Städel-Museum - Nationalsozialismus

Kein schwarzweisses Bild

Seit 2002 gibt es im im Städel-Museum in Frankfurt ein Projekt zur Provenienzforschung, seit 2008 ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Hauses in der NS-Zeit. Nun ist das Buch "Museum im Widerspruch" erschienen, das sich beiden Themen widmet. ART-Autorin Sandra Danicke sprach mit Städel-Direktor Max Hollein über diese richtungsweisende Arbeit.
Vorreiter:Buch zur NS-Vergangenheit des Museums

Max Hollein, Direktor des Städels

art: Herr Hollein, wer hat diese Projekte angestoßen und wer hat sie bezahlt?

Hollein: Das Projekt zur Provenienzforschung wurde von meinem Vorgänger Herbert Beck initiiert. Das Forschungsprojekt über das Städel während der NS-Zeit habe ich mit der Administration des Städel ins Leben gerufen. Es wird zur Gänze vom Städel finanziert. Die Provenienzforschung wurde anfangs von JP Morgan finanziert, dann vom Städel Museum und seit 2010 von der Arbeitsstelle Provenienzrecherche.

Was war der Anlass? Druck von außen?

Nicht direkt. Als ich ans Städel gekommen bin, war das sicher nicht die erste Aufgabe, mit der ich mich beschäftigt habe. In einem Gespräch mit Georg Heuberger, dem ehemaligen Direktor des Jüdischen Museums und damals Vorsitzender der Jewish Claims Conference, wurde mir jedoch schnell klar, dass das ein Thema ist, das auch von uns noch nicht ausreichend bearbeitet wurde. Das war der Auslöser zu sagen: Wir sollten das – gemeinsam mit externen Wissenschaftlern – grundlegend erforschen. Wir sind wahrscheinlich eines der ersten Museen in Deutschland, die das so konsequent getan haben.

Was sind die spektakulärsten Erkenntnisse? Gab es welche, die Sie überrascht haben?

Herausgekommen ist ein komplexes Bild von einer Institution, die aktiv gehandelt hat – auch während der NS-Zeit, und sich damit in einem Kraftfeld an Interessenskonflikten bewegt hat. Das vielleicht Überraschende, für manche auch Verwirrende ist, dass das kein schwarzweißes Bild ergibt.

Vor zwei Jahren wurde durch die Ausstellung "Raub und Restitution" im Jüdischen Museum die ambivalente Rolle des ehemaligen Städeldirektors Ernst Holzinger diskutiert, der für die Nazis als Kunstsachverständiger gearbeitet und für das Museum Kunst in den besetzten Ländern gekauft hat. In den fünfziger Jahren sprach er sich für einen Restitutionsstopp jener Werke aus die im "freien Handel" erworben worden waren. Andererseits hat Holzinger uneigennützig jüdische Sammlungen im Haus versteckt und nach dem Krieg zurückgegeben. Auch nach der Lektüre des Buches bleibt Holzingers Rolle rätselhaft.

Das Buch gibt immerhin eine viel differenziertere Sicht auf sein Verhalten. Die Ambivalenz war aus meiner Perspektive zu erwarten. Denn differenzierter zu sehen bedeutet nicht, auch eindeutig und klar zu sehen. Die Beurteilung wird entsprechend immer sehr vorsichtig zu formulieren sein.

Holzinger war offenbar allein der Kunst und der Sammlung des Hauses verpflichtet. Mit der Moral nahm er es nicht so genau. Haben Sie Verständnis für seine Haltung?

Heute sehen wir das natürlich anders. Selbstverständlich ist seine Handlungsweise aus unserer heutigen Perspektive nicht immer richtig gewesen. Betrachtet man aber die jeweiligen Aspekte, so muss man sich auch in den Kontext der Zeit versetzen. Nimmt man das Beispiel der Restitutionen, so war Deutschland in den 1950er und 1960er-Jahren der Ansicht, durch die zahlreichen Nachkriegsrestitutionen schon genug Wiederaufarbeitung geleistet zu haben. Das Thema Restitution ist erst vor zehn Jahren wieder aufgekommen.

Sie haben in den vergangenen Jahren sechs Werke aufgrund der Provenienzforschung zurückgegeben. Wie lange wird das Projekt voraussichtlich dauern? Und was passiert, wenn Sie bei weiteren Fällen keine Erben mehr finden?

Wie lange es dauert, ist schwierig zu beurteilen. Wir haben jetzt mehr als die Hälfte des infrage kommenden Bestandes durchgeprüft, das sind rund 800 Werke. Auf unserer Website haben wir Fälle eingestellt, bei denen wir nicht weiterkommen. Wenn die Erben nicht ausfindig gemacht werden können, versuchen wir mit der Claims Conference zu einer Lösung zu kommen.

"Museum im Widerspruch"

Herausgeber: Uwe Fleckner und Max Hollein, Akademie-Verlag, 350 Seiten, 130 Schwarzweiß-Abbildungen, Preis: 49, 80 Euro
http://www.staedelmuseum.de/sm/

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