Richard Armstrong - Guggenheim

Wir hatten eine leichte Dürrezeit

Am 4. November tritt Richard Armstrong, 59, seinen Posten als neuer Direktor der weltweiten Guggenheim-Museen an. Nach 20 Jahren unter der Führung von Thomas Krens, der die Institution in eine Kulturmarke verwandelte, soll es mit Armstrong in eine andere Richtung gehen – im exklusiven art-Interview verriet er seine Pläne.
Interview mit dem neuen Guggenheim-Direktor:"Wir hatten eine Dürrezeit"

"Eine gesunde Institution dient im gleichen Ausmaß den Künstlern und der Gemeinschaft": Richard Armstrong, der neue Guggenheim-Direktor

Herr Armstrong, wo sehen Sie die Zukunft des Guggenheim-Imperiums?

Richard Armstrong: Was das Interesse des Vorstands geweckt hat, waren meine Vorstellungen, ein streng intellektuelles Museumsprogramm zu machen, lebende Künstler herauszufordern und gleichzeitig ein Gefühl für den Mythos der frühen Jahre und der Herkunft des Hauses mitzubringen, das stark mit Kandinskys Ideen von Idealismus und Utopismus verwurzelt war.

Nach Jahren der Expansionspolitik wird von Ihnen vor allem ein vergeistigter Kurs erwartet?

Das Guggenheim ist kein angeschlagenes Museum, sondern eine gesunde Institution. In der Vergangenheit wurde eine eher unternehmerische Linie verfolgt, die darauf basierte, Schätze des Museums mit der Welt zu teilen. Alles sehr noble Ziele. Aber es herrscht die Meinung, dass das Programm in Zukunft vom intellektuellen Standpunkt her vertretbar sein sollte.

Werden Sie sich mehr auf das Herz der Einrichtung in New York konzentrieren?

Ich möchte erreichen, dass die Kuratoren – und die meisten von ihnen sitzen in New York – das Gefühl haben, dass das Guggenheim ihre Plattform ist. Ausstellungen und Sammlungen können von einer Zweigstelle zur nächsten bewegt werden. In der Theorie ist dies eine multikulturelle Einrichtung. Nun sollten wir testen, ob wir wirklich einen Dialog zwischen New York, Berlin, Venedig oder Bilbao anregen können.

Was halten Sie von Berlin als Kunststandort?

Berlin ist eine der Hauptstädte für zeitgenössische Kunst. Wie lebendig und einladend die Stadt für junge Künstler ist, überrascht mich immer wieder.

Sie brachten die Londoner Tate Gallery als langfristigen Partner für das Guggenheim ins Gespräch.

Es ist eine würdige und gleichzeitig ergänzende Institution. Wir haben bereits in der Vergangenheit Beziehungen zur Tate gepflegt und gemeinsam Ausstellungen wie die über Louise Bourgeois organisiert.

Bislang kennen Sie das Guggenheim nur als Besucher. Was hat Ihnen am Museum gefallen, was kritisieren Sie?

Ausstellungen wie die von Ellsworth Kelly oder Jenny Holzer, die es schafften, sich dem schwierigen Gebäude einzufügen, waren für mich die erfolgreichen. Sie hinterließen starke Bilder im Kopf. Alles, was sich nicht mit dem 20. oder 21. Jahrhundert beschäftigte, interessierte mich ebenso wenig wie übergreifende kulturelle Unternehmungen.

Damit meinen Sie Ausstellungen über Motorräder oder das Schaffen des Modedesigners Armani?

Ich hoffe, dass wir in Zukunft etwas anderes machen können. Aber nichts spricht dagegen, dass die Leute, die sich Armani angeguckt haben, nicht für Kandinsky wiederkehren.

Was haben Sie in zwölf Jahren als Direktor des Carnegie Museum in Pittsburgh und aus Ihrer Zeit als Kurator am Whitney Museum gelernt?

Eine gesunde Institution dient im gleichen Ausmaß den Künstlern und der Gemeinschaft. Sie stellt ein offenes Forum für Besucher, Künstler oder Kritiker dar und lässt sich bei diesem Diskurs auf das größtmögliche Spektrum an Menschen ein.

Wie hat Sie Ihre Studienzeit in Frankreich geprägt?

Mir wurde bewusst, was vielen Amerikanern unklar ist: Dass parallele Universen existieren. Die Welt habe ich bereits früh als einladenden Ort und nicht als fremdartig empfunden, auch wenn das jetzt kitschig klingt. Als ich in den sechziger Jahren als Student ohne Geld in Montparnasse saß, erlebte ich die letzten romantischen Zeiten der Pariser Boheme.

In der Presse wurden Sie als Teamplayer beschrieben, trifft das tatsächlich auf Sie zu?

Ich habe entweder als Kurator oder mit Kuratoren gearbeitet, um Dinge zu verwirklichen, die sie im Kopf hatten. Der Aspekt, im Team tätig zu sein, begeistert mich.

Und wann hat Sie Kunst zum ersten Mal begeistert?

Als ich im Alter von 15 Jahren in der Washingtoner Phillips-Sammlung ein Bild von Arthur Dove sah und auf einmal begriff, dass es nicht nur um Farben und Formen ging, sondern, dass der Künstler mir etwas mitteilen wollte. Kunst ist eine Form von Kommunikation. Künstler nehmen sich etwas, das sie verwandeln. Während dieses Prozesses geben sie ihre Visionen von einer anderen Welt weiter.

Wie haben Sie vor, jüngere Besucher für diese Welt zu begeistern?

Indem wir im Internet ein Portal für Kunst schaffen. Eine Website muss mehr als eine elektronische Broschüre sein.
Wir müssen lernen, die jüngere Generation zu verstehen, für die das Internet der Eintritt in das Guggenheim darstellt.

Wie wäre es mit Ausstellungen von jüngeren Künstlern, die sich an Themen der heutigen Zeit reiben?

In der Vergangenheit gehörte dies zur Tradition des Guggenheim. Aktuelle Ausstellungen wie Catherine Opie oder theanyspacewhatever ab Oktober empfinde ich als aufregend. Aber wir hatten eine leichte Dürrezeit.

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