Peter Raue - Interview

Der schiere Zynismus”

Der Berliner Rechtsanwalt Peter Raue ist Spezialist für Kunst- und Urheberrecht. Als Gründungsmitglied des Vereins der Freunde der Nationalgalerie ist er auch einer der herausragenden Kunstförderer Deutschlands. art sprach mit ihm über die äußerst fragwürdige Geheimhaltung des Kunstschatzes von Schwabing durch Zoll und Staatsanwaltschaft.
Die Kunst muss online!:die Geheimhaltung des Kunstschatzes muss enden

Peter Raue ist Anwalt und Kunstförderer in Berlin. Die Geheimhaltung des Kunstfunds nennt er "skandalös"

Herr Raue, gestern bei der Pressekonferenz wurden in Augsburg erste, spärliche Details des Kunstschatzes präsentiert. Wie haben Sie die Pressekonferenz verfolgt?

Live am Fernseher.

Was war ihr Eindruck?

Die war von Loriot inszeniert.

Warum?

Wenn man bedenkt, dass die öffentliche Hand eine Informationspflicht hat, dann hat sie diese Pflicht verletzt. Raisonnable Gründe für die Geheimhaltung haben sie nicht angegeben. Der einzige Grund, den sie angeben, ist: Sie wollen die Betroffenen schützen. Das ist der schiere Zynismus. Denn Bilder, von denen man bisher gar nichts wußte, wie die gezeigten Arbeiten von Matisse, wie soll man die denn zuordnen können?

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Die von mir geforderte Übernahme der Arbeiten in eine Internetplattform würde sehr viel erleichtern. Dann kann Familie Winterstein aus Ohio sagen, dass hing bei uns in der Schaperstraße.

Das zweite Grund, warum ich das so skandalös finde, ist der Umgang mit den Kunstwerken aus den Museen. Wir haben ja zwei Komplexe: die "entartete Kunst” aus den Museen und den Komplex der jüdischen Familien. Bei der "entarteten Kunst” könnten sich auch die Museen melden, wenn das im Internet stünde. Die Nationalgalerie könnte sagen, diese 40 Arbeiten sind bei uns enteignet wurden. Die Frage der rechtlichen Folge dieser Erkenntnis kann man danach klären. Da wird man darüber nachdenken müssen, ob es nicht auch Rückgabeansprüche gibt.

Rückgabeansprüche der Museen?

Ja, der Museen. Wenn ich Museumsdirektor wäre, würde ich alles in Bewegung setzen, um die Werke, die bei mir im Hause gestohlen wurden, zurückzubekommen. Es war ja ein Gesetzesakt, also muss man sagen, die entfernt, nicht gestohlen, wurden. Die sollen wieder zurück in die Museen.

Das Bild "Melancholisches Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner ist ja eines der wenigen Werke, die bereits zugeordnet werden können. Sie stammt aus der Kunsthalle Mannheim. Sie als Direktor würden die zurückverlangen?

Ich würde sagen, ich möchte sie wiederhaben.

Wie würden Sie das juristisch begründen?

Die Kunsthalle Mannheim war ja mal Eigentümer, das ist unbestritten. Es gibt eine feststehende Rechtssprechung, die besagt, weil das Gesetz über die Enteignung nicht aufgehoben worden ist, haben die Museen keinen Rückgabeanspruch. Das ist richtig, daran will ich gar nicht deuten. Meines Erachtens gilt das aber dann nicht, wenn wir die Arbeiten beim Dieb finden. Den Fall gab es noch nie. Das Wort "Dieb” sage ich in Anführungszeichen. Gurlitt hat die Arbeiten als Kommissionsware, er hat sie ja nicht gekauft, sondern mit dem Auftrag sie zu verkaufen, erhalten. Er hat sie nicht verkauft, vielleicht sollte man ihn dafür loben. In diesem Fall scheint mir der Satz, dass die Rückführung wegen des Gesetzes scheitert, nicht zu greifen. Das ist mein juristischer Gedanke, von dem ich nicht behaupte, dass er richtig ist, aber ich halte ihn für meinbar. Das war das Lieblingswort meines Doktorvaters.

Was bedeutet das?

Man kann das gut vertreten, und ich würde das vertreten. Erst recht, wenn der Antragsgegner der Staat ist. Bis jetzt hat der Staat die Bilder in Besitz, und es ist sehr fraglich, ob sie je wieder an Cornelius Gurlitt zurück gehen. Wenn Gurlitt auch noch sagt, er will die Bilder gar nicht zurückhaben – dieses Gerücht gibt es ja –, was soll der Staat dann anderes machen, als sie den Museen zurückzugeben? Überlegen Sie mal: Wir haben grob 1500 Werke, wenn sie für die Recherche für jedes Werk zehn Tage ansetzen, dann brauchen sie 15 000 Tage – das sind 50 Jahre. Das ist doch zynisch.

Was ist denn mit den Werken, die nicht aus Museen stammen, sondern aus Privatbesitz. Was wird mit denen?

