A Portrait of Diego - Diego Rivera

Ein Genie, das Cha-Cha-Cha tanzt

Gabriel Figueroa Flores, Sohn des legendären Kameramanns Gabriel Figueroa, fand im Nachlass seines Vaters einen unvollendeten Dokumentarfilm über den mexikanischen Maler Diego Rivera – und produzierte ein intimes Porträt über Freundschaft, Mexiko und Kunst. Die Deutschlandpremiere des Films findet zum Hamburger Filmfest statt. art sprach vorab mit dem Regisseur über das Filmprojekt, den Malerstar – und erotische Tagebücher von Frida Kahlo.

Herr Flores, wie entstand aus dem "Footage"-Material ein Dokumentarfilm?

Gabriel Figueroa Flores: Seit dem Tod meines Vaters, verwalte ich sein Archiv. Darum kümmere ich mich nun bereits seit 20 Jahren. Ich selbst arbeite als Fotograf und übersetze viele seiner Filme in Bilder. In seinem Nachlass fand sich viel unveröffentlichtes Material – wie dieser unvollendete Dokumentarfilm über Diego Rivera.

Das "Footage" war sehr faszinierend – rund 45 Minuten lang, gedreht von 1949 bis 1950 in Farbe, aber ohne Ton und ohne Schnitte. Und da es auch kein Drehbuch gab, wussten wir nicht, was mein Vater und der Fotograf Manuel Alvarez Bravo mit diesem Film eigentlich planten. Heute, über 50 Jahre nach dem Tod von Diego, ist dieses Material ein Juwel, ein kleiner Schatz. Denn es gibt wenige Farbaufnahmen, auf denen man ihn in Mexiko malen sieht. Außerdem lässt der Film sich gut interpretieren, weil er von seinen Freunden produziert wurde. Man sieht, dass Diego Spaß daran hat, die Rolle des großen Meisters zu spielen.

Ihr Vater und Diego Rivera waren gute Freunde?

Flores: Ja, sie wohnten sogar im gleichen Viertel. Und als Frida Kahlo krank wurde, ging mein Vater mit dem Videoprojektor zu ihr und zeigte ihr Filme. Diego war ein großer Freund des Films und der Fotografie. Er nahm Aspekte des Films in seine Malerei auf. Und er sagte meinem Vater, seine Filme seien die perfekten Wandbilder, weil sie sich bewegten und bewegen konnten. Man konnte sie von Russland bis Argentinien vorführen – die Wandbilder von Diego mussten an einem Ort bleiben.

Was für einen Eindruck hinterließ Diego Rivera durch die Erzählungen Ihres Vaters bei Ihnen?

Flores: Mein Vater hatte großen Respekt vor Diego. Er war sehr intelligent und sehr offen. Er war der geistige Führer einer ganzen Generation. Ich merkte sofort: Er ist eine große Persönlichkeit, ein Genie. Er wurde schon zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt. Aber dann gab es diese andere Seite: Er kam oft zu Partys, die mein Vater veranstaltete und tanzte mit der Schauspielerin María Félix Cha-Cha-Cha. Das hinterlässt bei einem Kind einen sonderbaren Eindruck: Ein Genie, das Cha-Cha-Cha tanzt.

Und nun wollten Sie quasi diesen unvollendeten Film Ihres Vaters vollenden.

Flores: Ich wollte eigentlich nichts mit dem Material machen. Aber der Enkel von Diego Rivera, der selbst als Filmemacher arbeitet, wollte gerne einen Film über seine Wurzeln produzieren. Er hat das Projekt vorangetrieben. Aber wir hatten ja ein großes Problem: Es gab ja kein Drehbuch – und wir wussten eigentlich auch nicht so genau, was wir mit dem Material machen sollten. Deshalb mussten wir Margarita, meine Frau, engagieren: Sie hat uns das Drehbuch geschrieben.

Margarita Mansilla: Es geht um Freundschaft, um Mexiko und um Film und Fotografie. Das waren die Achsen, auf denen der Film aufbaut. Ich arbeite eigentlich als Schriftstellerin – und das war dann auch mein erstes Drehbuch. Uns war vor allem wichtig, jüngere Generationen wieder mit der mexikanischen Geschichte zu konfrontieren. Die jungen Menschen wissen nicht, wie Mexiko damals war: voller Leben, voller Künstler, ein Schmelztiegel. Das alles ist leider in Vergessenheit geraten.

Aber ist das Werk von Diego Riviera heute noch immer sehr präsent im heutigen Mexiko?

Flores: Frida Kahlo und Diego Rivera sind Nationalhelden. Ironischerweise wurde Diego zum Mann von Frida Kahlo. Heute ist sie berühmter als er. Früher war es umgekehrt: Rivera war bereits ein weltberühmter Maler als Frida Kahlo noch niemand kannte.

Und gibt es noch mehr Material? Können wir bald mit einer Fortsetzung rechnen?

Flores: Wir planen bereits das nächste Projekt, aber diesmal nicht über Diego. Zuschauer, die unsere Dokumentation sahen, machten uns auf eine bisher unveröffentlichte Sammlung von Briefen und Tagebüchern von Frida Kahlo aufmerksam. Darunter auch: ein erotisches Tagebuch von Frida! Darüber planen wir nun eine Dokumentation.

"A Portrait of Diego: The Revolutionary Gaze"

Termin: Fr, 26. September, 19.15 Uhr, Cinemaxx 7, Hamburg; So, 28. September, 17.30 Uhr, Abaton, Hamburg.
http://www.filmfest-hamburg.de/de/programm/suche.php?suchen=Diego&such_reg=&such_prod=&such_cast=&such_land=&such_typ=&such_sprache=&such_sektion=&b=

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