Niels Sievers - Klasse Immendorff

Immendorffs letzter Schüler

Am 28. Mai starb Jörg Immendorff im Alter von 61 Jahren. Seit 1996 und bis zu seinem Tod lehrte er an der Kunstakademie Düsseldorf. art-magazin.de sprach mit Niels Sievers, 27, einem seiner letzten Meisterschüler
"Das war kein Kuschelverein":art sprach mit dem Meisterschüler Niels Sievers

Niels Sievers in seinem Atelier

art: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Immendorff erinnern?

Niels Sievers: Klar. Immendorff betrat die Klasse und ihm gefielen meine Zeichnungen. Er hielt immer ewige Monologe. Monologe über die Kunst und darüber, wie er als junger Künstler war. Das fand man dann entweder interessant oder nicht. Und wenn man etwas damit anfangen konnte, kam man ins Gespräch. Überhaupt handelte seine gesamte Lehre vom Künstlerwerden und Künstlersein. Was es bedeutet, Künstler zu sein. Die Positionen in der Gesellschaft. Wo wir leben. Und in welcher Zeit wir leben.

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War der Kontakt so familiär, dass man nach der Arbeit auch mal in eine Bar ging?

Nein. Das war bei Immendorff sehr speziell. Über das Persönliche wurde so gut wie nie gesprochen: Es ging immer nur um die Arbeit. Er war ja der Sohn eines Offiziers, und das merkte man. Das war hier kein Kuschelverein. Und Immendorff war auch kein Kumpeltyp.

Haben die Studenten ihn gesiezt?

Er hat die Studenten geduzt, wir haben ihn gesiezt. Seine Arbeitsangaben waren kurz und präzise. Und er hat einen sofort zurückgeholt, wenn man anfing über sein persönliches Leben auszuschweifen. Dann meinte er: „Das interessiert mich alles nicht!“

Und wie war die Stimmung unter den Meisterschülern? Gab es da Konkurrenzkämpfe?

Innerhalb von zehn Jahren gab es nur 20 Meisterschüler, pro Jahrgang höchstens zwei. Deshalb gab es keine Konkurrenz. Man war einfach glücklich über den Titel. Und die anderen kenne ich auch gar nicht. Nach zwei Semestern als Meisterschüler verlässt man ja die Akademie.

Wollten manche nicht die Musterschüler unter den Meisterschülern sein?

Immendorff hat uns stets gelehrt, dass die Kunst absolut frei ist. Und wenn da jemand als „Musterschüler“ auftrat, dann hatte er sofort verloren! Mit Rumstreberei kam man nicht weit. Vor allem nicht bei Immendorff.

Und wie lief der Unterricht ab?

Es gab keinen klassischen Unterricht. Immendorff kam in die Klasse, solange er noch konnte. Danach sind wir zu ihm ins Atelier gegangen. Dann wurden die Arbeiten der Studenten besprochen – und er hat gesagt, ob er sie gut fand oder nicht.

Erinnern Sie sich noch an die Kommentare zu Ihren Arbeiten?

Klar, logisch. Er konnte sehr brutal sein. Er hat seinen Lehrauftrag sehr ernst genommen. Er wollte wirklich etwas weitergeben. Aber bei aller Härte, war er auch sehr behutsam. Manchmal gefielen ihm kleine Details nicht, und manchmal meinte er: „Es ist schwer ein Bild zu machen, in dem es keine Fehler gibt. Hier hast du’s geschafft!“

Wie sind Sie mit der Kritik umgegangen?

Natürlich möchte man es ihm als junger Student recht machen. Man hat halt noch keine Ahnung von Kunst, und dann kommt der Großmeister und sagt einem, wo man Fehler macht und wo man richtige Wege einschlägt.

Was ging gar nicht?

Anbiedern. Nach dem Kunstmarkt malen. Anfangen, wie die Leipziger Schule zu malen.

Vor allem: Kein Kunstfisch sein

Und Sie sind nie heulend aus dem Atelier gelaufen?

