Humboldt-Lab - Bilanz

Im Auge des Jaguars

Noch streitet man in Berlin über die architektonische Form des künftigen Humboldt-Forums im wieder aufgebauten Schloss. Doch das Ethnologische Museum probt bereits, wie sich seine Sammlungen darin zeitgemäß präsentierten lassen.

Mit jeder neuen Folge erinnert die Ausstellungsreihe "Humboldt Lab Dahlem" daran, dass die Uhr tickt.

Wenn jetzt der dritte Teil läuft, sind es nur mehr gut fünf Jahre, bis das Humboldt-Forum im wieder aufgebauten Berliner Schloss bezugsfertig sein soll für Landesbibliothek, Humboldt-Universität und die Ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen. Doch noch hat die zuständige Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht entschieden, wann die Leitung des Forums besetzt und wer der Findungskommission angehören wird.

Ungeachtet dessen probt das Ethnologische Museum mit dem "Humboldt-Lab" bereits, wie sich Artefakte außereuropäischer Kulturen zeitgemäß präsentieren lassen. Denn am alten Dahlemer Standort zeigen sich seine Schaustücke traditionell nach Regionen und Epochen sortiert und über weite Strecken ohne Hinweise auf die Herkunft. Hier herrscht noch eine Ordnung, die die Welt in Völker teilt und Europa als Maß der Dinge wähnt.

Das "Humboldt-Lab" soll die Perspektive erweitern. So wünscht man es sich in der Bundeskulturstiftung, die das Vorhaben mit über vier Millionen Euro fördert. Unter Leitung des Schweizer Ausstellungsmachers Martin Heller und der Museumsdirektorin Viola König testen Mitarbeiter, externe Wissenschaftler, Künstler und Designer, wie sich Vasen, kultische Gegenstände und Tondokumente neu arrangieren lassen. Für die neue Folge hat beispielsweise das benachbarte Museum Europäischer Kulturen Exponate mit den Ethnologen getauscht. So erhebt sich jetzt eine Standuhr aus dem 19. Jahrhundert neben einem steinernen Maja-Kalender. Ein anderes Experiment präsentiert den Hocker eines Schamanen zwischen transparenten Stoffbahnen und einer Wandzeichnung mit einem Jaguar. Dieser Raum, gestaltet von der Ethnologin Andrea Scholz und dem Künstler Sebastián Mejía, soll es Besuchern ermöglichen, das Weltbild eines Schamanen nachzuvollziehen, der Menschen, Tiere und Dinge gleichermaßen als Personen sieht.

Andrea Scholz hatte in der ersten Folge des "Lab" Anfang 2013 die Messlatte hoch gehängt: mit Provenienzforschung zu einem geschnitzten Stab aus der Sammlung. Er war seinem Träger in Südamerika entwendet worden – in einer Missionsstation der Herrenhuter, eines Ordens aus Sachsen, in dessen Archiv nahe Görlitz die Wissenschaftlerin Unterlagen über die Herkunft fand. Scholz’ Beitrag zum Perspektivwechsel ist im "Lab" bisher unerreicht geblieben, auch vom zweiten Teil der Reihe, in dem sich die Künstler Kristine Roepstorff, Simon Starling und Zhao Zhao in ihren Installationen einem chinesischen Kaiserthron widmeten. Künstler können Wissenschaftlern die Arbeit nicht abnehmen.

Das ist ein dünnes Zwischenergebnis für eine Reihe, die so teuer ist wie eineinhalb Berlin Biennalen. Und die zudem einen aufwändigen Vorläufer hat: "Die Tropen", eine Schau von Ethnologischem Museum und Goethe-Institut 2008, die meist anonyme Kunst aus Übersee mit Arbeiten namhafter Zeitgenossen kombinierte. Es war der vergebliche Versuch, das Konzept der Pariser Ausstellung "Les Magiciens de la Terre" 20 Jahre später für Deutschland zu adaptieren. Heute ist von "Die Tropen" kaum mehr die Rede.

Ähnliches dürfte einigen Experimenten des "Humboldt Lab" blühen. Etwa den Spielereien mit Porträts, die europäische Forscher einst von indigenen Südamerikanern aufnahmen. Der Ethnologe Michael Kraus hat die Aufnahmen auf Lebensgröße hochziehen und animieren lassen. Versehen mit den spärlich überlieferten Daten ihrer Biografie sollen die Abgebildeten dem Besucher nun sozusagen auf Augenhöhe begegnen. Tatsächlich aber sind die längst Verstorbenen, die nun mit Kopf und Körper wackeln, nur erneut Blicken preisgegeben. Und zwar unter dem zweideutigen Titel "Fotografien berühren", der suggeriert, man dürfe die Fotos von den für europäische Begriffe wenig bekleideten Menschen anfassen. So werden die Abgebildeten ein zweites Mal zum Objekt. Höchste Zeit für Teil vier und fünf der Reihe: Dann sollen die Berliner Ethnologen endlich mit Experten aus den Herkunftsregionen der Exponate kooperieren.

"Probebühne Humboldt Lab Dahlem"

Bis 30. März 2014

http://www.humboldt-lab.de