Zhukova-Skandal - London

Streit um Dasha

Darf Kunst-Jetsettterin Dasha Zhukova auf einer SM-Skulptur sitzen oder ist das eine rassistische Provokation? art-Autor Till Briegleb analysiert eine Debatte, die die Nähe von Kunst, Geld und Machtmißbrauch entblößt.

Eigentlich gehört dieses Bild auf eine Pornoseite unter der Rubrik "Femdom", was die Abkürzung ist für "Female Domination". Als Rollenspiel von einer weißen, reichen Frau und ihrer schwarzen Sex-Sklavin wäre es dort eine originell inszenierte Abwechslung zu den monotonen Motiven der BDSM-Kultur. Allerdings wäre die schwarze Frau, die sich als Sitz anbietet, dann ein Mensch und kein Kunstwerk. Und das Foto würde dort bei Weitem nicht so viel Aufrufe und Aufregung provozieren wie dieses Porträt von Dasha Zhukova, die sich für ein Interview mit einer russischen Mode-Bloggerin in dieser Pose ablichten ließ.

Denn Dasha Zhukova ist nicht nur die Freundin von Roman Abramowitsch, dem Profiteur vom sowjetischen Zusammenbruch, Yacht-Fan und Besitzer des FC Chelsea. Sie ist eine zentrale Figur im Welt-Kunst-Jet-Set, betreibt ein eigenes Magazin, eine Kunsthalle in einer ehemaligen Busgarage, die von Konstantin Melnikow entworfen wurde und jetzt von Rem Koolhaas umgebaut wird, und legt großen Wert darauf, als seriöse Partnerin für die Akteure der zeitgenössischen Kunstdiskurse verstanden zu werden.

Allen, denen Dasha Zhukova schon lange suspekt ist, weil sie die umstandslose Nähe von kritischem Kunstverstand mit russischen Oligarchen-Sphären für nicht wirklich glaubhaft halten, scheint die Tochter eines Ölmagnaten und Waffenhändlers nun ihr Wolfsgesicht offenbart zu haben. Die laszive Pose mit nackten Füßen, mit der Dasha Zhukova sich auf der erniedrigenden Haltung dieses Menschmöbels räkelt, hat eine enorme Empörung in den unterschiedlichen Medien hervorgerufen. Als "Rassistin" und "Frauenhasserin" wird sie in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke beschimpft, der Anstachelung zum Hass, der Dummheit, Bigotterie, Ignoranz und zumindest Instinktlosigkeit in seriöseren Medien bezichtigt – zumal der Tag der Veröffentlichung dieses Fotos in den USA dem Gedenken an die Ermordung vom Martin Luther King gewidmet ist. Aber ist diese Empörung wirklich gerechtfertigt?

Das Kunstwerk, auf dem die hübsche Superreiche sich vor einem Design-Schminktisch gefällt, ist eine Replik auf die Serie von Frauenmöbeln, die der britische Künstler Allen Jones 1969 erfunden hatte, und die Berühmtheit unter anderem als Bestandteil von Gunter Sachs’ umrauntem Party-Domizil im Palace-Hotel in St. Moritz erlangten. Auch Jones formte lebensechte Sex-Sklavinnen in schwarzer Schnür-Montur als Tisch, Stuhl und Stummen Diener und erntete damit die gewünschte scharfe Ablehnung von Seiten der Frauenbewegung und den Applaus der Hipster und Kunst-Highbrows, die solche Sticheleien gegen die Politische Korrektheit aufregend und cool fanden. Der norwegische Künster Bjarne Melgaard, der bereits mit kopulierenden Menschenaffen und großen Penissen provozierte und sich selbst als schwuler Dandy mit tabulosen Ansichten inszeniert, hat Jones’ Ensemble nun mit schwarzen (und einer grünen) nackten Frauen einfach nachgebaut, um zu testen, inwieweit diese Art der Provokation heute noch wirksam oder bereits abgenutzt ist. Und wie Gunter Sachs einst in seiner Sündenhöhle benützt auch Dasha Zhukova das Kunstwerk tatsächlich als Möbel.

So weit so parallel. Doch abgesehen davon, dass Gunter Sachs das Glück hatte, in einer Zeit ohne Shitstorms zu leben, besteht ein wesentlicher Unterschied in den beiden Selbstinszenierungen darin, dass das russische Sammler-Mannequin nicht begriffen hat, was sie da eigentlich tut. Peinliche Entschuldigungen dafür, dass das Kunstwerk doch aus seinem "Kontext" gerissen sei und eigentlich ein "commentary on gender and racial politics" sei, dass sie Rassismus verabscheue und niemand beleidigen wolle, zeigen leider nur umso deutlicher, auf welchem naiven Niveau hier Kunst als Status-Objekt behandelt wird. Wäre sie sich über den selbstverständlich schockierenden Symbolgehalt des Bildes auch nur annähernd im Klaren gewesen, hätte sie sich absichtlich drauf gesetzt und dazu offensiv argumentiert.

Unter Einbeziehung ihrer eigenen Rolle als Machtfigur einer weißen und skrupellosen Oberschicht könnte Dasha Zhukova nämlich sehr wohl begründen, warum sie sich in Beziehung setzt zu dem degradierenden Kunstwerk. Sie hätte selbst den "commentary on gender and racial politics" – den sie Melgaard vermutlich zu Unrecht unterstellt, um sich reinzuwaschen – durch ihre Pose verstärken und zur Diskussion stellen können. Das aber hätte Mut und Intelligenz bedurft, wie sie hier offensichtlich nicht vorhanden ist. Und dazu passt auch, dass die befreundete Interviewerin, die das Bild veröffentlichte, die bekannte Mode-Bloggerin Miroslava Duma ist, die Pussy Riot als "blöde Mädchen" bezeichnet, die nicht wüssten, was in Russland los ist, und ansonsten mit dem Geld ihres Vaters, eines weiteren dubiosen Ölmagnaten, bei den Modeshows dieser Welt in der ersten Reihe sitzt – und die bei der Entschuldigung auf ihrer Web-Site Buro 24/7, die mit "We love everybody" endet, bis heute behauptet, der Stuhl sei von Allen Jones.

In diesem Licht hat dieser böse Fauxpas durchaus exemplarische Bedeutung, denn er beleuchtet die abgehobene Ignoranz einer angesehenen Schicht von russischen Superreichen, die Kunst sammelt wie Imelda Marcos Schuhe. Wer einmal auf einem prominenten russischen Kunst-Event sein durfte, dem ist die monofunktionale Beschaffenheit der Kunst als Hintergrund für blasierte reiche Weibchen, die sündhaft teure Klamotten genau einmal zu diesem Event anziehen, so präsent, dass dieses Skandalfoto nicht wirklich eine Überraschung darstellt. Fragen lassen müssen sich aber die ganzen prominenten Künstler, Architekten und Weltkuratoren, die bei Personen wie Dasha Zhukoava mit dem Champagnerglas rumstehen, um ins Geschäft zu kommen, was an diesen Vorgängen wirklich bigott ist: die schamlose Eitelkeit einer Milliardärs-Gattin oder die liebedienerische Selbstvermarktung von westlichen Intellektuellen, die ihr damit eine Reputation verschaffen, die sie nicht verdient.