Kongress zur Zukunft der Kreativität

Anleitung zum Kreativsein

Daran erkennt man den wahrhaft großen Denker: Beim Kongress "Work in Progress" ist sich der Soziologe Richard Sennett nicht zu schade, der digitalen Bohème ein Rezept zum kreativen Arbeiten in vier Schritten zu geben.
Lob des Konjunktivs:Anleitung zum Kreativsein

Richard Sennett

Den Kalauer, dass Hamburg dank der Elbphilharmonie eher für das Scheitern von Zusammenarbeit berühmt ist, brachte der Staatssekretär des Kultursenats gleich in seinem Grußwort unter, dann musste das niemand anderes mehr tun. Auch sonst war das Schöne an der Konferenz "Work in Progress" über die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden, ihre hanseatische Nüchternheit. In Berlin zitieren Politiker bei solchen Gelegenheiten immer gerne Richard Florida und den Hinweis, dass die kreative Klasse ja die Zukunft der Wirtschaft sei. In Hamburg hatte man stattdessen einfach einen kritischen Superstar für den Hauptvortrag eingeladen: Richard Sennett, Stadtsoziologe aus New York und London. Und der ließ wunderbar nüchtern die Luft aus dem Traum von der Kreativindustrie. Was nun wirklich nicht selbstverständlich ist für eine Veranstaltung, die Anfang März am dritten Geburtstag der stadteigenen "Hamburg Kreativ Gesellschaft mbH" stattfand, deren Auftrag die Förderung eben dieser Industrie ist.

Richard Sennetts intellektuelle Größe zeigte sich an seinem Mut, sein Thema, wie komplexe Zusammenarbeit möglich ist, sehr klar und verständlich von Buchlänge ("Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält", erschienen bei Hanser) auf einen 30-Minuten-Vortrag herunterzukürzen. Und vor allem: Es dabei noch in die Form einer Anleitung zu bringen. Sennetts Interesse gilt der Frage: Wie können Fremde zusammenarbeiten? Also Menschen, die sich nicht gut kennen und nicht unbedingt die gleichen Werte und Erfahrungen teilen. Sennetts These: Diese Art der Zusammenarbeit stellt eine subtile Kreativität dar.

Wie geht das nun, zusammenarbeiten? Sennett fasst es in einem Satz zusammen: "Die Fähigkeiten, die man für komplexe Kooperation braucht, sind dialogisch in der Interaktion, sie sprechen im Konjunktiv, der Rahmen ist informell und die Einstellung anderen Menschen gegenüber ist empathisch, nicht sympathisch." Nochmal langsam:

1. Schritt: Dialogisch arbeiten

Bei der ersten Fähigkeit geht es um das Zuhören. Sennett leitet sie vom Literaturwissenschaftler Michael Bachtin her und grenzt sie vom dialektischen Denken nach Hegel oder Habermas ab. Anders als in der Dialektik gibt es beim dialogischen Arbeiten keine klares Fazit, keine Weiterentwicklung. "Das Ergebnis eines Dialogs kann auch sein, dass man weniger versteht als vorher", erläutert Sennett. Hier verlangt es den Zuhörer nach einem Beispiel, Sennett gibt es: Er leitete einen Workshop für schwarze New Yorker während der Finanzkrise, die durch ihre Gespräche feststellten, dass ihre Klassenunterschiede und ihre verschiedenen Einkommen eine viel größere Kluft schaffen, als durch die gemeinsame Rassenzugehörigkeit überbrückt wird.

2. Schritt: Im Konjunktiv reden

"Ich hätte gedacht, dass..." oder "vielleicht" sind die Worte, mit denen komplexe Kooperation möglich wird. Das Reden im Konjunktiv schafft Mehrdeutigkeit statt Eindeutigkeit – und die Mehrdeutigkeit lässt Platz für das Entstehen einer Gemeinschaft und eines Gemeinsinns. Das Gegenbeispiel: Wenn Akademiker nach einem Vortrag sagen: "Großartiger Vortrag, ich habe nur eine Frage" und dann zu einer vernichtenden Kritik ansetzen, dann ist das kein echtes Reden im Konjunktiv, sondern gezähmte Aggression. Aber eben auch das Zähmen der Aggression schafft Raum für einen sozialen Austausch.

