Kurator Okwui Enwezor im Interview

Das Festival der Welterklärung

Für Venedig hat sich Okwui Enwezor viel vorgenommen. Unter dem Titel "All the World’s Futures" plant der Biennale-Direktor Live-Lesungen des "Kapitals", Chorgesänge, Videoberichte aus Syrien. Doch es soll auch ein visuelles Feuerwerk werden.
Okwui Enwezor

Ambitionierter Festival-Leiter: Okwui Enwezor

Nur ein knappes Jahr Zeit blieb Okwui Enwezor zur Vorbereitung der großen Biennale-Ausstellung – im Gegensatz zu ausgeruhten drei Jahren, die ihm seinerzeit zur Planung der documenta 11 in Kassel zur Verfügung standen. Das hat den 52-jährigen Nigerianer mit US-Pass, der hauptberuflich das Haus der Kunst in München leitet, jedoch nicht abgeschreckt.

Schließlich ist die Kunstschau in Venedig nicht irgendein Event, sondern "die Mutter aller Biennalen". Enwezor hat ein vielschichtiges Konzept entwickelt, das traditionelle Ausstellungselemente mit Festival-Komponenten mixt und neben visueller Eleganz auch intellektuellen Tiefgang verspricht, experimentelle Sound Pieces und Karl-Marx-Lesungen, Selbstporträts von Georg Baselitz und Großfotos von Andreas Gursky. Ein Kernstück der Schau wird die "Arena" sein, ein neuer Bühnenraum im zentralen Pavillon in den Giardini, für den Architekt David Adjaye extra eine Wand einreißen ließ. Dort sind Live-Performances und Dauerlesungen des Kapitals geplant. Außerdem werden Filme von Haroun Farocki, Alexander Kluge, Sergei Eisenstein, Chris Marker und Steve McQueen gezeigt. Und es gibt spektakuläre Skulpturen, etwa Xu Bings Phoenix, ein haushohes Vogelwesen aus recyceltem Baumaterial, das chinesische Wanderarbeiter zurückließen. Insgesamt werden über 700 Werke von 135 Künstlern präsentiert. Dabei spiegelt die Künstlerliste mit vielen Teilnehmern aus Asien, Afrika und Südamerika Enwezors Hauptanliegen wieder: den Zustand der Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erfassen.

Das Motto der Biennale-Schau lautet "All the World’s Futures". Glauben Sie an mehr als eine Zukunft für unsere Welt?

Für mich ist das nicht so sehr das Thema der Ausstellung als eine Absichtserklärung. Ist es möglich, die Zukunft von der Warte Afrikas, Asiens oder Europas aus zu denken? Und wie bringt man diese Perspektiven zusammen? Das wollte ich untersuchen. Und das wollte ich auch durch die Künstlerliste ausdrücken. Ich habe große Anstrengungen unternommen, Künstler aus allen Weltregionen einzuladen, und zwar nicht nur als Alibi, viele aus Afrika, Asien und Südamerika, weil ich glaube, dass wir die Zukunft des Kunstsystems nicht ohne diese Perspektiven denken können.

Wie können Künstler auf die Ereignisse und die Zukunft der Welt Einfluss nehmen?

Ich bin nicht sicher, ob Künstler Weltereignisse ändern können, aber ich glaube fest daran, dass sie ebenso wie Schriftsteller, Philosophen und Politiker teilhaben an den Ereignissen und die Art und Weise formen, wie wir darüber denken. Ich glaube an das Zitat von Louise Bourgeois: "Art is a guaranty of sanity." Das ist ein wichtiger Satz, denn er beschreibt die Macht der Kunst und die Courage des Künstlers, an gefährlichen Orten und in gefährlichen Zeiten zu arbeiten.
Tatsächlich erleben wir gerade wieder gefährliche Zeiten, islamistischen Terror, Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen. Doch die Kunstwelt, wie sie uns in Venedig, Berlin oder New York begegnet, scheint davon ziemlich abgeschottet.

Wollen Sie den Blick auf die Krisen der Welt schärfen?

