Kasper König - Interview

Das Museum gehört allen!

Eine Legende der deutschen Kunstszene nimmt Abschied: Nach zwölf Jahren verlässt Kasper König den Direktorenposten am Kölner Museum Ludwig. Im Interview mit art zieht er Bilanz.
Das Museum gehört allen!:Interview mit Szenelegende Kaspar König

Kasper König, Direktor des Museum Ludwig, zieht in seinem Kölner Büro Bilanz

Das Direktorenzimmer im Museum Ludwig: Der Blick durchs Fenster geht auf den Rhein, an den Wänden Bücher, Bücher, Bücher; neben einer Mini-Musikanlage liegen ein paar Jazz-CDs. Man fühlt sich wie in einem Wohn­zimmer. Wir haben eine alte art-Ausgabe von 1984 dabei, in der König als junger aufstrebender Kurator porträtiert wurde.

Der 1943 in Mettingen geborene Westfale hatte damals mit den Ausstellungen "Westkunst" (1981) und "Von hier aus" (1984) das künstlerische Selbstverständnis der Bundesrepublik formuliert. Als (Mit-) Erfinder der Außenraumschau "Skulptur Projekte", die seit 1977 alle zehn Jahre in Münster stattfindet, prägte er eine eigene Tradition. Er leitete in den neunziger Jahren die Frankfurter Städelschule und initierte die Ausstellungshalle Portikus. Seit 2000 ist König Direktor des Museums Ludwig in Köln, in diesem Herbst läuft seine Amtszeit ab. Zeit, Bilanz zu ziehen. Als wir in der art-Ausgabe von 1984 eine Brillo Box von Andy Warhol entdecken, deutet König auf eine Ecke seines Büros: "Da vorne steht sie." Und auch das Sofa, auf dem der Ku-rator damals fotografiert wurde, gibt es noch immer: "Es steht jetzt da draußen auf dem Flur." Kasper König ist also durchaus ein Mann, der Kontinuität schätzt, trotz aller Veränderungen.

art:Herr König, als Sie vor zwölf Jahren Direktor des Museums Ludwig wurden, haben Sie über das Gebäude gelästert: Es erin­nerte Sie an ein "bulgarisches Kulturzentrum". Konnten Sie sich inzwischen etwas mehr mit dem Museumsgebäude anfreunden?

König: Ich muss gestehen, dass ich das Gebäude inzwischen lieb gewonnen habe. Allerdings habe ich die Kölner auch immer wieder darauf hingewiesen, dass der Bau ähnlich alt ist wie der Berliner Palast der Republik; es ist architekturhistorisch die Kehrseite der gleichen Medaille. Ich weiß jetzt nach zwölf Jahren, wie man mit dem Gebäude umgehen kann. Wir hatten hier 2004 eine Retrospektive von Edward Hopper, die war mit 380 000 Besuchern unsere bestbesuchte Ausstellung. Damals hat sich das Gebäude sehr bewährt, die Besuchermengen wurden spielend bewältigt. Es ist dann eben auch im positiven Sinne ein städtisches Kulturzentrum, es gehört allen und keinem – anders als die noch höfisch geprägten Häuser in München und Berlin.

Sie waren vor dem Jahr 2000 freier Kurator, und sind erst recht spät in Ihrer Karriere Museumsdirektor geworden. Hat sich ihr Verhältnis zum Museum in der Zeit noch einmal geändert?

Nicht im Kern. Ich bin nie in einem Museum sozialisiert worden. Ich komme aus einer bürgerlichen Familie, fühlte mich immer als Außenseiter. Das führte dazu, dass ich mir meine Unschuld gegenüber dem Ort Museum bewahrt habe. Ich gehe jeden Tag durch die Ausstellungsräume ins Büro, nicht durch den Hintereingang.

Wie sehen Sie denn die Aufgabe des Museums heute, da die digitalen Medien immer mehr Zeit fressen?

Das Museum ist ein Depot mit Schaufläche, nicht umgekehrt. Man ist ja im Museum zugleich allein und unter fremden Menschen – das ist für mich das erotische Moment, welches natürlich in Museen mit älterer Kunst viel deutlicher spürbar ist, etwa im Prado. Das Auratische, das diese alten Museen haben, auch in einem zeitgenössischen Haus hinzukriegen, ist schwierig, aber sehr wohl möglich. Und das ist kein Verrat an Duchamp! Was die digitalen Medien betrifft: Man muss deren Möglichkeiten nutzen, um junge Leute ins Museum zu locken. Sie müssen aber dabei mitbekommen: Die Kunst findet nicht im Netz, sondern neben dem Hauptbahnhof im Schat­ten des Doms statt.

