Elmgreen & Dragset - Berlinale

Starker Start

Es gibt Filme, die beginnen mit einem Kracher. Das neue Porträt über das Künstlerduo Elmgreen & Dragset ist ein solcher. Der Film hat auf der Biennale in Berlin Premiere. art-Autor Clemens Bomsdorf hat ihn bereits gesehen.
Dokumentiert:"How are you" auf der Biennale in Berlin

Ingar Dragset und Michael Elmgreen am Pool ihrer Installation in Venedig

Das Meer, die Verheißung also ist nur einen Sprung entfernt und die Kante
des Sprungbretts direkt vor der Kamera. Ein gut gebauter Jüngling dehnt
seinen nackten Oberkörper, schreitet das Sprungbrett entlang – und läuft
gegen eine Glasscheibe. So einfach, wortlos und humorvoll lässt sich die
Kunst von Michael Elmgreen und Ingar Dragset erläutern. Die Eröffnungsszene
des neuen Poträtfilms "How are you" über das dänisch-norwegische Künstlerduo
ist ein simpler, doch zugleich unglaublich starker Start.

„Powerless Structure, Fig. II“ von 1997 heißt die gezeigte Installation, die
in einem Eckraum des Museums Louisiana an der dänischen Ostseeküste
angebracht ist. Das Sprungbrett ragt durch eine Aussperrung im Fenster
hindurch aus dem Gebäude in Richtung Meer, doch die Glasscheibe verhindert
jeglichen Absprung.

Regisseur Jannik Splidsboel ist so klug, die Kunst von Elmgreen & Dragset in
seinem Film nur einmal der praktischen Überprüfung zu unterziehen. Ohne
weiteres hätte er auch diverse andere Werke wie deren Sackkarre aus der
Sammlung des Museums Arken vorführen können. Diese ist nicht
funktionstüchtig, weil sie aus zwei Karren besteht, die so
zusammengeschweißt sind, das sie einander spiegeln - zwei ist eben nicht
immer besser als eins. Doch damit hätte der Film ein Slapstick zu werden
gedroht und die Kunst der beiden wäre mit der Holzhammermethode erklärt und
nicht wie es nun geschieht nur ansatzweise erläutert worden.

Zumeist sprechen Elmgreen und Dragset selber über ihre Kunst und über ihr
Leben oder sie werden bei der Arbeit gezeigt. Pluspunkt des Films: Es sind
sogar Aufnahmen aus dem Jahr 1995 zu sehen. Damals waren sie gerade recht
frisch privat ein Paar geworden, damit war aber vor ein paar Jahren Schluss.
Dieser Teil der Partnerschaft wird ebenfalls angesprochen, die beiden
erzählen von ihrem Coming Out, wie sie sich gefunden haben und wie es war,
trotz des privaten Aus weiter zusammen zu arbeiten. Nie wird der Film dabei
voyeuristisch.

Immer wieder tritt zu Tage, dass nicht nur die Arbeiten der beiden Humor
haben, sondern auch die Künstler selber. Zumindest Michael Elmgreen kann
aber auch böse sein, wenn etwas nicht klappt wie abgesprochen. In solchen
Situationen entpuppen die beiden sich als das klassische God guy – Bad guy
Duo, und Ingar Dragset trägt durch seine Art auf angenehme Weise zur
Entspannung bei.

Seit Jahren sind Elmgreen und Dragset Teil der internationalen Kunstszene,
zwei Großprojekte der jüngsten Vergangenheit werden dafür sorgen, dass sie
alsbald nicht in Vergessenheit geraten: der Beitrag der beiden als Künstler
und Kuratoren zum Nordischen und Dänischen Pavillon bei der Venedig Biennale
2009 und der kürzliche Sieg beim Wettbewerb um die Gestaltung des Fourth
Plinth im kommenden Jahr in London. Letzteres kommt im aktuellen Film
überhaupt nicht vor – womöglich aus Zeitgründen, doch zumindest deren
Überlegungen hätten noch Eingang finden sollen. Der Venedig-Beitrag von 2009
hingegen ist zentral. Auch das Berliner Homosexuellen-Mahnmal bekommt ebenso
wie die Ausstellung „Too late“ in London relativ viel Platz eingeräumt.

Ausgeklammert hingegen wird, dass die beiden schon einmal, nämlich 2003, auf
der Biennale präsent waren. Damals sperrten sie eine Schimpansin in einen
gläsernen Käfig und ließen sie alleine mit Würfeln, die mit den Buchstaben
U-T-O-P-I-A beschrifteten waren. Von der Kritik wurde das Werk nicht
sonderlich begeistert aufgenommen. Vielleicht fiel es deshalb aus dem Film.
Was dem 70-Minüter ganz klar fehlt, ist ein kritischerer Zugang. Es muss
möglich sein, an den Künstlern nahe dran zu sein und sie dennoch in Frage zu
stellen, so machen es gute Freunde ja auch. Wenn beispielsweise minutenlang
gezeigt wird, wie die britische Autorin Sara Thornton (The Economist, Seven
Days in the Art World) sich von den Künstlern vorab durch deren
Venedig-Projekt führen lässt und das voller Lobhudelei kommentiert, sagt das
über die Arbeit der beiden nichts, außer dass sie hofiert werden. Allenfalls
ist dies als ironischer Kommentar auf die Global Art World zu gebrauchen,
dafür aber eindeutig zu lang. Sowieso hätten ein paar Kürzungen dem Film gut
getan.

Der Film dokumentiert meist lediglich. Nur selten, dann aber sehr
aufschlussreich, kommentieren die beiden Künstler direkt in Mikrofon und
Kamera hinein. Gar nicht hingegen werden Kuratoren oder Kritiker befragt,
Werk und Künstler bleiben quasi selbsterklärend, ebenso gibt es keine
Erzählerstimme – der Zuschauer darf selber denken.
Die Eingangsszene wird explizit nie wieder aufgenommen und das ist auch gut
so. Im letzten Bild schwimmt der tote Sammler im Pool seines
Venedig-Pavillons. Das Bild ging 2009 als sicherlich eines der meist
gedruckten der damaligen Biennale durch die Medien. Natürlich kann es so
gesehen werden, dass hier auf das Anfangsmotiv vom verhinderten Sprung ins
Wasser Bezug genommen wird, muss aber nicht. Dem Publikum nichts aufdrängen
zu wollen, ist Stärke des Films.