Gilbert & George - Dokumentarfilm

Provokationen im Dienste der Aufklärung

Als "lebende Skulptur" betraten sie die Bühne der Kunst und wurden schnell zum gefeierten Ereignis. Später verlagerte sich ihre Selbstinszenierung auf großformatige Fototableaus und verhandelte die großen Bezirke der menschlichen Gefühlswelt. Gilbert & George sind alte Hasen im Kunstbetrieb und haben mit dem Turner-Preis, Teilnahmen an Documentas und Venedig-Biennalen und einer großen Retrospektive in der Tate Modern viele Lorbeeren geerntet. Jetzt gewährt ein Dokumentarfilm Einblick in die Lebenswelt des Künstlerpaares.
Provokation im Dienste der Aufklärung:Vom Werdegang einer "lebenden Skulptur"

Für das Plakat des Films wurde auf das Bild zurückgegriffen, für das der Filmemacher Julian Cole einst selbst Modell gestanden hatte: "See", 1987

Dass Kunst auch die Kunst ist, Aufmerksamkeit zu erregen, haben diese beiden Herren früh verstanden. Erst kürzlich schilderte das britische Künstlerduo Gilbert & George im art-Interview, wie es sich 1969 aus lauter Enttäuschung darüber, nicht zur Auswahl einer Gruppenausstellung im Londoner ICA zu gehören, kurzerhand mit metallener Farbe bemalte und als "lebende Skulptur" auf die Eröffnung der Ausstellung schlich.

Dort verharrten die beiden regungslos vor einem staunenden Publikum, das noch nicht gewöhnt war an jene silberfarbenen Kleinunterhalter, deren Robotershows heute die Fußgängerzonen amüsieren. Hinzu kam, dass die Besucher der Ausstellung, die vorher bereits in Basel und Krefeld Station gemacht hatte, gekommen waren, um die Spitze zeitgenössischer Avantgardekunst zu sehen. Unter dem Titel "When Attitude Becomes Form" hatte die Ausstellung von Kurator Harald Szeemann ein Kompaktpaket völlig neuer Kunstformen geschnürt – Installation, Happening, Land- und Minimal-Art beschäftigten fortan die Kunstwelt. So bedeutete der Abend nicht nur den Beginn der beeindruckenden Künstlerkarriere von Gilbert & George, sondern war auch Anlass für eine Reihe schwerwiegender Missverständnisse. Das Werk der stets adrett gekleideten Gentlemen wurde Teil hochtrabender Modernismusdebatten – schließlich eignete sich die lebende Skulptur vorzüglich als Beleg für Reduktionstendenzen, Formalismus oder den Aufstieg der noch jungen Performancekunst. Der Anspruch von Gilbert & George hatte damit freilich wenig gemein – damals wie heute. Stets beteuerten sie, "Kunst für alle" zu produzieren, auch und gerade für jene, deren Blick nicht von den Diskursen der Kunstwelt trainiert oder verfälscht sei.

Kunst für jedermann

Dass Gilbert & George es damit durchaus ernst meinen und weder Rohmaterial für blutleere Diskurse liefern, noch bloße Selbstvermarktung betreiben wollen (auch wenn ihre Arbeit beides nicht ausschließt), zeigt der jetzt in Deutschland erschienene Dokumentarfilm "With Gilbert & George". Im angenehm unaufgeregten Ton schildert er – streng chronologisch – den Werdegang der Künstler. Filmemacher Julian Cole gelingt es dabei, die lebende Skulptur vom Sockel herunter und aus ihrer tatsächlichen Lebensumgebung heraus nahbar zu machen.

Bildstrecke zur aktuellen Ausstellung "Gilbert & George. Jack Freak Pictures" in der Galerie Arndt & Partner, Berlin

In einem der ärmsten Gegenden Londons, dem von Immigranten aus Pakistan und Bangladesh bevölkerten Spitalfields, leben und arbeiten die beiden. Nicht ohne Grund: "Nur wenn wir uns des Schmerzes und des Elends bewusst bleiben, das stattfindet, während wir unsere Bilder produzieren, können wir dem Betrachter gegenüber gerecht bleiben.", sagt George in einer Interviewsequenz. Auf einen so hemmungslos humanistischen Anspruch trifft man nur noch selten in einer Kunstwelt, die sich heute besser auf distanzierte Ironie und formalistisches Entertainment versteht. Es ist dem Film umso höher anzurechnen, dass er gerade diesen Aspekt der Arbeit von Gilbert & George immer wieder klar herausarbeitet.

Modulierte Exkremente

Als Freund porträtiert Julian Cole mit viel Sympathie für die Künstler, denen er in den Achtzigern selbst Modell gestanden hatte. Da mag für eine kritische Auseinandersetzung die nötige Distanz fehlen. Auf der anderen Seite öffnet der Film Türen, die bislang verschlossen blieben – die ihres Londoner Ateliers zum Beispiel. Weil ihre Bilder aussehen sollten "als wären sie wie durch Zauberei direkt aus unserem Kopf aufs Papier gelangt", hatten Gilbert & George ihre Arbeitsprozesse gerne im Verborgenen gehalten. Da ist es schon ein kleines Ereignis, wenn sie dem Filmemacher jetzt en détail die Produktion ihrer riesigen Fototableaus erklären. Die Dokumentation bleibt auch dabei ebenso so unaufdringlich und distinguiert wie ihre beiden Protagonisten. So werden während der großzügigen 104 Spielminuten sogar die potentiellen Aufreger – großformatige Abbildungen erigierter Penisse, schwer betrunkene Künstler oder Aufnahmen modulierter Exkremente – zu schlichten Aspekten eines außergewöhnlichen Oeuvres. Nach dem Film ist man jedoch eh der Überzeugung, dass die Künstler mit der provozierten Aufmerksamkeit nur Gutes im Schilde führen.

"Wir wollen den Betrachter mit Kunst überwältigen, denn Kunst kann Menschen verändern, daran glauben wir."

"With Gilbert & George"

Dokumentarfilm von Julian Cole über das Leben des britischen Künstlerduos. Erschienen bei Edition Salzgeber, Berlin; die DVD ist ab dem 25. August im Handel erhältlich.
Außerdem: "Gilbert & George. Jack Freak Pictures" Termin: bis 18. September. Galerie Arndt & Partner, Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße, Berlin.
http://www.salzgeber.de/

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