Es ist eindeutig so, dass die "Washingtoner Erklärung” nur die öffentliche Hand betrifft. Die Jewish Claims Conference sieht das zwar anders, aber wir sprechen da von der normativen Kraft des Faktischen: Wenn heute von einem Bild bekannt wird, dass es früher in jüdischem Eigentum war und nazibedingt entzogen wurde, dann ist dieses Bild nicht den Rahmen wert, in dem es steckt. Denn es ist unverkäuflich. Kein Auktionshaus, selbst die frivolsten, rührt ein Bild an, bei dem auch nur der Verdacht besteht.

Der Fall des von Cornelius Gurlitt verkauften "Löwenbändigers” war so eine Situation der "Mutually Assured Destruction”: Gurlitt konnte ohne die Zustimmung der Flechtheim-Erben nicht verkaufen, die Flechtheim-Erben mussten dem Verkauf zustimmen, denn sie konnten das Bild auch nicht zurückverlangen.

Ja, dann macht man etwas, was ich häufig getan habe: Man schließt einen Vergleich. Man einigt sich darauf: Es wird versteigert, und der Erlös wird aufgeteilt. Das ist leider so kompliziert, weil der Käufer ja oft guten Glaubens sehr viel Geld für das Bild gezahlt hat. Ich hatte mal mit einem Berliner Galeristen zu tun, der einen Lovis-Corinth für 120 000 Euro gekauft hat – ein wunderbares Bild. Dann kommt ein älterer Herr vorbei, der sagt: "Dieses Bild hing in der Klopstockstraße in der Wohnung meiner Mutter. Sie ist 98 Jahre alt, und ich möchte ihr das Bild gerne zum 99. Geburtstag schenken. Dem Galeristen habe ich gesagt: Du kannst das Bild nie wieder verkaufen, höchstens im Schlafzimmer aufhängen. Und dem Sohn der Dame habe ich gesagt: Du kannst nicht verlangen, dass der Galerist 120 000 Euro verschenkt. Auf der Ebene schließt man einen Vergleich. Das könnte man jetzt auch in Augsburg erreichen, wenn man die Bilder online stellt.

Wie beurteilen Sie die Geheimhaltung?

Die Begründung, man schütze mit der Geheimhaltung die Eigentümer halte ich für einen Verstoß gegen die Holocaust-Vereinbarung, also die "Washingtoner Erklärung”. Da hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, alles zu tun, um das Auffinden der Bilder zu ermöglichen. Aus dieser Verpflichtung gibt es meiner Ansicht nach einen Anspruch darauf, dass die Bilder ins Internet gestellt werden. Es hat noch keiner gefordert, ist aber richtig. Und genau dafür sind Datenbanken wie www.lostart.de und das Art Loss Register. Ich fasse das nicht!

Fehlt der Staatsanwaltschaft das Know-How und das Fingerspitzengefühl im Umgang mit der "Washingtoner Erklärung” und der Raubkunst?

Die Verwaltung unter der Leitung des unbegreiflichen Oberstaatsanwalts Nemetz hat das einfach nicht kapiert, davon bin ich überzeugt. Sonst kann man so eine Antwort überhaupt nicht geben. Das ist ein Skandal, im Vergleich dazu ist die Hoeneß-Steuerhinterziehung eine Quantité negligable. Und wenn man sich vorstellt, wie da die Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit informiert hat bei der Durchsuchung, da kann man jetzt die Zurückhaltung gar nicht verstehen. Der zuständige Justizminister in Bayern muss dafür sorgen, dass die Bilder ins Internet gestellt werden. Das ist ein Politikum!

Wie schätzen Sie denn die Beteiligung der Bundesregierung ein – die war ja informiert.

Ich kann nur hoffen, dass der Satz, dass sie informiert war, nur halbrichtig ist. Was sie wusste, das kann ich nicht sagen. Wenn sie die Sache so kannte, wie wir sie heute kennen, dann wundert mich das schon, dass da nicht jemand "Holla” sagt.

Was halten Sie von der Arbeit von der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann?

Ich schätze Sie sehr, eine kluge Frau. Aber eine einzige Person daranzusetzen! Das ist doch ein Augiasstall, den ein armes Ding ausräumen soll. Das ist eine Aufkärungsverhinderungsentscheidung.

Hätte da die Forschungsstelle "Entartete Kunst” nicht aufschreien müssen?

Die Magdeburger Koordinierungsstelle hält sich erstaunlicherweise zurück, statt zu sagen: Hier sind wir, wir fordern Euch auf, das online zu stellen. Die Berliner Forschungstelle ist nur ein Uni-Institut, da wäre ich vorsichtig. Das ist eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft und der zuständigen Behörden.

Konnten Sie am Vorgehen der Behörden einen Plan entdecken?

Nein. Kein Plan, kein Konzept, die Pressekonferenz war eine Informationsverhinderungsveranstaltung. Es ist das große Verdienst vom "Focus”, dass sie das aufgedeckt haben. Der "Spiegel” wird sich ärgern.