Monuments Men - Berlinale

Kunstwerke sind die neuen Opfer

Acht alternde Kunsthistoriker retten Millionen Kunstwerke aus den Fängen der Nazis – aus diesem Hollywoodstoff macht George Clooney eine mäßige Komödie. Dabei gelingt es ihm aber, unser stetig wachsendes Interesse an der Raubkunst zu entschlüsseln.

"George Clooney, wie dankbar sind Sie für die Hilfe bei der PR für 'Monuments Men' durch den Fund der Sammlung Gurlitt in München?", fragt eine Journalistin aus Brasilien am Samstagnachmittag in der Pressekonferenz. Der Film ist gerade im bis auf den letzten Platz gefüllten Berlinale Palast gezeigt worden.

Clooney, ganz der charmante Entertainer, den Milliarden Fans bewundern, nimmt es staatsmännisch locker: "Es ist immer schön, Kunst zurückzugeben!" Damit gleitet George Clooney, der Regisseur, in Top-Diplomatenform darüber hinweg, dass sein Film trotz All-Star-Besetzung die Hilfe von Cornelius Gurlitt und den bayerischen Ermittlern in großem Maße nötig hat.

Ohne die Gratis-PR vom Sensationkunstfund in Schwabing würde "Monuments Men" wohl schnell untergehen. Denn, wie eine ARD-Radiojournalistin nach der Konferenz am Spätzle-Stand grummelt: "George Clooney ist kein Billy Wilder". Der Versuch, mit Leichtigkeit und Humor die höchst spannende Geschichte von den Kunstwerke rettenden Monuments Men zu erzählen, ist Clooney misslungen. Dabei ist die Geschichte an sich atemberaubend und braucht eigentlich gar keine Hollywood-üblichen Übertreibungen: Die Monuments Men war eine Einheit von 345 amerikanischen Soldaten, die mit Kunsthistorikern, Architekten und Künstlern besetzt wurde. In den letzten zwei Kriegsjahren ab 1943 jagten sie von den Nazis geraubte Kunstwerke, nach dem Krieg gaben sie über fünf Millionen Werke zurück. Erst sechs Jahre nach dem Krieg kehrten die letzten von ihnen in die USA zurück, viele setzen ihre Karriere dort an Museen wie dem Met oder dem MoMA fort.

Dennoch erreicht Clooneys fünfter Film als Regisseur längst nicht die Klasse von Spielbergs "Schindlers Liste" oder Tarantinos "Inglorious Bastards". Ja, das Thema aus dem Soundtrack lässt sich schön mitpfeifen, aber wenn die Musik fast jede Szene überkleistert, kann man das Drama des Stoffes nie richtig spüren. Ja, die Besetzung ist erstklassig: Cate Blanchett, Matt Damon, Bill Murray, John Goodmann, Jean Dujardin ("The Artist"), Hugh Bonneville (Lord Grantham aus Downton Abbey) und natürlich George Clooney selbst. Aber dennoch entwickelt der Film nie die Dynamik von einem Ensembledrama wie "Ocean`s Eleven" – ständig knallen Versatzstücke unterschiedlicher Art gegeneinander: Komödie, Kriegsdrama, Liebesgeschichte und Räuberpistole. Vor allem der Humor treibt den Film in die Klamotte: John Goodmans Kopf passt kaum unter den Stahlhelm, Bill Murray muss klettern, Matt Damons Französisch ist schlecht. Man würde sich auch nicht wundern, wenn jetzt auch noch Gerard Depardieu auftauchte. Dann wäre man in einem Asterix gegen die Römer-Film, und die Tonart wäre ähnlich klamaukig. Es hilft auch nichts, wenn George Clooney sagt, er habe "an augenzwinkernde klassischen Kriegsfilme gedacht - Filme wie ,Kelly's Heroes'" oder ,The Great Escape'." Die gute Absicht ändert nichts am Scheitern. Auch die Frage, die der Film immer wieder stellt, ist nicht entscheidend: Ist es das wert, dass Menschen bei der Rettung von Kunst sterben?" Diese ist eigentlich von Anfang an entschieden – für die Monuments Men war es das wert – sonst gäbe es ihre Geschichte nicht.

Doch trotz aller Schwächen leistet "Monuments Men" Erstaunliches. Die wirklich entscheidende Frage ist: Warum wird genau in den Jahrzehnten, in denen die letzten Zeitzeugen sterben, auf einmal das Interesse an der Kunst in der Nazi-Zeit so groß? Wie man am Fall Gurlitt sieht, ist das Erregungspotential für das Thema Kunst und das Dritte Reich groß – und vor allem scheint es immer unverständlicher zu sein, dass die geraubte Kunst nie richtig gesucht wurde. Sonst wäre die Empörung heute nicht so groß. In den Jahrzehnten nach dem Krieg war das ganz anders – die, die sich für Kunst interessierten, wussten vom Unrechtsschicksal der Bilder und handelten trotzdem mit ihnen. Wenn die Mörder nicht gesucht wurden, warum hätte man das mit den Kunsträubern anders machen sollen?

Bei der Premiere am Samstagabend in Berlin war nur noch einer der Monuments Men anwesend, Harry Ettlinger, der letzte Überlebende – genau so verschwindet heute die Erinnerung aus erster Hand an Holocaust und zweiten Weltkrieg. Das Interesse an der Kunst tritt an die Stelle der Erinnerung. Nicht nur, dass George Clooney 70 Millionen Dollar für einen Film über Kunsthistoriker in Uniform auftreiben konnte. Er findet Bilder für diese Verschiebung. Die Schlüsselszene spielt in einem der Bergwerke, in dem die Nazis Raubkunst versteckt hatten: Bob Balaban entdeckt die Überreste eines verbrannten Picasso, seine Kollegen die Überreste von Holocaustopfern. Balaban zieht einen verbrannten Rahmen aus der Asche. Das Kupferschild hat die Feuersbrunst überstanden, man liest den Namen Pablo Picasso. Unterdessen haben die anderen Fässer voller Gold gefunden. Goldzähne, um genau zu sein – die Opfer bleiben namenlos. In einer Einstellung zeigt Balaban die verkohlten Reste des Rahmens, ein Kameraschwenk stellt die Verbindung zur Tonne voller Gold her. Es ist eine der wenigen ruhigen Szenen, die anfängt, etwas Gravitas zu entwickeln. Die letztlich unvorstellbare Grausamkeit erhält mit dem Rahmen einen fassbareren Stellvertreter. Zwei unterschiedliche Motive entwickeln dabei ihre Wirkung: Das Moment der Distanzierung: Auch ein Picasso ist am Ende nur ein Stück Leinwand und Ölfarbe – dem man leichter beim Sterben in den Flammen zuguckt, als man das bei Menschen tun würde. Es wird erträglicher, sich mit den Horrortaten der Urgroßvätergeneration in Europa auseinanderzusetzen. Und das Moment der Überhöhung: Über den Umweg des Meistwerks rücken die Opfer näher. Weil eben niemand mehr da ist, der aus eigener Erinnerung über die sprechen kann, die ausgelöscht wurden.

Monuments Men – Ungewöhnliche Helden

ab 20. Februar 2014 im Kino, (1 Std. 58 Min.)
Regie: George Clooney

http://www.monumentsmen.com/