Zunächst einmal ging es mir darum, auf die Vergangenheit zu blicken und Wege zu finden, die Gegenwart mit den Rückständen der Geschichte zu verbinden. Die Instabilität, die wir jetzt sehen, ist ja nichts Neues. Sie hat seit 9/11 allerdings eine andere Qualität angenommen. Mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und all diesen geopolitischen Umstrukturierungen ist die Welt geschrumpft. Wir befinden uns in einem sehr schwierigen Moment der Globalisierung. Die Idee der Offenheit, der internationalen Verbundenheit, ist fragwürdig geworden. Der digitale Raum ist auch ein großer Überwachungsapparat zum Unterdrücken von Freiheit und nicht nur ein Mittel, um verschiedene Communities miteinander zu vernetzen. Wenn wir auf all diese verschiedenen Entwicklungen schauen – und ich möchte den Begriff der Instabilität nicht nur auf gewaltsame Konflikte in der Welt reduzieren – dann stellt sich die Frage: Wie kann Kunst helfen, diese Bedingungen zu reflektieren? In der Ausstellung nehmen wir auf aktuelle internationale Ereignisse Bezug, etwa mit den Filmen von Abounaddara, einem anonymen syrischen Videokollektiv, das jede Woche einen neuen Beitrag aus Syrien zeigen wird. Aber wir beschäftigen uns auch mit nationalen Debatten, etwa dem Gefängnissystem in den USA und wie es das Leben von Minoritäten beeinflusst, vor allem junger schwarzer und hispanischer Männer. Dazu gibt es eine spannende Sound-Arbeit von Jason Moran, der Arbeitslieder von Strafgefangenen untersucht hat. Wenn wir wissen wollen, was Instabilität verursacht, müssen wir weiter schauen als nur auf die Gräueltaten des IS. Wir müssen uns die innenpolitischen Debatten anschauen, etwa was heute in Deutschland mit Pegida passiert oder in Frankreich mit "Charlie Hebdo".

Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler ausgewählt?

Ich war auf Arbeiten aus, die einen sehr klaren, konzeptuellen, formalen und emotionalen Inhalt haben. Besonders interessiert war ich an der Art und Weise, wie Künstler Worte benutzen. Im Arsenale zeige ich beispielsweise historische Neonarbeiten von Bruce Nauman, die mit Wörten wie "Life", "Death", "Love" und "Hate" spielen. Viele Arbeiten werden auch mit der menschlichen Stimme zu tun haben, mit Gesang und Rezitation. Olaf Nicolai beschäftigt sich mit einer Sound-Arbeit des italienischen Komponisten Luigi Nono, Jeremy Deller erforscht "Factory Songs" der britischen Arbeiterklasse, und Mathieu Kleyebe Abonnenc wird Stücke des legendären afroamerikanischen Musikers Julius Eastman aufführen. Ich will keine statische Ausstellung, sondern etwas Lebendiges, das sich jeden Tag ändert. In der "Arena", einem neuen kommunalen Raum im Zentrum des internationalen Pavillons, wird neben diesen erwähnten musikalischen Beiträgen auch jeden Tag aus Karl Marx’ Kapital vorgelesen.

Warum gerade Das Kapital? Kapitalismuskritik scheint das Modethema zu sein. Thomas Pikettys Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert ist auch ein Kassenschlager.

Es geht mir nicht um Kapitalismuskritik, sondern um eine Reflexion über die inhärenten Widersprüche und Extreme des Kapitals. Wir können nicht über Ungleichheit nachdenken, ohne über Kapital zu sprechen. Die Wirtschaftskrise führt zu so vielen Fragen, auch bei Menschen, die sich nie mit der Mechanik und Funktionsweise des Kapitalismus auseinandergesetzt haben. All die Reformen, die mit der Liberalisierung der Wirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurden, Arbeiterrechte, Rentenpläne, werden plötzlich wieder infrage gestellt – und das sind die Dinge, über die Marx auf der Höhe der Industriellen Revolution geschrieben hat. Es gibt eine Passage im ersten Band des Kapitals, wo er beschreibt, wie englische Arbeiter in einer Flachsfabrik durch den Mangel an Schutzmaßnahmen verletzt und zerfetzt werden. Dieses Buch ist nicht nur eine ökonomische Analyse der Verhältnisse, es ist voller dokumentarischer Geschichten. Mir ist kein anderes Buch eingefallen, das umstrittener wäre, das jeder kennt, aber niemand gelesen hat.

Haben Sie es gelesen?

Ja, oder zumindest habe ich es versucht. Ich möchte etwas ins Zentrum der Ausstellung setzen, das uns etwas zu sagen hat. Du brauchst es nicht gelesen zu haben, du brauchst es nicht zu verstehen, doch Du solltest es als eine Art Virus in der Blutbahn dieses Organismus wahrnehmen.


Das ganze Interview gibt es in unserer aktuellen Ausgabe, die Sie hier bestellen können.

56. Venedig Biennale

Die Biennale läuft vom 9. Mai 2015 bis zum 22. November 2015 in Venedig.
http://www.labiennale.org/

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