3. Schritt: der informelle Rahmen

Es geht darum, gemeinsam zu improvisieren, nicht zu beobachten. Wenn zum Beispiel in einem wissenschaftlichen Labor das Experiment anders läuft als erwartet, dann öffnet das Improvisieren den Weg nach vorne. Das strikte Festhalten an den Labor-Regeln dagegen friert die Arbeit ein. Im sozialen Leben läuft das ähnlich: Wenn es einen Beobachter gibt, verhalten sich Menschen so, dass sie den Regeln folgen. In einem informellen Rahmen sind dagegen mehr Fragen möglich.

4. Schritt: Mit Einfühlung, ohne Mitgefühl

Die letzte Fähigkeit, die gebraucht wird, ist, Einfühlung zu praktizieren, nicht Mitgefühl. Beim Mitgefühl identifiziere ich mich mit dem anderen, ich fühle seinen Schmerz. Dabei wird aber auch der Unterschied zwischen uns geleugnet. Die Einfühlung ist etwas kälter. Wenn ich jemand sehen, der auf der Treppe stolpert, frage ich: "Was ist passiert?" Ich will verstehen, was passiert ist. Ein ethischer Unterschied, der bei der Zusammenarbeit mit Fremden sehr wichtig ist. Identifikation funktioniert nicht: Als weißer Mann aus der Mittelschicht versteht man eben nicht die Perspektive einer türkischen Frau. Ein einfühlendes Verständnis lässt Raum für die Unterschiede und für die Neugier, sie zu verstehen. Kreative Beziehungen geben diesen Raum.

Fazit: Wir brauchen mehr Kooperation, weniger Solidarität

"Solidarität ist der Feind der Kreativität", sagt Sennett. Komplexe Kooperation ist das Gegenteil von Solidarität. Sennett argumentiert, dass das Streben nach Solidarität furchtbar ist. Es fördert Gleichheit – stattdessen sollten wir die distanziertere Form der Kooperation fördern. Diese Art der Zusammenarbeit findet in einer guten Werkstatt, einem hochklassigen Labor oder künstlerischem Atelier statt. Menschen können dann ihre unterschiedlichen Talente anwenden.

Tadel der Kreativindustrie

Das Problem ist, dass in unserer Welt kreative Gruppen als Teil der Kreativindustrien gesehen werden. "Aber je mehr industrieller Ethos an die Kreativität gelegt wird, umso weniger Kreativität hat man", so Sennett. Und weniger Kooperation. Sennett arbeitet seit längerem an einer Studie über den Google-Konzern, der auf dem Papier alle vier Fähigkeiten der Kooperation unterstützt, aber keine von ihnen wahr werden lässt: Google braucht Lösungen, weil es Produkte verkauft. Die Menschen bei Google sind zu sehr im Wettbewerb miteinander, um im Konjunktiv zu sprechen. Der informelle Rahmen existiert nicht mehr. Google hat Sennett inzwischen vom Zugang zu seinen Mitarbeitern abgeschnitten, er forscht nun aus der Ferne.

Kooperation als Antwort auf die Krise

Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Sennett mit "Freitag"-Herausgeber Jakob Augstein. Man konnte das dialogische Arbeiten in Aktion sehen. Man fragte sich kurz, wie gut Augstein im Zuhören ist, denn auf den feingeistigem Vortrag antwortete er mit groben Fragen, die das Gespräch unter merklichem Knirschen auf die großen Thementrassen von Finanzkrise und Kapitalismuskritik schoben. Aber als ob sie das als Beispiel für gelungene Kooperation abgesprochen hätten, ließ Sennett auch in diesem Feld die Bedeutung der Zusammenarbeit deutlich werden. Er verwies auf Griechenland, wo mitten in der Finanzkrise eine neue Art von Zusammenhalt enstehe: Die jungen kümmern sich um die alten. Nicht wegen der familiären Verbundenheit, sondern um zu überleben. Kooperation ist so keine Erfolgsstrategie für Unternehmen und Mittel zur Wirtschaftsförderung, sondern die Antwort auf die Krise des Bürgers.

Work in Progress

Der Mitschnitt der Keynote von Richard Sennett stammt vom Crowdsourcingblog
http://work-in-progress-hamburg.de/