Interview mit Andreas Angelidakis

Ein Salon für Europa

Europa steckt in der Krise, und die Berlin-Biennale schreitet ein: Andreas Angelidakis hat zwei Monate vor dem Start der Biennale ein erstes Kunstwerk eröffnet. Sein "Crash Pad" soll Berlin und Griechenland ins Gespräch bringen.
Europa, der Crash und die Kunst:die erste Arbeit der 8. Berlin Biennale

Andreas Angelidakis: "Crash Pad"

Es sollte ein komfortabler Ort werden, das war der Auftrag von Juan Gaitán, Chefkurator der diesjährigen Berlin-Biennale.

Die Antwort des griechischen Künstlers und Architekten Andreas Angelidakis ist in der Tat behaglich ausgefallen. Das historische Apartment im Vorderhaus der Berliner Kunstwerke hat er in einen griechischen Salon umgewandelt, über und über gefüllt mit Teppichen. Wände, Boden, Sitzmöbel, Kissen, alles ist von dem handgewebten Textil überdeckt – geometrische Muster und abstrakte Floralmotive wechseln einander ab. Vereinzelt sticht das Weiß von Styroporkopien ionischer Säulen aus dem farbkräftigen Ornamentdickicht hervor. Punktuell arrangierte Reproduktionen historischer Druckgrafiken, etwa ein großformatiger Stich von William Miller mit einer Abbildung des Minervatempels auf der Akropolis, setzt sich vom rustikalen Interieur ab.

Crash Pad, so heißt die Rauminstallation. Sie ist die erste Produktion für die 8. Berlin-Biennale und einleitendes Statement ihres Kurators Juan Gaitán. Sie sieht nicht nur aus wie ein Salon, sie ist ein Salon. Juan Gaitán ruft mit dieser Auftragsarbeit die intellektuelle Kultur des europäischen 19. Jahrhunderts wach und besinnt sich auf die kulturelle Blüte Berlins, als die Stadt mit Gesellschaftsclubs und Gelehrtenzirkeln zu einem nervösen Umschlagplatz von Ideen wurde. Crash Pad soll ab diesem Januarwochenende bis zum Ende der im August zu einem Ort der Diskussion und der Reflexion werden, für Besucher und teilnehmende Künstler gleichermaßen.

Als "wohnliche Ruine” bezeichnet Angelidakis seine Rauminstallation, und so klingen in diesem gemütlich dissonanten Arrangement aus folkloristischer Handarbeit und kitschiger Antikensehnsucht Bruchstücke der griechischen Geschichte an. Konkret nimmt Angelidakis dabei auf die Unabhängigkeitshistorie des Landes Bezug. Teppiche und Säulen stehen für zwei gegensätzliche Parteien, eine europäisch geprägte Diaspora und bäuerliche Partisanen, die im 19. Jahrhundert, eben zu jener Zeit der Salonkultur, die Modernisierung und Loslösung Griechenlands vom Osmanischen Reich vorantrieben. Das Bündnis zerbrach im Widerstreit und ja, der erste Crash, der Staatsbankrott von 1893, war die Folge – Crash Pad formuliert einen traurigen Zirkelschluss, der den Bogen von der griechischen Nationalgeschichte zur aktuellen Finanzkrise spannt.

Wie greifen die Narrative von Geschichte und Nation in die heutige Realität ein? Diesem Spannungsfeld möchte Juan Gaitán während der Biennale nachspüren, sozial, kulturell und räumlich. Die Stadt Berlin wird dabei nicht nur Kulisse einer Kunstschau, sondern sie soll selbst verhandelt werden. "Nach der Wende wurde das Zentrum Berlin wieder zurückgeformt und rekonstruiert” sagt Gaitán. "Diese Begeisterung für das Vergangene, wird Bestandteil der Biennale sein.” Mit zahlreichen Auftragsarbeiten, das ist gewiss, werden sich Künstler mit der Historizität und Realität der Orte auseinandersetzen. Dafür werden zwei weitere Institutionen in die Biennale einbezogen: die Museen Dahlem und das Haus am Waldsee – beides bedeutende Kulturinstitutionen für die Nachkriegsgeschichte Berlins.

Durch die Spielstätten flanieren darf man jetzt schon, zumindest virtuell. Die australische Künstlerin Agatha Gothe-Snapes platziert auf der Website der historische und zeitgenössische Fotografien der Ausstellungsorte und bringt sie mit Pseudo-Werbeslogans in Verbindung, die zugleich den kuratorischen Prozess der Biennale reflektieren. Mit Crash Pad wendet Juan Gaitán einen ersten Blick in das Interieur nationaler Geschichtsschreibung. Dass Andreas Angelidakis bei der Ausstaffierung des Salons auf das prägnante Blau-Weiß der griechischen Nationalflagge verzichtete, kommt dem Kurator entgegen: "Die Biennale wird Aspekte der Geschichte hervorholen, die weniger im allgemeinen Bewusstsein sind.”

8. Berlin Biennale

29.5 bis 3.8.
Berlin Biennale target=">http://www.berlinbiennale.de/