Seit "Das MoMA in Berlin" im Jahr 2004 gibt es eine neue Welle von Blockbustern.

Ich glaube, das Prinzip "Blockbuster-Schau" wird sich totlaufen. Man verdient ja daran auch kein Geld, das geht alles direkt an Transporteure und Versicherungen.

Als Sie nach Köln kamen, herrschte hier schlechte Stimmung: Künstler und Galeristen wanderten nach Berlin ab. Hinzu kamen gescheiterte Bauvorhaben, der Einsturz des Stadtarchivs ... Wie steht die Stadt heute da?

Köln hatte vor 30, 40 Jahren in der Kunst eine unglaubliche Aktualität; die Stadt hatte eine Art von Spontaneität entwickelt im bundesrepublikanischen Rahmen, der ja eher provinziell war. Hier war eine Illusion des Kosmopolitischen aufgekommen – für einige Jahre war das Realität! Danach, als man das Gefühl hatte, die großen Zeiten seien vorbei, hat es dann für viele Jahre einen Phantomschmerz gegeben. Aber Köln ist eine liederliche alte Stadt, die kann sich immer wieder in unerwarteter Weise erneuern. Wir sind ja sehr international, in Richtung Westen: Mehr als ein Drittel unserer Besucher bei großen Ausstellungen kommt aus Belgien, Holland und Nordfrankreich.

Und wie ist Ihr Verhältnis zu Berlin? Die Nuller Jahre waren sehr stark von Berlin dominiert, es wurde zur neuen Kunstmetrople.

Natürlich ist Berlin eine Künstlerstadt. Zwar leben in Köln ein paar prominente Künstler wie Gerhard Richter, das ist aber eher die Altersgruppe "50 plus". Die Jüngeren gehen lieber nach Berlin, vor allem wenn sie nicht viel Geld haben. Als Kunstmetropole habe ich Berlin aber nie gesehen.

Waren Sie auf der Berlin-Biennale?

Ja, und ich finde sie ganz furchtbar. Ich habe ja Verständnis dafür, dass man irgendwie ein Unbehagen hat gegenüber dem eigenen Betrieb. Und dann nimmt man sich einen Künstler wie Artur Zmijewski als Leiter der Berlin-Biennale, um einen Bruch herbeizuführen. Er ist ja ein interessanter Typ. Und ich finde: Dann soll er das machen, dann soll er die Kohle nehmen, und die weitergeben an Leute, die er gut findet. Aber er soll nicht Occupy einladen, die Kunst-Werke zu beset­zen, was ja völlig absurd ist. So entsteht eine schlechte Stimmung, und das Ganze ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Man muss nicht nur permanent so eine Angeberei veranstalten – lieber sollte man solide sein Ding machen.

Ist Berlin anfällig für solche Angebereien?

Das kann schon sein. Ich fand in letzter Zeit manches dort ein bisschen vordergründig. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob Rentiere unbedingt ins Museum gehören (lacht).

Immerhin ist Kunst heute sehr populär, hat große mediale Aufmerksamkeit.

Ja, das ist überall zu spüren. Bei sehr erfolgreichen Künstlern gibt es mittlerweile ein ge­wisses Standesbewusstsein, so nach dem Motto: Du fährst einen Mercedes, dann fahre ich einen BMW. So etwas wäre vor 40 Jahren völlig undenkbar gewesen; damals waren die Kunstszene und diese Art von Statusdenken einfach getrennte Welten. Ich merke das auch. Zum Beispiel hatte ich in der Eröffnungswoche der documenta 13 ungefähr 15 Einladungen: für eine Schiffsfahrt von Frie-ze, für ein Mittagessen von der Galerie Zwirner, von Hauser & Wirth, von Barbara Gladstone ... Das heißt, auch die documenta ist so etwas geworden wie die Filmfestspiele.

Aber lässt sich das nicht gut nutzen, um ein junges Publikum ins Museum zu locken?

Da bin ich eher skeptisch. Die Jungen lesen diese Kunstmarkt-News, Millionenbeträge für irgendwelche Bilder – so was ist sehr präsent in den Medien. Man muss aufpassen, dass man die Leute nicht versaut, denn am Ende erwartet sie im Museum etwas, das eigentlich ganz normal ist: Kunst.

Wie halten Sie Schritt mit dem globalen Kunstbetrieb, der mittlerweile Biennalen in Dakar, Taipeh und São Paulo hat?

