Performance Hotel - Stuttgart

Kaffeesalami und tropfende Shorts in der Villa Kunterbunt

Der Künstler Byung Chul Kim betreibt in Stuttgart ein Performancehotel. Wer eine Aktion macht, übernachtet kostenlos.
Kaffeesalami und tropfende Shorts in der Villa Kunterbunt:Das Performance-Hotel

Das Performancehotel in Stuttgart

Luxus sieht anders aus. Saunalandschaft, Pay-TV und Frotteelatschen gibt es im Performancehotel Stuttgart nicht. Aber immerhin: ein Feldbett oder eine Matratze am Boden, ein paar verbogene Kleiderbügel und morgens ein einfaches Frühstück. Dafür kann man sich im Garten in die alte Blechwanne legen und planschend den Vögeln zuhören.

Acht Euro kostet die Nacht, manchmal aber auch sechs oder zehn. "Das hängt von meiner Laune ab", sagt Byung Chul Kim, der Hotelier. Eines ist aber zumindest sicher: Wer eine Performance präsentiert, nächtigt umsonst. Es ist ein kurioses Projekt, das Byung Chul Kim im Stuttgarter Osten initiiert hat. Der 36-jährige Koreaner ist Postgraduiertenstudent bei Christian Jankowski an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und Performancekünstler. Das Performancehotel ist seine bislang größte und aufwendigste Aktion. Alles, was in dem kleinen Hexenhäuschen passiert, ist für ihn Kunst. "Ich wollte eine Welt schaffen, in der jeder Künstler ist", sagt Byung Chul Kim, "sobald man das Haus betritt, wird man sofort zum Künstler."

Sich in Badeshorts und triefendnass die Übernachtung erarbeiten

Daniela Nadolleck und Mirjam Bayerdörfer waren das schon vorher. Sie studieren an der Hochschule der Künste Saar und sind mit Herren-Badeshorts nach Stuttgart gereist – und wollen sich mit einer Performance die Übernachtung erarbeiten. Andächtig schleppen sie zwei Bottiche Wasser in die Gartenbadewanne und setzen sich mit ihren riesigen Stoffshorts in die Wanne. Später stehen sie triefend vor der Tür des Hauses, direkt an der Hauptstraße. Da stehen sie und das Wasser tropft aus den Hosen in die Bottiche – und spätestens, als sie einen Text vorlesen, wird der Sinn ihrer Aktion deutlich: Durch Shorts sollen Schwimmbädern zehn Prozent des Wassers verloren gehen. Da braucht man sich nicht wundern, wenn die öffentlichen Haushalte klamm sind.

Die Passanten im Stuttgarter Osten wundern sich schon lange nicht mehr, was ihre Nachbarn so treiben. Im Herbst hat der Designer Demian Bern die Fassade tapeziert. In einer spektakulären Aktion seilte er sich wie ein Bergsteiger vom Dach ab und klebte kunterbunte Plakate an die Front, der Ausschuss einer Druckerei. Die Stadt stellt den Studenten das heruntergekommene Wohnhaus zur Verfügung, auch einige Geschäftsleute aus der Gegend unterstützen die jungen Leute. Wenn wieder ein langes Performance-Wochenende ansteht, schauen immer auch Nachbarn und andere Gäste im Hotel vorbei. "Es kommen viele her, die keine Künstler sind", erzählt Byung Chul Kim – und diese ganz gewöhnlichen Übernachtungsgäste sind ihm fast die liebsten. "Ich finde es manchmal viel interessanter, was andere machen, die keine Künstler sind", sagt Byung Chul Kim, "die machen Dinge, die aus dem Alltag kommen und aus ihrer Erfahrung heraus."

In Espresso getauchte Salamirädchen gegen Verweichlichung

"Das ist keine Performance, das ist eine Übung", sagt Susanne Jakob. Sie ist Kunsthistorikerin und hat für ihre Aktion "Das exaltierte Schwein" schon Salamirädchen geschnitten und Espresso gekocht. Denn Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des Futurismus, wollte nicht nur die Kunst von veralteten Strukturen befreien, sondern auch Italien von den Nudeln. "Er sah in Pastasciutta und Nudelgerichten die Gefahr, dass Italiener dadurch verweichlichen", sagt Jakob – und das Experiment zur befreiten Küche des Futurismus kann beginnen. Die Salami wird in den Espresso getunkt, bevor sie gegessen wird. Rau schmeckt sie – und die Gäste drücken sich in das kleine Kämmerchen, kauen, diskutieren, während Byung Chul Kim wie immer alles mit der Videokamera aufnimmt. Im Sommer, wenn das Performancehotel nach einem Jahr wieder schließt, wird er hunderte von Stunden dokumentiert haben.

"Aktionskunst ist eine Form von Kunst, sehr modern, ja, aus den USA, entstanden in den Siebzigern", sagt Marc Heydrich. Er studiert Fotografie in Saarbrücken – ist aber auch ein durchaus talentierter Autor. In einem der Gästezimmer lädt er zum Poetry Slam. Die Besucher sitzen auf den Matratzen, irgendjemand macht mal wieder aus Versehen das Licht aus, und Heydrich muss seinen munteren Vortrag unterbrechen. Er liest die Geschichte eines jungen Künstlers, der die Familie mit eigenwilligen Performances schockiert und splitternackt in der Kirche mit Kreide eine Bannkreis um sich zieht -- vor aller Augen. "Interaktion", heißt es in dem Text, "Einbindung des Publikums", gelegentlich. Sehr körperlich alles, ein bisschen wie Schauspielerei, aber Kunst, eine Kunstform eben. Performance in dem Stuttgarter Hotel ist zudem Kunst, "die völlig im Lebensalltag verwurzelt ist". Das meint der Künstler Georg Winter, der in Saarbrücken Professor ist und das Projekt betreut, weil ihm Hochschulkunst außerhalb der Hochschule die liebste ist. Hier sei die Performance "nicht so abgehoben", meint er – und verschwindet zwischen einer Gruppe junger Leute, die ausschauen, als wollten sie gleich eine Bank überfallen. Denn Martina Geiger-Gerlach hat "100 Schutzhauben" im Performancehotel ausgelegt, die man sich über den Kopf ziehen darf, um beim Blick durch den Sehschlitz zu testen, wie sich "Wahrnehmung, Verhalten und Gemütslage" mit den Bankräubermützen verändern.

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