Ich hatte ja keine Probleme mit ihm. Wir haben uns ja gut verstanden. Sonst hätte er mich auch nicht zum Tutor ernannt. Aber es gibt wirklich Horrorgeschichten. Angeblich haben manche Schüler das Atelier heulend verlassen, und manche hat er rausgeschmissen. Noch früher soll er sich sogar mit Schülern geprügelt haben. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Sind eben Legenden. Aber manchen Schülern hat er schon gesagt: „Du solltest dir überlegen, ob du aufhörst zu malen!“

Was gehört zu den wichtigsten Dingen, die Sie gelernt haben?

Haltung! Bezüglich allem. Nicht irgendein Kunstfisch zu sein...

Kunstfisch?

Als Kunstfisch bezeichne ich Künstler, die mit dem Strom schwimmen. Die anfangen, irgendwelche opportunistischen Haltungen einzunehmen, um nach oben zu kommen. Künstler, die alles tun, zu jedem nett sind und versuchen mit irgendwelchen Schleimereien auf jede Ausstellung zu kommen. Das hat uns Immendorff auch beigebracht: eine Position einzunehmen – in der Zeit und auch in der Kunst.

1973 veröffentlichte Immendorff sein Dossier „Hier und jetzt. Das tun, was zu tun ist“. Was ist denn jetzt zu tun?

Mehr denn je: Haltung bewahren und zeigen, was wirklich Kunst ist! Zeigen, dass Kunst nicht nur das "Nette" und "Schöne" ist. Sondern dass Kunst viel mit Kämpfen zu tun hat. Mit neuen Wegen. Und dass Kunst manchmal vor den Kopf stoßen muss. Ja, Radikalität hat Immendorff uns auch vermittelt. Uns selbst gegenüber und der Kunst gegenüber.

Und wie sind denn jetzt Ihre Marktchanchen als Immendorff-Schüler?

Keine Ahnung. Ich habe mich noch nicht an eine Galerie gebunden. Darauf war Immendorff auch erpicht: Während man noch Student war, sollte man auf keinen Fall einen Deal mit einer Galerie eingehen!

Warum?

Der Markt ist für junge Künstler eben sehr verlockend. Das sieht man ja auch an den Leipziger Schülern: Man verkauft dann mal fünf, sechs Bilder und das läuft ganz gut, und dann fängt man an, immer die gleiche Scheiße zu pinseln. Weil sie sich eben gut verkauft. Da fängt es dann auch an, keine Kunst mehr zu sein, sondern irgendwelche Illustrationskacke. Wenn man sich einen Namen als Künstler gemacht hat, dann sollte man ein Fundament haben. Also jahrelang experimentiert haben und sozusagen seinen Humus anreichern, von dem man sich als Künstler nähren kannst. Oft hat uns Immendorff gesagt, dass seine Akademiejahre die nährreichsten waren und er aus ihnen am Ende immer noch geschöpft hat.

Und gibt es schon einen Nachfolger? Wer wird jetzt die Klasse Immendorff übernehmen?

Keiner, die wird sich auflösen. Und die jungen Studenten werden sich einen neuen Prof suchen müssen. Das ist der aktuelle Stand. Und ich mache jetzt noch einen Seminarschein, meine Abschlussausstellung, und dann bin ich weg.

Ihr Fazit: Was bleibt?

Den besten Lehrer gehabt zu haben, den man haben kann. Man sieht ja, welche Rolle Beuys in Immendorffs Werk gespielt hat. Er war ja der Meisterschüler von Beuys. Und mit ihm hat er sich sein ganzes Leben auseinandergesetzt. Er hat sich mit Beuys an den Tisch gemalt, er gibt ihm die Flamme zu der Zigarette. Und aus dieser Tradition heraus hat er gehandelt. Er wollte weitergeben, was Beuys ihm gegeben hat.

Termin: Die Ausstellung der Klasse Immendorff "Von Pferden und Affen", bis zum 19. August 2007, Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz. Katalog:"Klasse Immendorff – Von Pferden und Affen", 19,90 €