Sammlung Berggruen - Provenienz

Keine konkreten Verdachtsmomente

Die Sammlung Berggruen wird einer längst fälligen, systematischen Provenienzrecherche unterzogen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dementiert unsachliche Behauptungen.
Keine Verdachtsfälle:Die Sammlung Berggruen wird auf Raubkunst überprüft

Raubkunst? Das wurde beim Ankauf nicht geprüft. Sammler Heinz Berggruen vor seinem Lieblings-Picasso "Dora Maar mit grünen Fingernägeln"

Im Zuge des Gurlitt-Debakels und der damit überfälligen Aufklärungsarbeit wird der unter den Teppich gekehrte Staub von Jahrzehnten aufgewirbelt. Viele (Privat-)Sammlungen der Moderne stehen mittlerweile unter Generalverdacht NS-Raubkunst zu enthalten, vor allem wenn sie Expressionisten mit möglicherweise lückenhafter Provenienz besitzen. Nicht immer ist das volle Getöse im Vorfeld wirklich gerechtfertigt. Unlängst erst kündigte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz an, dass die Sammlung Berggruen noch im ersten Halbjahr 2014 einer systematischen Provenienzrecherche unterzogen werden soll. Die Aufregung ist wiederum groß, immerhin handelt es sich bei der im Stülerbau in Charlottenburg untergebrachten Sammlung des vormaligen Kunsthändlers um einen absoluten erstklassigen Publikumsmagneten. Boulvardesk witterte man bereits die nächste skandalöse Enthüllung. So wurde in einem Beitrag des Deutschlandfunks leichtfertig behauptet, dass in der aktuellen Auflage des Bestandskatalogs zur Sammlung Berggruen gar keine Provenienzen mehr vorgesehen seien. "Ein bemerkenswerter Vorgang", heißt es, der Verdacht liege nahe, dass Lücken in der Herkunft einstweilen kaschiert werden sollen. Doch bei dieser Meldung handelt es sich offenbar um eine "Radio-Ente". Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, winkt ab: "Zum Museum Berggruen liegt ein 2013 in 6. erweiterter Auflage bearbeiteter Bestandskatalog vor, der umfangreiche Angaben zu den einzelnen Werken enthält, darunter auch Provenienzangaben in verschiedener Tiefe und mit entsprechenden Literatur- und Quellenangaben, eine gute Basis für die nun beginnende systematische Prüfung."

Natürlich hätte man sich schon längst um eine genaue Provenienzrecherche in der Sammlung Berggruen bemühen können, zumal Vivian Stein, umstrittene Verfasserin einer unautorisierten Biografie von Heinz Berggruen (1914 bis 2007), weiter auf persönlichem Feldzug gegen den vormals unangetasteten Ruf des auch mäzenatisch tätigen Kunsthändlers ist. Seit geraumer Zeit moniert Stein, dass die Sammlung Berggruen empfindliche Lücken in der Provenienz aufwies, die den Verdacht von Raubkunst nahelegten. In diesem Zusammenhang wird immer wieder wie jetzt erneut vom Deutschlandfunk eine altbekannte Anekdote Berggruens herbeizitiert. Das allererste von Berggruen erworbene Werk "Perspektiv-Spuk" von Paul Klee aus dem Jahre 1920 hat der Sammler nämlich einem armen jüdischen Emigranten abgekauft. So erzählte Berggruen selbst: "Ich erinnere mich – wie könnte ich nicht – an meinen ersten Kauf. In Chicago haben wir Aufenthalt gemacht, und da hat mir jemand ein wunderbares, kleines Aquarell von Klee angeboten. Und das habe ich dann zu einem stolzen Preis von – ich erinnere mich ganz genau – 100 Dollar erworben. Das wäre heute unwahrscheinlich." Nach heutigem Ethos und mehr noch Rechtsverständnis bewegte sich Berggruen seinerzeit sicher in der Dunstzone eines Notverkaufs. Entgegen der von Kritikern nahegelegten Zusammenhänge befindet sich just dieses Aquarell allerdings heute gar nicht in der Sammlung Berggruen. Ein weiterer, gerne von Stein angeführter Fall ist das von Berggruen an das Centre Pompidou verkaufte Gemälde "Mann mit Gitarre" (1914) des Kubisten Georges Braque aus der Sammlung Alphonse Kann, das im Nachhinein an jüdische Erben restituiert werden musste. Anders als etwa der böswillig agierende Kunsthänder Hildebrand Gurlitt hatte Berggruen schon generationsbedingt keine direkten Berührungspunkte mit Nazikunsträubern. Parzinger beruft sich nunmehr auf den routinemäßigen Vorgang der Provenienzforschung: "Die Werke der klassischen Moderne haben bei den systematischen Provenienzprüfungen der SPK eine hohe Priorität, da viele von ihnen zwischen 1933 und 1945 ihren Besitzer gewechselt haben und deshalb grundsätzlich nicht auszuschließen ist, dass sie verfolgungsbedingt entzogen sein könnten." Aber er räumt auch ein: "Mir liegt daran, deutlich hervorzuheben, dass keine konkreten Verdachtsmomente für bestimmte Werke aus dem Bestand des Museums Berggruen vorliegen. Vielmehr wenden sich die Staatlichen Museen zu Berlin bei ihrer systematischen Prüfung nun diesem Sammlungsbestand zu, nachdem die Untersuchung eines anderen Teils der Werke der Nationalgalerie ('Galerie des 20. Jahrhunderts') abgeschlossen ist."

Insgesamt werden in der Sammlung Berggruen 135 Gemälde aus der Entstehungszeit vor 1945 auf ihre Provenienzen hin überprüft – das ist fast der ganze Bestand. Von Mitte des Jahres an soll ein Forscher alleinig mit der Aufgabe betraut werden. Ein vermutlicher Grund, warum man die Untersuchungen hinauszögerte, ist die seinerzeit doch sehr generöse Überlassung Berggruens. Der Ehrenbürger der Stadt Berlin hatte seine Kollektion im Jahre 2000 für rund 250 Millionen DM an den Bund und die Stadt verkauft, auf dem freien Markt hätte er damals nahezu das Doppelte dafür erhalten, ganz zu schweigen von dem heutigen Wert. Im Unterschied zu dem viel beschworenen Klee-Aquarell sind vermutlich keine aus der Not eines jüdischen Besitzers heraus erworbenen Bilder in der Sammlung. Dass Berggruen wiederum als Händler der Klassischen Moderne auch mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Raubgut zu tun haben könnte, ist qua seiner Profession nicht auszuschließen. Parzinger umreißt das Spektrum der zu untersuchenden Werke. "Die Werke wurden von Heinz Berggruen über einen langen Zeitraum hinweg erworben. Die frühesten Ankäufe fanden in den 1950er Jahren statt (rund 15 Werke), die spätesten in den 1990er Jahren, in denen die meisten, nämlich rund 80 Werke, erworben wurden." Problematisch bleibt die immer wieder zu wilden Spekulationen Anlass gebende Geheimniskrämerei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Jetzt von einem "Gau" zu sprechen, ist allerdings vollkommen verfehlt. Das eigentliche und schwere Versäumnis fand bereits statt, als die Kulturbeauftragten sich seinerzeit beim Ankauf der Sammlung zu keinerlei Provenienzrecherche bemüßigt fühlten.