Pecha Kucha - Trend aus Tokio

Keine Zeit für Dummschnack

20 Bilder à 20 Sekunden hat jeder, der hier mitmacht, um sein Projekt auf den Punkt zu bringen – mehr nicht. Wer das charmant und gut macht, kann in sechs Minuten und 40 Sekunden die Welt erreichen.

Einen der angesagtesten Clubs in Roppongi, das "SuperDeluxe", betreiben zwei Architekten: die Kosmopolitin Astrid Klein – Tochter deutscher Eltern, aufgewachsen in Italien, Schule in Frankreich, Studium in England – und der Brite Mark Dytham aus der Gegend von Milton Keynes. Sie lernten sich beim Studium am Londoner Royal College of Art kennen, gingen 1988 nach Tokio, arbeiteten für Toyo Ito und gründeten 1991 ihr eigenes Büro: "Klein Dytham Architecture", mit dem sie alles von der Hochzeitskapelle übers Badehaus bis zum Flagshipstore realisieren.

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Strecken Teaser

Und weil die beiden Endvierziger äußerst energiegeladen sind, haben sie 2003 kurzerhand das "SuperDeluxe" eröffnet, in dem sie von schrillen Popkonzerten über Experimentalfilmabenden bis zu Theaterperformances alles veranstalten, was ihnen gefällt. "Wir wollten einen Ort mit entspannter, kreativer Atmosphäre, um Freunde zusammen zu bringen und neue Leute kennen zu lernen", erzählt Astrid Klein. "So kamen wir auch auf die Idee zu den Pecha Kucha Nights. Wir wollten ein Ideen-Forum mit Tempo, Witz und Action – bloß keine endlosen Power Point Präsentationen."

"Pecha Kucha" heißt auf Japanisch so viel wie "wirres Geplapper" und meint das fröhliche Stimmengewirr, das man von Partys kennt. Jeder, der hier heute bei der 48. "Pecha Kucha Night" in Tokio mitmacht, hat 20 Bilder, um sein Projekt auf den Punkt zu bringen – mit Mikro vor der Menge, während die Bilder unaufhaltsam im 20-Sekunden-Takt an die Wand geworfen werden. "Da werden manche nervös", erzählt Astrid und lacht. "Aber wir bemühen uns um eine echt entspannte Atmosphäre – das ist ja hier kein Wettkampf."

Trotz des vielen nackten Betons wirkt das "SuperDeluxe" durch indirektes Licht und viele gepolsterte Sitzquader einladend. Die Atmosphäre ist fast schon familiär, Astrid Klein und Mark Dytham kennen viele persönlich, laufen herum, umarmen, begrüßen. Sie ist groß, schlank, hat kurzes graues Haar, hellwache Augen und trägt schwarze Lederhose zu weißer Rüschenbluse. Ihr freundliches Lachen übertönt immer wieder das Stimmengewirr.

Mittlerweile ist der Club mit 350 Gästen fast voll, das Licht ist aus und Astrid Klein steht vorn im Scheinwerferlicht mit einem Mikrofon. In fließendem Japanisch begrüßt sie alle zur ersten "Pecha Kucha Night" 2008. Dann geht es los: eine junge japanische Fotografin fotografiert Leute, die bei sich zu Hause in einen Spielfilm vertieft sind. Dann kommt der erste Ausländer, ein Deutscher, der erforscht wie man Computer benutzerfreundlicher machen kann. Der nächste ist ein japanischer Industriedesigner, er spricht von seiner Sucht nach Erdbeergelee und wie daraus erst eine Brille, dann ein Anzug und schließlich eine Serienproduktion von Hockern für die Firma Koziol entstand.

Nach der Hälfte ist "Beer Break". Leute, die sich vorher kaum oder gar nicht kannten, reden nun angeregt miteinander. Naoki Terada, der "Jelly-Man", erzählt, dass er schon zum zweiten Mal mitgemacht hat und die lockere Atmosphäre mag: "Viele Leute werde ich bestimmt hier oder in einem anderen Club wieder treffen, vielleicht ergibt sich daraus ja jobmäßig was – oder privat." Fast täglich bekommen Astrid Klein und Mark Dytham Anfragen aus der ganzen Welt von Leuten, die bei sich in der Stadt "Pecha Kucha" veranstalten wollen. "Eigentlich sind wir nicht die Typen, die auf alles gleich Lizenzen und Copyrights erheben", sagt Mark Dytham, "aber hier mussten wir einfach Richtlinien festlegen – alleine schon, damit sich niemand mit diesem Konzept bereichert." Im Internet wird alles koordieniert: da sind alle offiziellen Veranstalter vernetzt, man kann sich darüber informieren, wo und wann die nächste Veranstaltung ist. Ein "Pecha Kucha"-Veranstalter ist heute sogar aus Montreal nach Tokio gekommen. Es sei sein Traum gewesen, einmal beim Original dabei zu sein, sagt er. Astrid Klein steht mit einem Bier in der Hand daneben und lacht: "Wir haben im Traum nicht mit dieser Lawine gerechnet."