Man muss ja gar nicht Schritt halten. Wichtig ist eher, dass man die Kunst, die man kennt, auch weitergibt. Catherine David hat damals auf der documenta 10 einige Künstler aus entlegenen Ländern gezeigt, die in Europa längst hätten bekannt sein müssen. Aber sie waren es nicht, weil hier alle nur mit sich selbst beschäftigt waren. Man muss Informationen in Umlauf bringen, und
sie nicht benutzen, um sich selbst wichtig zu machen.

Der Kurator ist ja heute zu einer sehr populären Figur geworden. Sie waren ja schon Kurator, als das noch nicht so war. Ist das ein Erfolg oder eine Fehlentwicklung?

Das Wort begegnet einem ja plötzlich überall. Jemand der eine Party macht, nennt sich Kurator (lacht). Ich halte es für einen Unsinn, das Kuratieren zu unterrichten und würde mir mehr Skepsis wünschen. Man muss sich ja eigentlich bei jedem Projekt fragten, ob die Ausstellung überhaupt das geeignete Medium dafür ist, oder ob man nicht zum Beispiel lieber einen Film drehen möchte. Für mich ist die ideale Ausstellung verkörpert in der Werkbund-Schau, die 1927 in Stuttgart stattgefunden hat. Da ging es um ein ganz konkretes gesellschaftliches Problem: Wie geht man mit der wahn­sinnigen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg um? Wie schafft man Wohnraum für Familien ohne Vater, weil der im Krieg gefallen ist? Die Architekten, die damit beauftragt wurden, waren dann so hochkarätig, dass diese Ausstellung heute nur noch als kunstgeschichtliches Phänomen gilt: Scharoun, Mies van der Rohe, Le Corbusier ... In Wirklichkeit war es eine Gemengelage aus politischen, ökonomischen und sozialen Gegebenheiten, wo etwas modellhaft präsentiert wurde. Das ist es, was eine Ausstellung sein kann. Wenn sie nur zum Selbstzweck wird, dann ist das irgendwie blöd, oder?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was König an der documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev schätzt und wo ihm seine westfälische Beständigkeit zugute kommt...

Kuratoren sehen sich heute gern als Superkünstler, die alles thematisch fassen und überhöhen können.

Das ist ein echtes Problem, wenn das alles so eine Meta-Bedeutung bekommt, ganz fatal!

In diese Kuratoren-Kategorie könnte auch Carolyn Christov-Bakargiev fallen, die in diesem Jahr eine sehr persönlich geprägte documenta gemacht hat.

Stimmt, aber die ist authentisch verrückt (lacht) – davor habe ich Respekt.

Es war in Ihrer Generation ungewöhnlich, dass jemand ohne Kunstgeschichtsstu­dium Karriere macht. Ist das heute anders?

Das glaube ich nicht. Ich stelle aber fest, dass bestimmte Typen gefragt sind, wenn es um Direktorenposten und ähnliches geht: Leute, die wie Unternehmer agieren und schon mal Dinge auf eigenes Risiko gemacht haben. Gefragt ist der flotte Entrepreneur, der sich gut präsentieren kann. Man muss jetzt eher aufpassen, dass der klassisch defensive bürokratische Weg, der ja auch eine gewisse intellektuelle Unabhängigkeit garantiert, nicht verloren geht.

Wie sehen Sie persönlich Ihre Perspektive nach dem Ende Ihrer Amtszeit?

Ich habe eine westfälische Beständigkeit. Als ich nach Frankfurt an die Städelschule ging, sagten viele: Das macht der kein halbes Jahr – und dann bin ich zwölf Jahre geblieben. Genauso lange war ich jetzt hier in Köln, ich bin der dienstälteste Direktor, vorher ging es hier zu wie im Taubenschlag. Ansonsten beschäftige ich mich jetzt schon mit den nächsten Skulptur-Projekten Münster. Das heißt nicht, dass ich das 2017 machen muss. Ich werde aber in jedem Fall bei den Vorbereitungen dabei sein. Überdies habe ich für zwei Jahre einen Lehrauftrag in Amerika übernommen, um auch eine gewisse Distanz herzustellen. Ich werde nach Berlin umziehen, weil meine Frau dort lebt, und ein kleines Büro in Brüssel aufmachen, um den Kontakt zum Westen zu halten.

Werden Sie frei Ausstellungen machen?

Nein, ich glaube erst mal nicht (lacht).

Ein Wunsch bleibt immer übrig

Kasper Königs Abschiedsausstellung "Ein Wunsch bleibt immer übrig" läuft noch bis zum 4. November 2012 im Museum Ludwig
http://www.museenkoeln.de/museum-ludwig/

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