Otto Muehl - Nachruf

Zum Tod von Otto Muehl

Am Wochenende starb mit Otto Muehl einer der einflussreichsten Wiener Aktionisten. Neben den Konventionen der Kunst brach er auch mit sexuellen Tabus.
Zum Tod von Otto Muehl:Otto Muehl gestorben

Der österreichische Aktionist und Kommunengründer Otto Muehl gestikuliert am 17.2.1998 vor einem seiner Bilder, die im Wiener Museum für Angewandte Kunst ausgestellt sind. Wenige Tage nach einer umstrittenen Lesung im Burgtheater widmete das Museum dem 1991 wegen Missbrauch Minderjähriger verurteilten Maler eine große Schau.

Er war Österreichs kontroversester Künstler seit Egon Schiele. Beide saßen im Gefängnis, beide waren wegen sexuellem Missbrauchs Minderjähriger angeklagt. Muehl zumindest wurde deshalb auch verurteilt, fast sieben Jahre saß er dafür im Gefängnis.

Seine Verbrechen verstellen bis heute noch den Blick und das Urteil auf seine künstlerische Bedeutung. Er war der Guru unter den Wiener Aktionisten, ein Charisma, das ihn zum Demagogen werden ließ. Erst aber war er Lehrer. Und ziemlich klassischer Maler.

1960 aber lernte er die über zehn Jahre jüngere Truppe Günter Brus, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler kennen, die bereits begonnen hatten, die Malerei zu überwinden und zu verlassen. Der Wiener Aktionismus entwickelte sich. Nach Materialbildern begann Muehl 1963 mit Materialaktionen, "versumpfte" eine "Venus", ein nacktes weibliches Modell nach dem anderen. Auf den Körpern seiner weiblichen wie männlichen Mitstreiter wurde die bürgerliche Gesellschaft beispiellos attackiert. Doch war er der einzige, der seine anarchistische Utopie bis in letzte Konsequenz durchzog. 1970 gründete Muehl die "aao"-Kommune, die "aktions analytische organisation", die bis 1990 bestehen sollte. Sie führte zu einer sektengleichen Kommune am Friedrichshof im Burgenland nahe Wiens, die bis zu 600 Mitglieder aus ganz Europa anzog.


Das anfangs idealistische Reformmodell wurde zu einem totalitären Unort, in dem strenge hierarchische Strukturen und ein kapitalistisches Streben alles dominierten. Rund um Muehl entstand ein von den Kommunarden gebilligtes Machtvakuum, in dem alles, auch Kindesmissbrauch, möglich wurde. Wofür Muehl letztendlich auch zur Rechenschaft gezogen wurde. Nach seiner Entlassung zog er mit seinem engsten Kreis nach Portugal, wo man in der "Artlife"-Familienkommune lebte.

Dort starb Muehl jetzt. Man könnte sagen versöhnt – während eine große Muehl-Retrospektive im MAK 2004 noch ziemlich unkritisch mit der Kommunen-Zeit umging, wurde 2010 im Leopold Museum ein Kompromiss versucht. Man trat in konstruktive Kommunikation mit kritischen Ex-Kommunarden, die fordern, gewisse Objekte Muehls nicht auszustellen, etwa die Aschebilder, die Muehl aus den ungefragt eingesammelten und verbrannten Tagebüchern der Kommunarden geschaffen hatte. Oder Bilder aus der Kommunenzeit, die Kinder und Jugendliche zum Motiv haben, die vielleicht sexuell missbraucht worden waren. Im Zuge dieser Ausstellung kam es auch erstmals zu einer Entschuldigung Muehls, 2010 war das, Muehl war 85 Jahre alt: "Die Stellungnahme der Jugendlichen damals im Gerichtssaal machte mich fassungslos. Ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller Überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt. (...) Ich hoffe, dass sie mir verzeihen."

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