainwashing, Murakami is about…

"Exit through the Gift Shop"

Termin: ab 21. Oktober im Kino
http://www.alamodefilm.de

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